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Bayerns etwas anderer Sieg

Von wegen Kastration

Donnerstag, 17.03.2016 | 11:08 Uhr
Der FC Bayern feiert seinen Sieg nach Verlängerung über Juventus Turin
© getty
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Den Einzug ins Viertelfinale der Champions League verdankt der FC Bayern nicht seiner obligatorischen Vorgehensweise. Der etwas untypische Sieg gegen Juventus Turin resultierte aus Komponenten, die die Münchener nur selten zeigen (müssen). Und weil es lange dauerte, machten sich düstere Szenarien breit in der Allianz Arena.

So ab der 29. Minute, also ein paar Augenblicke, nachdem Juan Cuadrado nach überragender Vorarbeit von Alvaro Morata Philipp Lahm aussteigen ließ und dann rechts an Manuel Neuer vorbei zum 2:0 für Juventus einschoss, durfte man durchaus mal das Szenario im Kopf durchspielen.

Der FC Bayern München scheidet Mitte März aus der Champions League aus. Zwar besteht noch die Chance auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft und des DFB-Pokals. Aber in München ist in dieser Phase gerade das Triple gut genug, wie Guardiola selbst angemerkt hat. Er hat diesen Druck akzeptiert, daran wird er gemessen. Alles andere ist ein Trostpreis.

Und nach einem Aus im Achtelfinale bricht alles über den Katalanen herein. Pep beim FC Bayern? Das war nett, aber nicht super, super, würde manch einer sagen. Er hat das Potenzial nicht abgerufen, würde manch einer sagen. Wie kann er für Machester City arbeiten, wenn er noch beim FC Bayern ist? Ach, was sollte eigentlich dieser Trip nach Amsterdam neulich?

Und auch die Mannschaft hätte es abbekommen. David Alaba macht ausgerechnet jetzt - in einer Phase, in der es Gerüchte um ManCity gibt, sein schlechtestes Spiel für den FC Bayern? Ist er mit dem Kopf schon woanders? Ist Medhi Benatia nicht ein Fehlereinkauf? Hätte vielleicht Thiago spielen müssen?

Zufrieden, respektvoll, geschlaucht

Das ist die Gemengelage, in der sich der FC Bayern und sein Trainer bis zum Wechsel auf Carlo Ancelotti bewegen.

Aber ein Spiel endet nun mal nicht nach 28 Minuten, sondern nach 90, oder wie am Mittwoch nach 120. Und der FC Bayern ist Mitte März nicht aus der Champions League ausgeschieden. Er ist nach einem Kraftakt eine Runde weitergekommen: 4:2 gewann der FCB gegen Juventus - und das völlig verdient und fulminant.

"Wenn man gegen eine italienische Mannschaft nach 0:2-Rückstand vier Tore macht, ist das überragend. Großes Kompliment an meine Mannschaft", lobte Pep hinterher. Ihm war keine besonders außergewöhnliche Erleichterung anzumerken. Er gab sich eben so, wie sich ein Trainer nach einem 4:2 nach 0:2 im Achtelfinale der Champions League gibt. Zufrieden, respektvoll, geschlaucht.

Bayern mag Verlängerungen nicht - normalerweise

"Eher platt als euphorisch", war auch Thomas Müller, der mit seinem Kopfballtor in der 90. Minute überhaupt dafür sorgte, dass es eine Extrazeit von 30 Minuten für die weiteren beiden Tore von Thiago Alcantara und Kingsley Coman gab. In der Allianz Arena, auf Champions-League-Niveau, in die Verlängerung zu gehen - darüber redet man in München nicht gerne. Man muss dann nämlich über Didier Drogba reden, über Chelsea, über Tränen.

Und überhaupt mögen die Bayern Verlängerungen - egal in welchem Wettbewerb - derzeit nicht so. Die letzten beiden Versuche, im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund und im Supercup gegen den VfL Wolfsburg, gingen verloren. Jeweils im Elfmeterschießen.

