Die Bilanz der CL-Saison 2008/09

"Der Karren fährt vor die Wand"

Von Thomas Gaber
Donnerstag, 28.05.2009 | 21:22 Uhr
Karl-Heinz Rummenigge sieht die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Teams in der CL gefährdet
© Getty
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Die Champions-League-Saison 2008/09 ist Geschichte. Der Sieger heißt verdientermaßen FC Barcelona. Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge befürchtet im Gespräch mit SPOX eine länger andauernde Chancenlosigkeit der deutschen Vereine.

SPOX zieht eine Bilanz der Saison in der Königsklasse.

Das Abschneiden der deutschen Teams:

FC Schalke 04: Die Knappen scheiterten bereits in der Qualifikation. Die Ausgangsposition für das Rückspiel bei Atletico Madrid war mit einem 1:0 im Rücken gut. Die 0:4-Abfuhr im Vicente Calderon dagegen ein Albtraum. Schalke wurden die Defizite gnadenlos aufgezeigt, von einer Mannschaft, die sicherlich in die Champions League gehört, die aber seit gefühlten Jahrzehnten den eigenen Ansprüchen hinterher hinkt und zum Zeitpunkt der Qualifikation noch keine Wettbewerbspraxis hatte. Die Primera Division war noch nicht gestartet.

Werder Bremen: Zog als Tabellenzweiter der Vorsaison direkt in die Gruppenphase ein - und blamierte sich. In einer Gruppe mit Panathinaikos Athen und Anarthosis Famagusta kam Werder nur auf Platz drei. Manager Klaus Allofs ("So kann man sich nicht präsentieren") und Trainer Thomas Schaaf ("Für unsere Leistungen gegen Athen und Famagusta gibt es keine Entschuldigungen") waren entsprechend konsterniert. Die Erkenntnis, in der Champions League offensichtlich nicht mal mit zweitklassigen Teams mithalten zu können, ließen in Diego die Überlegungen reifen, Bremen zu verlassen.

FC Bayern München: Der deutsche Rekordmeister hielt die Farben der Bundesliga hoch. Als bestes Team schlossen die Münchner die Gruppenphase ab, nur der FC Liverpool kam ebenfalls auf 14 Punkte (vier Siege, zwei Remis). Im Achtelfinale wurde Sporting Lissabon mit einem Gesamtscore von 12:1 abgewatscht, bevor im Viertelfinale die große Ernüchterung kam. "So eine Vorführung habe ich als Manager des FC Bayern noch nicht erlebt", hatte Uli Hoeneß nach dem gefühlten 0:8 beim FC Barcelona im SPOX-Interview geklagt.

Die Bayern verloren nur eins von zehn Spielen, doch das 0:4 im Camp Nou stellte die Weichen für die Zukunft. Trainer Jürgen Klinsmann wurde zwei Wochen später entlassen und die Bosse entschlossen sich nach 2007 für eine zweite Transferwelle.

Die Verlierer der Saison:

Olympique Lyon: Jahrelang wurden die Lyonnais als Geheimfavorit gehandelt. Für einen Halbfinal-Einzug hat es jedoch nie gereicht. In dieser Saison schaffte es Lyon hinter den Bayern als Gruppenzweiter ins Achtelfinale und bekam dort in Barcelona (2:5) eine ähnliche Klatsche verpasst wie die Münchner eine Runde später. Selbst in Frankreich hat Lyon seine Vormachtstellung eingebüßt. Nach sieben Meistertiteln in Folge reichte es in dieser Saison nur für Platz drei. Superstar Juninho verlässt den Verein nach acht Jahren.

Michael Ballack: 2006 wechselte der Nationalmannschaftskapitän von Bayern zum FC Chelsea, weil er mit den Blues größere Chancen auf den CL-Triumph sah. Die Bilanz ist keinesfalls schlecht: Halbfinale, Finale, Halbfinale. Aber der Titel fehlt eben. Die Finalpleite gegen ManUnited 2008 und das Halbfinal-Aus gegen Barca 2009 war an Dramatik nicht zu überbieten. Im September wird Ballack 33 Jahre alt. Viele Chancen auf den Titel wird er nicht mehr bekommen.

