Fussball

Inler: "Die Leute schauen in die Autos hinein"

Von Interview: Christian Bernhard / Florian Regelmann
Montag, 17.10.2011 | 23:00 Uhr
Gökhan Inler (l.) ist beim SSC Neapel schon jetzt eine tragende Säule
© Imago

Gökhan Inler wechselte im Sommer für die kolportierte Ablöse von 17,7 Millionen Euro von Udinese zum SSC Neapel und wurde damit zum teuersten Schweizer Fußballer aller Zeiten. Im Interview spricht er über das Leben im fußballverrückten Neapel, seine drei Mitspieler Edinson Cavani, Ezequiel Lavezzi und Marek Hamsik, sowie eine mögliche glorreiche Zukunft.

Welchen Wert Inler nicht nur als defensiver Mittelfeldspieler, sondern auch als Mensch hat, machte jüngst eine bemerkenswerte Aussage von Udinese-Präsident Giampaolo Pozzo im Interview mit Neapels Tageszeitung "Il mattino" deutlich.

"Glauben Sie mir, ich trauere mehr Inler als (Alexis) Sanchez nach. Gökhan hat nämlich außergewöhnliche menschliche Werte. Er ist einer der wenigen Spieler, die ich in meinen 25 Jahren als Udinese-Präsident hatte, der vom kompletten Team uneingeschränkt geliebt wurde. Mit ihm wird Napoli den Scudetto gewinnen", prophezeite Pozzo.

Im Interview spricht der viel Gelobte vor dem Champions-League-Kracher gegen den FC Bayern München über Napolis Traumtrio Edinson Cavani, Ezequiel Lavezzi und Marek Hamsik, das Leben im fußballverrückten Neapel und seinen Münchener Lieblingsspieler.

SPOX: Herr Inler, wie kommt es eigentlich dazu, dass man bei der Vorstellung bei seinem neuen Verein plötzlich eine Löwen-Maske auf dem Kopf hat?

Gökhan Inler: (lacht) Das ist eine gute Frage. Ich habe an jenem Tag meine medizinischen Tests auf dem Trainingsgelände gemacht und der Präsident Aurelio De Laurentiis war auch da. Er hat sich dann überlegt, was er für eine Präsentation machen möchte und plötzlich hat er diese Löwen-Maske in der Kabine gefunden. Er hat gesagt: 'Das ist unsere Überraschung für die Fans.' Ich wollte das erst gar nicht, weil ich nicht die Person bin, die gerne so eine große Show macht. Aber in diesem Moment hat es irgendwie gepasst. Ich denke, ich war auch der erste Spieler, der so etwas gemacht hat.

SPOX: Allein diese kleine Episode sagt schon eine Menge über die Fußball-Verrücktheit in Neapel aus. Das ist ja aber noch nicht alles. Da muss man als Spieler schon mal vor dem Supermarkt- oder Restaurant-Besuch anrufen, damit der Laden für einen geschlossen wird. Richtig?

Inler: Ich hatte bis jetzt noch nicht so viel Zeit, um in der Stadt unterwegs zu sein, weil wir so viele Spiele haben. Aber es stimmt schon: Die Leute erkennen dich sofort, sie halten dich an und wollen Fotos mit dir machen und Autogramme haben. Und wenn man in ein Restaurant gehen will, sollte man vorzeitig reservieren, damit einem keine Leute im Weg stehen.

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SPOX: Können Sie sich noch daran erinnern, als Sie das erste Mal mit dieser Begeisterung in Neapel in Berührung gekommen sind?

Inler: Man kann sich das kaum vorstellen, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Die Leute schauen auch in die Autos hinein. Und wenn sie dich dann sehen, dann verfolgen sie dich. (lacht) Wenn die Napoli-Fans einen ihrer Spieler sehen, ist das einfach etwas ganz Besonderes für sie. Da drehen sie dann ein bisschen durch. Aber daran sieht man eben, wie enorm wichtig der Verein für die Fans und die Stadt ist.