In dieses wollte sich Juventus diesmal retten, so schien es zumindest. Aber die Bayern wussten es zu verhindern. "Wir haben dem Gegner Geschenke gemacht. Erst danach hat man gesehen, zu welchem Fußball wir fähig sind", sagte Manuel Neuer. Der Sieg kam aber nicht zu Stande, weil die Bayern das spielten, was sie immer spielten. Sie nahmen den anderen Weg - zumindest zum Teil.

Alles ganz anders

Gebetsmühlenartig, als gäbe es kein anderes Thema rund um dieses Duell der Rekordmeister, wurde Juventus' vermeintliche Überlegenheit in der Luft in den Fokus gestellt. Die großen Italiener gegen Bayerns Zwerge um Joshua Kimmich und Co.?! Ach was... Bayern drehte das Spiel, weil erst Robert Lewandowski, dann Müller per Kopf trafen. Es wurde zum probaten Mittel, hoch und weit zu flanken, weil es anders - also Bayern-like mit viel Ballbesitz, viel Passspiel, viel Kombination - nicht bis zum Abschluss funktionierte. Juventus ging früh in Führung, riegelte ab und ließ die Roten nicht in die Gefahrenzone.

Sie lernten dabei auch aus dem Hinspiel, als Bayern deutlich besser kombinierte und Gefahr entfachte. Lewandowski hatte diesmal im ersten Durchgang die wenigsten Ballkontakte aller Akteure auf dem Platz, obwohl die Gastgeber bei 80 Prozent Ballbesitz lagen. Aber auch die Bayern hatten aus dem Hinspiel gelernt, dass ein 0:2 schnell Geschichte sein kann.

Sie kamen aus der Luft zurück ins Spiel, sie kamen aber auch über die Physis. Als Juventus etwas müder wirkte, lief Bayern heiß. Die Münchener gewannen die Zweikämpfe, allen voran Arturo Vidal, der aufgrund seiner Leistungen in beiden Spielen zum nicht mehr heimlichen Helden des Weiterkommens wurde. "Arturo ist super. Er stellt sich in den Dienst der Mannschaft", lobte Kapitän Philipp Lahm den Chilenen.

Emotionen in der Arena

Und da war noch die Emotion, die auf Seiten der Bayern war. "Die Mannschaft hat Charakter bewiesen. Das sind Spiele, die dazu führen können, dass du weit kommen kannst, aber es sind auch Herzfrequenzspiele", sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hinterher. Der Italien-Freund kritisierte hinterher das Prozedere in der Champions League und die fehlenden Setzlisten für das Achtel- und Viertelfinale.

Dass Platz eins und zwei in der Gruppenphase durchaus eine Art Setzliste generieren, verschwieg Rummenigge lieber. Vielleicht war es eben diese Emotion.

"Das Publikum hat uns unglaublich nach vorne gepusht", sagte Lahm. Manchmal scheint es in der Allianz Arena kälter zu sein als im Rest Münchens. Und dennoch peitschten die meisten der 70.000 Fans in der ausverkauften Allianz Arena den Gastgeber nach vorne.

Die Eier bleiben dran

Gepeitscht hat auch Pep Guardiola seine Spieler in der Pause zwischen Schlusspfiff und Verlängerung. So sehr, dass Franz Beckenbauer in seiner letzten Sendung auf Sky den Lippenleser mimte und dem Trainer Folgendes in den Mund legte: "So weit ich das jetzt verstehe, sagt er: 'Wenn ihr das Spiel nicht gewinnt, kastriere ich euch!'"

Thomas Müller bestätigte mit einem Augenzwinkern indirekt: "Er hat nicht 'kastriert' gesagt, er hat gesagt, dann schneidet er uns die Eier ab." Aber dies blieb Pep erspart. Eine Kastration gab es nicht, weil die Bayern anders als sonst agierten und wieder zu den besten Acht Europas gehören.

Und jetzt? Was soll jetzt kommen? Wer soll jetzt kommen? "Egal", sagte jeder, der nach seinem Wunschgegner im Viertelfinale gefragt wurde. Vielmehr überwog da noch die Freude auf das Weiterkommen gegen Juventus. Jetzt kann kommen, wer will - Hauptsache die Eier bleiben dran.

FC Bayern - Juventus Turin: Daten zum Spiel

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