Die programmierte Schwachstelle

Von Fatih Demireli
Sonntag, 21.04.2013 | 20:51 Uhr
Zu selten ein Pärchen in der Barcelona-Defensive: Carles Puyol und Pique
© getty
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Der FC Barcelona ist das Aushängeschild des europäischen Klubfußballs. Doch auch der Halbfinal-Gegner des FC Bayern München (Di., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) hat Schwächen: Diese konzentrieren sich in dieser Saison auf die Defensive. Vor den Spielen gegen Bayern erreicht die Problematik ihren Höhepunkt, dabei wurden die Fehler schon im Sommer gemacht.

Tito Vilanova war noch keine fünf Minuten Cheftrainer des FC Barcelona, da sprach der 44 Jahre alte Fußball-Lehrer schon von Problemen.

"Wir wollen uns in der Verteidigung verstärken", sagte Vilanova bei seiner Vorstellung im Juni 2012. "In den letzten Jahren haben wir in diesem Bereich Probleme gehabt und mussten Spieler einsetzen, die aus anderen Positionen kamen."

Barcas Kader für Bayern: Mit Messi, aber ohne Puyol

Zwei Monate später wiederholte er das Vorhaben, sprach diesmal von "Korrekturen", die man vornehmen müsse. Das war, nachdem Real Madrid den Supercup in zwei Duellen gegen die Katalanen gewonnen und Barca etliche Male zur defensiven Verzweiflung gebracht hatte.

Keine Verstärkungen im Sommer

Im April 2013 spricht Vilanova nicht mehr darüber, was der FC Barcelona für die Defensive tun muss. Vielleicht ist ihm das Latein ausgegangen, vielleicht bereut er seine Worte auch einfach nur. "Wir hatten im Sommer das Geld, um einen Innenverteidiger zu verpflichten." Aber? "Das wollte ich nicht."

Barcelona fand keinen geeigneten Kandidaten zu einem angemessen Preis und schenkte dem vorhandenen Personal das Vertrauen. Ein Trugschluss, denn die Situation hat sich seitdem keinen Deut verbessert. So gesehen ist die Defensive die programmierte Schwachstelle des FC Barcelona.

Vor dem doppelten Aufeinandertreffen mit dem FC Bayern München im Halbfinale der Champions League erreicht die Problematik ihren Höhepunkt, denn Barcelona hat nicht etwa rein taktische Sorgen im Defensivverhalten, sondern und vor allem personelle.

Puyol nie richtig fit

Das Grundübel heißt Pech. Pech, das Carles Puyol nicht von der Seite weicht. Die lebende Barca-Ikone ist seit Monaten nicht durchgängig fit, vier Ligaspiele in Folge waren das Maximum für den 35-Jährigen. Er wird mindestens noch bis Anfang Mai fehlen. Das heißt: Im Hinspiel ganz sicher, für das Rückspiel gibt es leise Hoffnungen. Doch auch dann wird Puyol nicht wirklich topfit sein.

"Puyols Wirken ist sehr stark. Sportlich kann Barcelona das auffangen, seine Führungskraft könnte aber fehlen", mutmaßt Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer.

Des Kapitäns etatmäßiger Vertreter Javier Mascherano gehört zu der Gattung Spieler, die "aus anderen Positionen" kommen. Der gelernte Mittelfeldspieler etablierte sich bei Barca längst als hochwertige Alternative für die Abwehr, fällt aber aufgrund einer Knieverletzung ebenfalls länger aus.

Xavi trauert Mascherano hinterher

"Mit ihm fehlt Barcelona ein dynamischer, guter, aggressiver und technisch feiner Spieler. Das könnte ein kleiner Baustein für uns sein", gibt Sammer zu. So sieht man es auch bei Barca. "Sein Ausfall ist sehr bitter", sagt Xavi. "Mascherano ist für uns genauso wichtig wie Messi."