Tom Hennig Övrebö: Der norwegische Schiedsrichter verweigerte dem FC Chelsea im Halbfinal-Rückspiel gegen Barcelona mehrere klare Elfmeter und musste hinterher zugeben, "schwere Fehler" gemacht zu haben. Danach bekam Övrebö Morddrohungen von erbosten Chelsea-Fans - das Schlimmste an der Sache.

Die Gewinner der Saison:

FC Barcelona: Die Art und Weise, wie das Team von Trainer Pep Guardiola zum dritten Mal in der Vereinsgeschichte den Landesmeister-Cup holte, war extrem beeindruckend. Barca schoss nicht nur die meisten Tore, sondern zerlegte seine Gegner reihenweise. Selbst das große Manchester United kapitulierte. "Wenn Barca funktioniert, kommst du einfach nicht an den Ball. Da kommst du dir teilweise verarscht vor", sagte Ryan Giggs nach der 0:2-Finalpleite.

Offensiv-Fußball: 332 Tore schossen die 32 Teams in 125 Spielen. Ein Schnitt von fast 2,7 Toren pro Spiel. In der K.o.-Phase fielen 85 Treffer. Höhepunkt war das 4:4 zwischen dem FC Chelsea und dem FC Liverpool im Viertelfinale.

Für Pep Guardiola ist der Offensiv-Fußball der Stil der Zukunft. "Es gibt im Fußball nichts Gefährlicheres, als selbst kein Risiko zu gehen. Wenn man attackiert, bekommt man auch mehr Chancen, ein Spiel zu gewinnen. Das ist keine bahnbrechende Erkenntnis, sondern einfach nur logisch", sagte der Barca-Coach.  

Das Kräfteverhältnis in Europa:

Die Übermacht der Teams aus der Premier League war auch in dieser Saison enorm. Zum dritten Mal in Folge standen drei englische Teams im Halbfinale, Liverpool schied im Viertelfinale gegen ein englisches Team (Chelsea) aus. Nur Barcelona durchbrach die Phalanx der Premier-League-Teams. Schon in der letzten Saison stand Barca als einziges nicht-englisches Team im Halbfinale.

Karl-Heinz Rummenigge hält diese Tendenz für extrem gefährlich. "In England wird einfach das meiste Geld bezahlt. Die englischen Vereine bekommen viel mehr Fernsehgelder als beispielsweise die deutschen Teams. Die Chancengleichheit ist einfach nicht gegeben", sagte Bayerns Vorstandsvorsitzender zu SPOX.

Rummenigge griff in diesem Zusammenhang auch die UEFA an.

"Es kann nicht sein, dass Vereine wie Manchester United oder der FC Chelsea eine Dreiviertel-Milliarde Euro Schulden haben und damit den europäischen Fußball dominieren. Vereine, die wie der FC Bayern wirtschaftlich vernünftig arbeiten, schauen in die Röhre", sagte Rummenigge.

Der Bayern-Boss weiter: "Wir sind auf dem besten Weg, den Karren voll gegen die Wand zu fahren. Und niemand ist bereit, etwas gegen den Frontalaufprall zu tun. Die UEFA muss sich endlich überlegen, wie sie dagegen vorgehen soll. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Dinge so nicht weiterlaufen können."

Ausblick:

Es wird schwierig werden, die englische Dominanz in den nächsten Jahren zu stoppen. Andererseits haben Vereine wie Bayern, Real Madrid oder Inter Mailand angekündigt, viel Geld in ihre jeweiligen Kader zu investieren. Bayern oder Juventus Turin haben bereits viele Millionen für Mario Gomez und Diego ausgegeben. Florentino Perez, designierter neuer Real-Präsident, will eine zweite Galactico-Mannschaft aufbauen. Die Königlichen sind in den letzten fünf Jahren jeweils im Achtelfinale gescheitert. Das soll und muss sich schnellstmöglich ändern. Das Champions-League-Finale 2010 findet schließlich im Estadio Santiago Bernabeu zu Madrid statt.   

Die Champions-League-Saison 2008/09 im Überblick

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