Bayern-Gegner Florenz: Das Sisyphos-Team

Von Florian Bogner
Mittwoch, 10.02.2010 | 12:31 Uhr
Adrian Mutu (l.) erzielte in 92 Liga-Spielen für die Fiorentina 50 Tore
© Getty
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Der AC Florenz steht seit der Mutu-Affäre und der anschließenden Posse um Cassano unter Schock. Trainer Prandelli muss nun einmal mehr von vorne anfangen. Mit jungen Spielern, die so schnell wie möglich in die Fußstapfen der alten treten sollen.

"Ihr verarscht mich, oder?" Als Pantaleo Corvino mit der bitteren Wahrheit konfrontiert wurde, glaubte er an einen bösen Scherz. "Ihr verarscht mich doch, oder?" Als sich am 28. Januar die Meldung von Adrian Mutus positiver Dopingprobe in Italien wie ein Lauffeuer verbreitete, schlug die Nachricht bei Corvino erst mit etwas Verzögerung ein.

Verständlich, war Stürmer Mutu doch bis dato sowas wie die Lebensversicherung auf zwei Beinen für die Fiorentina und ihren Sportdirektor gewesen. Plötzlich war Mutu wegen einer positiven Dopingprobe nach dem Spiel gegen den AS Bari (10. Januar) weg vom Fenster. Wegen einer seltenen Dummheit.

Denn die Geschichte hinter dem Dopingfall ist so banal wie tragisch - soweit sie denn stimmt, denn bisher hat sich der Beschuldigte dazu noch nicht öffentlich geäußert.

Soweit man weiß, hatte Mutus Mutter Rodica bei einem Besuch in Florenz eine Tablette zur Gewichtsregulierung achtlos in Adrians Haus liegen gelassen. Mutu, schon immer sehr auf seine Linie bedacht, nahm den Appetitzügler in dem festen Glauben ein, es mit einem natürlichen Mittel zu tun zu haben - und wurde wenige Tage später auf den verbotenen Wirkstoff "Sibutramin" positiv getestet.

"Ein 31 Jahre altes Kind, das Blödsinn gemacht hat"

"Adrian war immer schon von Schlankheit besessen", sagte sein Landsmann Christian Chivu alsbald in rumänischen Medien: "Er hat schon immer Pillen genommen, um spritziger auf dem Platz zu sein. Diesmal hat er wohl die falsche erwischt."

Ein echter Treppenwitz - hatte die EU Sibutramin doch erst im letzten Monat verboten, weil Patienten mit dem Wirkstoff nur verhältnismäßig wenig Gewicht abgebaut hatten, dafür aber ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufwiesen.

"Mutu ist ein 31 Jahre altes Kind, das Blödsinn gemacht hat", versuchte sich Corvino später in Erklärungen. Laut Trainer Cesare Prandelli war Mutu einfach nicht vorsichtig genug gewesen: "Ich selbst habe die Pillen mit der Aufschrift: 'Zu 100 Prozent natürlich' gesehen. Aber man kann solchen Dingen einfach nicht vertrauen."

Wiederholungstäter Mutu

Corvinos vernichtendes Urteil: "Auf dem Platz ist er ein Champion, außerhalb hat er nicht verstanden, dass man in diesem Alter besonnener vorgehen muss." Das tragische an diesem offensichtlich unbeabsichtigten Doping-Fall ist, dass Mutu nach der Kokain-Affäre 2004 als Wiederholungstäter gilt und ihm nun eine Sperre bis zu vier Jahren droht.

"Wenn das Ergebnis der Dopingprobe stimmt, kann er seiner Karriere auf Wiedersehen sagen", meinte sogar Mutu-Berater Gigi Becali. Mittlerweile war auch eine zweite Dopingprobe, entnommen nach dem Pokal-Viertelfinale gegen Lazio am 20. Januar, positiv.

Während Mutu vom Spielbetrieb ausgeschlossen auf ein mildes Urteil wartet, befindet sich der AC Florenz in Schockstarre. Schon vorher lief die Saison in der Serie A bescheiden, seit dem Fall Mutu hat die Fiorentina kein Spiel mehr gewonnen.

Die Cassano-Posse

In der Liga rutschte man mit nur einem Punkt aus den vergangenen vier Spielen auf Rang elf ab, im Pokal verlor man das Halbfinal-Hinspiel gegen Inter mit 0:1. Und in der nächste Woche muss man zum FC Bayern, das Champions-League-Achtelfinale steht an. Keine rosigen Zeiten für die Viola.

"Fußball kann so grausam sein", meinte Prandelli nach der jüngsten 0:1-Heimpleite gegen den AS Rom, bei dem die Fiorentina die bessere Mannschaft war, aber am Ende mit leeren Händen da stand.