SPOX: Für Sie muss das ja auch eine Art Kulturschock sein. Vom beschaulichen Udine ins verrückte Neapel...

Inler: Das kann man so sagen. Udine war eine schöne Zeit für mich, in der ich sehr viel gelernt habe. Ich hatte wirklich vier tolle Jahre dort. In Udine ist alles ein bisschen ruhiger, man konnte super arbeiten, wir hatten ja auch viele junge Spieler. In Neapel ist es das krasse Gegenteil. Die Leute leben wie gesagt für den Fußball, natürlich ist da auch der Druck ein wenig höher. Ich sage es mal so: Man muss in jedem Spiel auf 1000 gehen, 100 Prozent reichen da nicht.

SPOX: Jetzt ist es so, dass in Ihrer Karriere nicht immer alles so perfekt gelaufen ist. Es gab eine Zeit in der Schweiz, als Sie nicht einmal Schaffhausen haben wollte. An was erinnern Sie sich im Rückblick an diese Zeit?

Inler: Ich war damals noch jung und musste noch viel, viel lernen. Deshalb gab es eine Phase, die nicht so einfach für mich war. Aber ich hatte immer einen großen Willen, mich zu verbessern. Ich habe nie aufgegeben. Aus diesem Grund bin ich jetzt da, wo ich heute stehe. Und eine gute Beratung ist natürlich auch wichtig. Ein Spieler braucht ein gutes Umfeld, damit er sich zu 100 Prozent auf den Fußball konzentrieren kann.

SPOX: Wenn man Sie in dieser Saison beobachtet, fällt Ihre sehr körperliche Spielweise auf, die Sie früher vielleicht nicht so hatten. Vor allem im Spiel gegen Milan war das zu sehen. Ist das eine neue Facette Ihres Spiels?

Inler: Das Milan-Spiel war wirklich hart, da haben Sie Recht. Ich denke, dass man natürlich fair bleiben muss, aber eine gewisse Härte gehört auch dazu. Gerade auf meiner Position ist es wichtig, dass ich die Duelle im Mittelfeld gewinne. Diese körperliche Spielweise ist eine Weiterentwicklung, die ich machen möchte.

SPOX: Wenn in der Öffentlichkeit über den SSC Neapel gesprochen wird, dann fallen eigentlich zunächst immer drei Namen: Cavani, Lavezzi, Hamsik. Wie würden Sie die drei Bestandteile des Napoli-Traumtrios beschreiben?

Inler: Fangen wir mit Cavani an, er ist der Matador. (lacht) Er ist ein super Spieler, der sehr viel für die Mannschaft arbeitet und auch defensiv immer helfen möchte. Und er ist eben ein sehr torgefährlicher Stürmer, ein klassischer Mittelstürmer, der aus jeder Lage ein Tor machen kann. Lavezzi ist auch einer, der alles für die Mannschaft gibt. Er ist sehr schnell und gemeinsam mit Cavani bildet er sicher ein gutes Duo. Hamsik ist so etwas wie der Allrounder, der überall spielen kann. Und er kann auch die entscheidenden Tore machen.

SPOX: Sie sind ja auch ein Experte für Top-Stürmer. Sie sind praktisch von Antonio Di Natale zu Edinson Cavani gewechselt, zwei der dominantesten Stürmer in Italien in den letzten Jahren. Gibt es Parallelen zwischen den beiden, oder große Unterschiede?

Inler: Die beiden haben ja in der letzten Saison auch um den Titel des Torschützenkönigs gekämpft, mit dem besseren Ende für Toto. Ich denke, dass beide unterschiedliche Qualitäten haben. Toto ist technisch raffiniert, im Sechzehner kann er alles machen: links, rechts, er kann auch aus dem toten Winkel noch ein Tor machen. Und Cavani ist ein schneller Stürmer, der in die Lücken stößt und dort zum Abschluss kommt. Der aber auch mit dem Kopf stark ist, Toto ist ja kleiner und kommt mehr von unten. Beide sind also verschieden, aber beide sind natürlich großartige Stürmer.

