Mats Hummels' Wirken im Dortmunder Spiel

BVB: Rückkehr zur Grundordnung

Von Jochen Tittmar
Dienstag, 23.04.2013 | 17:59 Uhr
Mats Hummels und Neven Subotic spielten gegen Mainz erstmals nach 6 Wochen wieder miteinander
© imago
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Nach zuletzt fast drei verpassten Partien in der Champions League steht Innenverteidiger Mats Hummels beim Halbfinal-Hinspiel gegen Real Madrid (Mi., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER) wieder in Borussia Dortmunds Startelf. Hummels füllt dabei mehr als nur einen offenen Platz aus. Für ihn sind die Duelle mit den Königlichen zudem Bewerbungsspiele auf höchstem Niveau.

Eine öffentliche Reaktion von Mats Hummels blieb aus. Borussia Dortmund hatte auch das zweite Revierderby in dieser Saison gegen den FC Schalke 04 verloren. "Das ist eine ganz bittere Nachricht, die schlechteste Nachricht, die wir kriegen konnten", sagte Trainer Jürgen Klopp damals. Er meinte aber nicht die 1:2-Pleite, sondern Hummels' rund vierwöchigen Ausfall.

Der Innenverteidiger zog sich früh in der Partie einen Teilriss des Außenbandes und Sehnenansatzes im rechten Sprunggelenk zu, ließ sich aber zu spät auswechseln. "Idealerweise setzt Mats sich auf den Arsch und lässt einen Arzt gucken, was da ist. Es ist richtig, dass Schalke die Chancen bekommen hat, weil Mats nicht mehr richtig laufen konnte", wütete Klopp.

Subotic/Santana fußballerisch weit von Hummels entfernt

Es kommt extrem selten vor, dass der Coach einen Spieler öffentlich in die Pfanne haut. Doch Klopps Aussage entstand vielmehr aus der Verärgerung über die Aussicht, vor der Crunchtime in der Champions League auf einen der wichtigsten Spieler für Dortmunds Spielvortrag verzichten zu müssen.

Ohne Hummels fehlt dem BVB die Konstanz im von der letzten Linie initiierten Spielaufbau, da Neven Subotic und Felipe Santana fußballerisch Welten von Hummels trennen und so beim ersten Impuls aus der Abwehr heraus eine Grobschlächtigkeit ins Dortmunder Spiel bringen, aus der zu viele einfache Ballverluste resultieren.

Es ist dann an Ilkay Gündogan, diesen Mangel zu beheben, indem er sich als abkippender Sechser bis auf eine Libero-Position zurückfallen lässt und von dort aus die Angriffe einzuleiten versucht. Er positioniert sich beim Abholen des Balles dann aber nicht nur zwischen, sondern auch neben den beiden Innenverteidigern, um den Außenverteidigern zu ermöglichen, höher zu stehen und die personelle Vakanz im Mittelfeld aufzufüllen.

Hummels als zusätzlicher Sechser

Doch ohne das auch risikobehaftete Hochstehen der Außenverteidiger fehlt Gündogan die Anbindung ans Mittelfeld. Es besteht dann im Falle eines frühen Ballverlustes die Möglichkeit für den Gegner, durch Gündogans Abwesenheit im Zentrum relativ leicht Überzahlsituationen herstellen, in denen die Dortmunder mit dem Gesicht zum eigenen Tor verteidigen müssen.

Durch Hummels Anwesenheit kehrt Dortmund somit gewissermaßen zur Grundordnung des 4-2-3-1-Systems zurück. Gündogan dockt dann wieder an den Bereich an, in dem er beim Pressing deutlicher nach vorne ausgerichtet ist und seine Dynamik, Dribbelstärke und Beweglichkeit einbringt.

Spielt Hummels mit, füllt er nicht nur einen Platz in der Innenverteidigung aus, sondern übernimmt Teile von Gündogans Aufgaben. Durch seine Qualität, das Spielgerät auch in Drucksituationen präzise weiterzuleiten, sich selbst ins Angriffsspiel einzuschalten oder eine extra Anspielstation im Mittelfeld zu generieren, lässt sich Hummels' Rolle auch als zusätzlicher Sechser interpretieren.

Meiste Gegentore unter Klopp

Besonders bei Kontrahenten, die mit nur einem nominellen Stürmer angreifen, obliegt es Hummels durch einen oft antizipierten Anschluss ans defensive Mittelfeld, den Beginn des Pressings zu bestimmen, mit akkuraten Zuspielen Umschaltbewegungen einzuleiten und vor allem auch das Verschieben des Defensivverbundes abzustimmen.