Nach dem Fall Mutu blieben Corvino nur noch drei Tage, um vor Ende der Januar-Transferperiode Ersatz zu besorgen. Die Wahl fiel auf Antonio Cassano, der sich bei Sampdoria Genua mit seinem Trainer verkracht hatte. Am 31. Januar sollte Cassano zum Medizincheck in Florenz eintreffen - kam aber nie in der Toskana an.

"Ich habe ihn damals, als er 12 war, schon zur Jugend von Casarano geholt. Ich kenne den Burschen gut, er wollte kommen, hat es sich im letzten Moment aber doch anders überlegt", erklärte Corvino später den geplatzten Deal. Stunden später gab Florenz stattdessen die Verpflichtung von Keirrison bekannt - einem 21-jährigen Brasilianer, der im Sommer vom FC Barcelona von Palmeiras verpflichtet und zunächst bei Benfica Lissabon geparkt wurde.

Dort kam Keirrison verletzungsbedingt nur auf fünf Einsätze (ein Tor) und darf nun leihweise für die nächsten 18 Monate in Florenz sein Glück versuchen.

Männer gehen, Bubis kommen

Ein echter Mutu-Ersatz, wie es Cassano gewesen wäre, ist der 21-Jährige freilich nicht. Eher ein Backup für Alberto Gilardino, der in Prandellis 4-2-3-1 vorne nach wie vor die erste Geige spielt. "Ich weiß nur wenig über ihn, aber mir wurde gesagt, dass er ein guter Knipser ist, der uns helfen kann", meinte Prandelli noch am selben Tag. Auch er war von Keirrisons Verpflichtung überrascht worden.

Die Mutu-Episode ist sowieso nur der letzte schwere Brocken, der über Prandelli in dessen Amtszeit bei der Viola hinweg gerollt ist. Immer wenn der ehemalige Juve-Spieler eine schlagkräftige Truppe mühsam aufgebaut hat, bricht ihm ein wichtiger Bestandteil weg. Ein echter Sisyphos-Job.

Den Abgängen von Giorgio Chiellini (2005), Valeri Bojinow, Luca Toni (beide 2007), Tomas Ujfalusi, Fabio Liverani, Giampaolo Pazzini (alle 2008), Zdravko Kuzmanovic und Felipe Melo (beide 2009) standen meistens Transfers aus der U-23-Schublade gegenüber. Die Fiorentina versteht sich als Ausbildungsverein, Prandelli ist der Chef der Rasselbande.

Ljajic: Der neue Kaka?

"Es ist unser Ziel, das Team immer weiterzuentwickeln, auch wenn Kontinuität schwierig ist", sagt Prandelli über seine Arbeit. Mit Stolz fügt er an: "Wir haben den Kader in den letzten Jahren oft umbauen müssen, haben aber unseren Charakter stets behalten." Und die Kadermühle mahlt weiter. Kein anderer Serie-A-Klub war in diesem Winter - unabhängig vom Fall Mutu - so umtriebig wie die Fiorentina.

Die Abgänge von Kapitän Martin Jörgensen und Vize Dario Dainelli wurden mit dem argentinischen Nationalspieler Mario Bolatti (24) und Udinese-Verteidiger Felipe (25) kompensiert. Weil sich zudem Jose Castillo und Savio Nsereko nicht wie gewünscht entwickelten, wurden sie durch die Nachwuchsspieler Haris Seferovic (17) und Adem Ljajic (18) ersetzt.

Gerade auf Letzteren hält Prandelli große Stücke, auch wenn er Ljajic, der wegen seines großen Vorbilds Kaka die Rückennummer 22 trägt, nicht für die Champions League nominiert hat. "Er ist ein echtes Juwel. Mich erinnert er sehr an Stevan Jovetic - er hat großartiges Potenzial, aber er ist noch sehr jung und muss die Serie A erst kennenlernen", sagte der Coach.

Der Mutu-Ersatz heißt Jovetic

Die Parallelen sind klar: Wie der Montenegriner Jovetic, der 2008 als 18-Jähriger zur Fiorentina stieß, kam Ljajic nun ebenfalls von Partizan Belgrad. Für beide Youngster bezahlte Corvino zudem viel Geld - dem Vernehmen nach acht Millionen Euro für Jovetic, 6,8 Millionen Euro für Ljajic.

"All diese Transfers sind Teil eines Generationenwechsels, mit dem wir eine neue Ära starten wollen", sagt Corvino zu den jüngsten Errungenschaften. "Keirrison, Jovetic, De Silvestri, Ljajic und Seferovic sind alle eine Investition in die Zukunft."

Und die Zukunft beginnt bei der Fiorentina schon jetzt. Denn auf der Position hinter den Spitzen, die bisher Adrian Mutu vorbehalten war, spielt nun Jovetic.

Dass der sein Herz am rechten Fleck hat, bewies er unlängst in Cagliari: Nach seinem Tor zum 2:2-Endstand zauberte er ein Trikot hervor und hielt es andächtig in Richtung der Fiorentiner Fankurve. Über der Rückennummer 10 stand ein Name: Mutu.

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