SPOX: Cavani, Lavezzi und Hamsik bestimmen sicher die Schlagzeilen, aber Napoli wäre nicht so erfolgreich, wenn es nicht auch genügend harte Arbeiter im Team hätte. Beispielsweise Salvatore Aronica, Hugo Campagnaro oder auch Keeper Morgan De Sanctis. Sind gerade auch solche Spieler das Geheimnis des Erfolgs?

Inler: Das ist sicher so. Wenn man Erfolg haben will, braucht man eine komplette Mannschaft, die funktioniert. Wir haben sehr viele Spieler, die medial nicht so im Vordergrund stehen, aber für das Team sehr viel Arbeit verrichten. Und letztlich den Jungs vorne auch den Rücken freihalten. Diese Mischung stimmt in unserem Team.

SPOX: Eine weitere Schlüsselfigur ist ohne Frage auch Trainer Walter Mazzarri - wenn nicht der, dann zumindest einer der erfolgreichsten Trainer Italiens in den vergangenen Jahren. Was zeichnet Mazzarri aus?

Inler: Er macht sehr viel für die Mannschaft. Er spricht viel mit den Spielern, er fokussiert sich sehr gut auf die Gegner und er holt die Mannschaft auch wieder runter, wenn Erfolge da sind. Das macht er wirklich sehr gut. In Udine war es mit Francesco Guidolin ähnlich, deshalb fällt es mir leichter, den Trainer beim Führen der Mannschaft zu unterstützen. Und dafür zu sorgen, dass unsere Fans möglichst in jedem Spiel ein 'Grande Napoli' sehen. Dazu kommt, dass er wirklich total für den Fußball lebt und diesen unbedingten Erfolgswillen hat. So ein Trainer ist für eine Mannschaft sehr wichtig.

SPOX: In einem ersten Zwischenzeugnis der "Gazzetta dello Sport" wurden zwei Spieler als Bombentransfers herausgestellt: Andrea Pirlo - und Sie. Ist Napoli schon in dieser Saison reif für den Scudetto?

Inler: Wir tun gut daran, mit beiden Füßen ganz fest auf dem Boden zu bleiben und von Spiel zu Spiel zu schauen. Klar will Napoli sich weiterentwickeln, aber jetzt von großen Erfolgen zu sprechen, wäre falsch. Das Potenzial, um in die europäische Spitze vorzudringen, hat dieser Verein. Aber wir müssen diesen Weg Step-by-Step weitergehen.

SPOX: In der Champions League hat Neapel jetzt eine sehr gute Möglichkeit, ein Ausrufezeichen zu setzen. Es geht gegen die Bayern, die seit einer Ewigkeit nicht mal mehr ein Gegentor bekommen haben.

Inler: Ich schätze die Bayern sehr, sehr stark ein. Es ist beeindruckend, mit welcher Konstanz sie ihre Spiele gewinnen. Sie haben ihre alte Form von früher wieder gefunden. Für uns sind solche Spiele natürlich das Größte. In solchen Spielen gegen die Großen kann man sich beweisen.

SPOX: Welcher Bayern-Spieler beeindruckt Sie im Moment besonders? In unserem letzten Interview haben Sie schon von Mario Gomez geschwärmt. Und seitdem trifft Gomez ohne Ende...

Inler: (lacht) Ich kann nur bestätigen, was ich damals schon gesagt habe. Gomez hat auch noch mal einen Sprung gemacht und sich verbessert. Er ist ein absoluter Topstürmer, der für die Mannschaft alles gibt. Aber es ist ja nicht nur Gomez - Franck Ribery, Thomas Müller oder Bastian Schweinsteiger gehören auch zur Spitze in Europa. Wichtig ist für mich aber meine Mannschaft. Wir müssen uns gut vorbereiten, denn wir wollen gegen die Bayern etwas holen.

Gökhan Inler im Steckbrief

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