Das schnelle Umschaltspiel und die jagdähnliche Arbeit gegen den Ball sind die Markenzeichen des BVB-Spiels, die in dieser Spielzeit jedoch anders als noch in den beiden Meisterjahren immer wieder Schwankungen unterlagen und im Umkehrspiel zu einer für Dortmunder Verhältnisse ungewohnt hohen Zahl an Gegentoren führten.

So kassierte die Borussia nach jetzt 30 Spieltagen mit 35 die meisten Treffer unter Klopp (gleiche Anzahl wie 2009/2010) - in der Vorsaison waren es nur 22, im ersten Meisterjahr stand der Zähler gar bei lediglich 18 und somit fast der Hälfte des aktuellen Kontos.

Risiko: Herauslocken aus dem Zentrum

Klopp lässt sich bei der Ursachenforschung öffentlich nur so viel entlocken, dass seine Mannschaft in der Bundesliga das Verteidigen nicht so konstant auf die Reihe bekommt wie in der Königsklasse.

Dies hängt auch mit der höheren Klasse der CL-Teams zusammen. So waren im Gegensatz dazu in der Liga häufig Spielverläufe zu beobachten, bei denen Dortmund nach einer Führung und einem trotz des Rückstands nicht höher attackierenden Gegner träge im Spielaufbau sowie passiv ohne Ball wurde. Einige dieser Partien führten zu ärgerlichen Punktverlusten, die den Rückstand auf die Tabellenspitze frühzeitig immens anwachsen ließen.

Dabei war auch das Risiko zu beobachten, das Hummels' Rolle mit sich bringt. Ein eigener Fehlpass in der Vorwärtsbewegung oder ein sich kurz anbietender Stürmer nach Ballverlust bietet dem Gegner die Chance, Hummels aus dem Abwehrzentrum zu ziehen und den brachliegenden Raum in seinem Rücken mit dort hineinstoßenden Spielern zu besetzen.

Hummels würde für Barca Sinn machen

Für Hummels sind die Partien gegen Real somit auch eine Nagelprobe auf allerhöchstem Niveau. Und dazu möglicherweise Bewerbungsspiele für den FC Barcelona. "99,9 Prozent aller Vereine auf der Welt werden von mir und meinem Vater abgeblockt, wenn sie sich melden. Barcelona gehört zu den zwei, drei Vereinen, bei denen ich mir Gedanken machen würde", sagte Hummels kürzlich.

Das kolportierte Interesse der Katalanen macht durchaus Sinn und könnte für den BVB noch gefährlicher werden, als es derzeit den Anschein macht. Der 35-jährige Carles Puyol scheint seine Verletzungsanfälligkeit in der Endphase der Karriere nicht mehr in den Griff zu bekommen. Um ihn zu ersetzen, kann Barca ausschließlich auf Marc Bartra als gelernten Innenverteidiger neben Gerard Pique zurückgreifen.

Die anderen Alternativen für die Position (Eric Abidal, Martin Montoya, Alex Song, Javier Mascherano) füllen diese Vakanz nicht mit der nötigen Qualität und Konstanz, die Barca in diesem Bereich auf Dauer erreichen möchte. So käme ein Typ wie Hummels, der als fertiger Innenverteidiger entgegengesetzt zu beispielsweise Song und Mascherano (die als defensive Mittelfeldspieler auch in der Innenverteidigung eingesetzt werden können) zusätzlich eine hohe Qualität im defensiven Mittelfeld mitbringt, ernsthaft in Betracht. Zumal er neben seiner hohen Spielintelligenz auch als Charakter zum Selbstverständnis des Vereins passen dürfte.

Spanische Medien "entdecken" Hummels für sich

Die spanischen Medien haben nach den überzeugenden Auftritten des BVB in der Champions League, vor allem gegen Real Madrid in der Gruppenphase, einige interessante Dortmunder Spieler für ihre Berichterstattung genauer kennengelernt.

Auch aufgrund von Hummels' Nicht-Dementi bezüglich des FC Barcelona wird er verstärkt im Fokus stehen. Knüpfen er und sein Team gegen Real an die beiden Vorstellungen vom vergangenen Herbst an, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich Hummels bald konkrete Gedanken machen wird.

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