Barcelona droht das Aus: Von der Angst befallen

Von Andreas Lehner
Dienstag, 24.11.2009 | 09:32 Uhr
War's das schon für den Titelverteidiger? Barca droht in der Champions League das Vorrunden-Aus
© Getty
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In der letzten Saison rollte Barca wie eine Dampfwalze über Europa hinweg, nun ist der katalanische Kombinationsfußball ins Stocken geraten. Johan Cruyff kritisiert die Spielweise, die Stars sind verletzt und der Clasico wirft einen dunklen Schatten auf das Endspiel gegen Inter Mailand (20.30 Uhr im LIVE-TICKER und auf SKY).

Josep Guardiola hatte eine Ahnung. Eine Ahnung, die auch jeder andere hätte haben können, so offensichtlich und leicht zu entziffern war sie.

"Wenn es eine Mannschaft gibt, die nicht Favorit auf den Champions-League-Titel ist, dann wir. Das erzählt die Geschichte", sagte der Barca-Trainer zu Beginn dieser Champions-League-Saison. Außerdem sei Barca nach dem Sieg im Meistercup immer früh ausgeschieden.

Und Guardiola nimmt die Geschichte ernst. Auch nach dem 4:0 gegen den FC Bayern im Vorjahr hatte er noch Angst vorm Rückspiel, weil er seinerzeit in Kaiserslautern dabei war, als die Katalanen auf dem Betzenberg einen komfortablen Vorsprung fast noch aus der Hand gaben. Dieses Trauma konnte er besiegen.

Kombinationen versanden im Nichts

Doch der Fluch der Titelverteidiger ereilt nun auch den FC Barcelona. Am fünften Spieltag droht das Aus, eine Niederlage gegen Inter Mailand und ein Sieg von Rubin Kasan bei Dynamo Kiew vorausgesetzt (zur Tabelle der Gruppe F).

Während die Blaugrana im Vorjahr noch wie eine Dampfwalze mit spielerischer Leichtigkeit über Spanien und Europa hinweg gerollt sind und fünf Titel einsackten, ist die schwindelerregende Ballzirkulation ins Stocken geraten. Zu oft versanden die Kombinationen im Nichts.

Drei Tore in vier Spielen sind deutlich zu wenig für eine Offensive um Lionel Messi, Zlatan Ibrahimovic und Thierry Henry, die mit Andres Iniesta und Xavi das wohl beste Mittelfeld der Welt hinter sich wissen.

Anfällig für Konter

Barca hat zwar immer noch mehr Ballbesitz und dominiert die Spiele, aber im entscheidenden Moment fehlen Tempo und Ideen. Zudem befallen die Mannschaft Angst und Unruhe, wenn sie aus ihrer Überlegenheit kein Kapital schlagen kann und kein Tor erzielt.

Sie vernachlässigt das Positionsspiel, verliert die Ordnung, begeht Fehler und ist anfällig für Konter. Wie zuhause gegen Kasan oder am Samstag in Bilbao. Im vergangenen Jahr schien das Team noch unbezwingbar, nun ist in jedem Spiel die "Niederlage näher als der Sieg", schrieb die "AS".

Ratschläge vom Klub-Heiligen

Es ist die erste Talsohle, die das Team unter Guardiola durchschreitet. Seit knapp 15 Monaten ist der 38-Jährige im Amt und machte bisher fast alles richtig. Eine Situation mit diesem negativen Druck hatten er und seine Mannschaft dabei noch nie durchzustehen.

Rat gibt es deshalb auch vom Klub-Heiligen Johan Cruyff, der in seiner Kolumne in "El Periodico de Catalunya" von "individueller Verwirrung" sprach und die "haarsträubenden Fehler" anprangerte. Außerdem störten ihn die langen Bälle, die Victor Valdes in Bilbao immer wieder nach vorne schlug und somit das Barca-typische Kurzpassspiel mit Füßen trat.

"Die kleinen Spieler sind gut, wenn sie den Ball am Fuß haben, nicht wenn sie sich nach vorne kämpfen müssen", schrieb der Niederländer. Zumal in Bilbao Stoßstürmer Zlatan Ibrahimovic fehlte und die Offensivreihe aus Messi, Iniesta und Pedro bestand.

"Wir werden 100.000 Messis sein"

Der Einsatz von Ibrahimovic und Messi gegen Inter ist wegen Muskelverletzungen fraglich, beide nahmen aber am Abschlusstraining teil und stehen im Kader. "Wir müssen bis zum Anpfiff warten. Wir tun alles Mögliche, um sie bis zum Spiel fit zu bekommen. Die Ärzte konnten mir nichts versprechen, aber auch nichts ausschließen", sagte Guardiola am Montag auf der Pressekonferenz.

Aber zu viel Gewicht wollte er der Diskussion nicht geben: "Ich weiß nicht, ob mit Ibra und Messi, aber wir werden spielen. Sie sind sehr wichtig, aber wenn sich nicht können, laufen eben andere auf."

Vorsorglich kündigte die "AS" schon mal an: "Wir werden 100.000 Messis sein", und auch Guardiola forderte die Unterstützung der Fans.

Ibrahimovic muss einen Makel abstreifen

Besonders für Ibrahimovic steht mehr auf dem Spiel als gewöhnlich. Er muss zeigen, dass Barcas Entscheidung im Sommer richtig war, Samuel Eto'o und 45 Millionen Euro gegen ihn einzutauschen.

Eto'o schoss Barca im Sommer zum Champions-League-Titel und musste wegen eines "Feelings" Guardiolas den Verein verlassen und bei Inter anheuern. Der Trainer wollte ein neues Gesicht, frischen Wind, damit die Sättigung im Team nicht zu groß wird.

Ibrahimovic steht unter Druck. Er muss endlich den Makel abstreifen, dass er in großen Spielen von der Bildfläche verschwindet und nicht trifft. Das Wiedersehen mit Inter wäre die perfekte Möglichkeit.

Der lange Schatten des Clasico

Neben den personellen Problemen - Eric Abidal und Yaya Toure fallen mit Schweinegrippe aus - hängt auch der Clasico am Sonntag wie ein dunkler, schwerer Schatten über der Mannschaft. "Zwei Spiele, die die Welt in Atem halten", ist auf der Homepage neben den Logos von Inter und Real Madrid zu lesen. Die Verantwortlichen sorgen sich, dass das Duell mit den Königlichen die Konzentration der Spieler auf Inter schwinden lässt.

"Für mich ist das Spiel wichtiger als gegen Real. Die Liga ist noch lang und wir haben Zeit, alles wieder hinzubiegen, aber gegen Inter müssen wir gewinnen", forderte Präsident Joan Laporta.

Das egal wie, sparte er sich. Einen dreckigen Sieg würde man das in Deutschland wohl nennen. Aber Barca kennt keine dreckigen Siege. Der Triumph muss aus der spielerischen Überlegenheit entstehen.

Das gehört zur Philosophie des Klubs, das weiß auch Kapitän Carles Puyol: "Aufgrund von Verletzungen und fehlenden Resultaten ist das momentan eine etwas komplizierte Phase für uns. Aber wir ändern deswegen nicht unseren Stil, unsere Philosophie."

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