Es sind die grundlegenden Defensivfähigkeiten des Argentiniers, die Barca fehlen. Pique ist ein Weltklasse-Innenverteidiger, mit allen Stärken ausgestattet, aber das Alleinstellungsmerkmal des Nationalverteidigers ist die Spieleröffnung. Mitunter fehlt die Stabilität, die Pique neben einer ordnenden Hand wie Puyol oder eben Mascherano hat.

Das durchweg existierende Personalproblem lässt sich statistisch belegen. In nur vier Champions-League-Spielen blieb Barca ohne Gegentor, in der bald endenden Primera Division nur acht Mal. Der Unterschied: In der Liga fehlt Barcelona noch ein Tor bis zur 100er Marke, Gegentore kompensiert die Offensivmacht um Lionel Messi mit vielen eigenen Toren.

Adriano keine gute Lösung

In der Champions League wurde es dagegen schon zwei Mal richtig brenzlig: Sowohl gegen Milan als auch gegen Paris Saint-Germain musste ein Kraftakt in den Rückspielen her, um noch weiter zu kommen.

Barcas bisherige Saison ist ein auch eine fortwährende Suche nach einer Lösung. Gegen PSG ließ Vilanova Linksverteidiger Adriano innen spielen, obwohl diese Option eigentlich schon ihre Gültigkeit verloren hatte. Der Brasilianer spielte beim Hinrunden-Clasico gegen Real innen. Mit mäßigem Erfolg.

Gegen PSG war er der Schwachpunkt. Gegen Bayern, zumindest im Hinspiel, fällt Adriano als Alternative aber weg: Er ist gelbgesperrt.

Gegen Bayern wohl mit Bartra

Die wahrscheinlichste Lösung heißt Marc Bartra. Der 22-Jährige ist ein Produkt aus "La Masia". Auch wegen Bartra verzichtete Vilanova zu Saisonbeginn auf eine teure Verstärkung.

Nach einer verheißungsvollen Saisonvorbereitung mit vielen Vorschusslorbeeren bekam Bartra aber erst Ende Oktober erstmals Pflichtspiel-Minuten. "Er ist sehr schnell und stark in der Luft und ich weiß, dass es lange gedauert hat, bis wir ihn endlich gesehen haben", sagte Vilanova damals.

Bartra gehört zur neuen Spezies Abwehrspieler, der fast ohne Foulspiel auskommt. Sehr modern im Spielaufbau, klug im Defensivverhalten. Bartra überzeugte im frühen Stadium der Saison, durfte im November noch ein paar Mal ran, tauchte aber vor einigen Wochen erstmals wieder auf.

Der "Wahnsinn" um Abidal

Trotz ordentlicher Liga-Leistungen scheint das endgültige Vertrauen für die großen Aufgaben noch zu fehlen. Und: Deswegen kommt auch Eric Abidal in die Verlosung für die Bayern-Spiele. Nach 14-monatiger Pause ist der Franzose froh, überhaupt wieder Leistungssport betreiben zu dürfen.

"Es ist Wahnsinn, dass er wieder spielt", sagt Landsmann Franck Ribery, sieht aber auch dass sich die Rückkehr seines Kumpels ins Barca-Leben "langsam, langsam" gestaltet.

Nicht zur Diskussion steht wohl Alex Song, der selbst in seiner Paraderolle im defensiven Mittelfeld bisher kaum überzeugen konnte. Genauso wenig Sergio Busquets, der im Mittelfeldzentrum unersetzlich ist.

Auch Vilanovas Vorgänger Pep Guardiola hatte mit diesen Problemen zu kämpfen. Der künftige Bayern-Trainer griff ab und zu auf das 3-4-3-System zurück, das auf starkes Forechecking und aggressivem Spiel gegen den Ball ausgerichtet war. Vilanova könnte sich bei seinem Ex-Chef Tipps abholen, doch das ist für beide Seiten keine Option.

Bayern vs. Barcelona: Die Bilanz

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