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Festung ohne Hängebrücke

Donnerstag, 23.04.2015 | 10:41 Uhr
Dr. Felix Brych verweist Arda Turan des Feldes
© getty
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Mit einer ausgeklügelten Defensivtaktik wollte Diego Simeone mit Atletico Titelverteidiger Real Madrid ein Schnippchen schlagen und das Halbfinale der Königsklasse buchen. Dabei vergaß der Argentinier aber einen wesentlichen Aspekt. Die Beweggründe für seine Spielidee sind nur schwer nachzuvollziehen.

In der Champions-League-Saison 2009/2010 zog ein von Jose Mourinho unglaublich defensiv eingestelltes Inter Mailand gegen einen vermeintlich übermächtigen FC Barcelona in das Finale der Königsklasse ein.

Zwei Jahre später biss sich der FC Bayern an Roberto Di Matteos Chelsea-Bollwerk die Zähne aus. Eine solche Festung wollte auch Diego Simeone Gegner Real Madrid im Viertelfinale der diesjährigen Saison gegenüberstellen.

Zwei Reihen mit je vier Mann auf einer Linie, die bei gegnerischem Ballbesitz tief in der eigenen Hälfte postiert waren, dazu zwei Stoßstürmer, die ihre Gegenspieler meist erst in der eigenen Hälfte aufnahmen: Atletico tat alles, um Real möglichst weit weg vom eigenen Tor zu halten.

Und Simeones Plan ging auf. Die Königlichen, die in den letzten vier Ligaspielen 17 (!) Tore erzielt hatten, taten sich unheimlich schwer, Lücken im Abwehrverbund der Rojiblancos zu finden. Nach 45 Minuten stand für Real nur eine wirklich gute Chance auf der Habenseite. Cristiano Ronaldo vergab.

Atletico igelt sich weiter ein

Wer allerdings dachte, Atletico würde spätestens Mitte der zweiten Halbzeit einen Gang raufschalten, um den Hausherren den entscheidenden Stoß zu verpassen, wurde enttäuscht. Statt auf das 0:1 zu gehen, das dank der Auswärtsstorregel ziemlich sicher das Weiterkommen bedeutet hätte, igelten sich die Gäste immer weiter ein und stellten vor dem Platzverweis sogar auf ein 4-5-1 um.

Betrachtet man nur die Defensive, kann der Auftritt Atleticos am gestrigen Abend durchaus mit den Leistungen der erfolgreichen Teams aus Mailand und London verglichen werden. Wer es schafft, gegen eine Mannschaft wie Real Madrid so wenige Torchancen zuzulassen, der hat viel richtig gemacht. Zieht man allerdings auch die Offensiv-Vorstellung der Rojiblancos hinzu, erkennt man eklatante Unterschiede.

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Egal ob Inter 2010 oder Chelsea 2012: In den zwar sehr defensiven Taktiken beider Teams war trotzdem eine Idee verankert, wie man zu eigenen Treffern kommen kann - sei es durch pfeilschnelle Konterstürmer der Marke Eto'o oder durch brachiale Gewalt nach Standards.

Eine solche Idee ging Atletico gegen Real Madrid komplett ab. Egal in welcher Situation und auf welcher Höhe die Gäste den Ball eroberten, sie wussten nichts damit anzufangen. Die Innenverteidiger kloppten das Leder blind hinten raus, die Sechser schoben sich haufenweise Verlegens- oder Sicherheitspässe zu und die Flügel nahmen das Tempo raus, statt sich auch mal in eine Eins-gegen-eins-Situation zu wagen.

Hatte Simeone einen Plan B?

Wie Simeone mit dieser Taktik in die Runde der letzten Vier einziehen wollte, bleibt sein Geheimnis. Eine Mannschaft, bestehend aus phänomenalen Einzelkönnern, kann man nie über die volle Distanz aus dem Spiel nehmen, das weiß auch der Argentinier.

Ob er erst nach einer Führung der Königlichen umstellen wollte, um auf den Ausgleichstreffer zu gehen, der ebenfalls den Einzug in das Halbfinale bedeutet hätte - wahrscheinlich. Der späte Treffer Reals und der Platzverweis gegen Arda Turan warfen dieses Vorhaben allerdings komplett über den Haufen und erstickten einen vermeintlich vorhandenen Plan B im Keim.

Dabei stellt sich ohnehin die Frage, warum Simeone überhaupt so tief in die Abwehr-Schatulle griff. Es ist nicht mal drei Monate her, dass sein Team die Abwehrprobleme Reals schonungslos aufdeckte und die Truppe von Carlo Ancelotti mit 4:0 aus dem Vicente Calderon schoss.

Satte sieben Pflichtspiele in Folge blieben die Königlichen sieglos gegen den Stadtrivalen, dazu fehlten mit Karim Benzema und Gareth Bale zwei brandgefährliche Angreifer des Gegners - Simeone hatte eigentlich allen Grund, sein Team mit breiter Brust auflaufen zu lassen. Biss und Mut zeigten seine Spieler aber nur in den Zweikämpfen und Abseits des Balls.

Atletico grundlos harmlos

Geizige acht Mal feuerte Atletico im Hinspiel auf den Kasten von Iker Casillas, traurige sechs Mal im Rückspiel. "Atletico hatte über beide Spiele keine klare Torchance. Wir sind verdient weiter", analysierte auch Toni Kroos. Dabei erweckten die Auftritte der zumindest nominellen Stürmer sogar einen bemitleidenswerten Eindruck.

Egal ob Antoine Griezmann, der nach 65 Minuten entnervt und entkräftet mit 17 (!) Ballaktionen ausgewechselt wurde, oder Mario Mandzukic, der sich zwar in eine Menge Zweikämpfe warf, genau wie sein Nebenmann aber nicht eine einzige Offensiv-Szene hatte.

Was ihre Hinterleute nach vorne droschen, wurde kompromisslos von den hochgewachsenen Innenverteidigern Raphael Varane und Pepe abgeräumt.

Die Rojiblancos verharrten in ihrer Festung, ohne Real dabei ein einziges Mal organisiert und in voller Stärke anzugreifen. Die Defensive der Königlichen, die das Achtelfinale gegen Schalke nur mit zwei blauen Augen überstand, hatte überhaupt keine Probleme damit, die halbherzigen Bemühungen der Gäste zu verteidigen.

Verglichen mit dem Auftreten Simeones an der Seitenlinie, das dem eines Zweihandschwert führenden Gassenhauers gleicht, präsentierten sich seine Spielidee und der Offensiv-Auftritt seiner Mannschaft eher wie ein Stallbursche mit einem Holzknüppel.

Real Madrid - Atletico Madrid: Die Statistik zum Spiel

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