Van Gaal: "Enttäuscht und böse"

Von Stefan Rommel
Sonntag, 07.11.2010 | 12:17 Uhr
Louis van Gaal macht mit dem FC Bayern eine schwierige Phase durch
© Imago
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Bayern Münchens Aufholjagd erfuhr bei Borussia Mönchengladbach einen herben Dämpfer - weil die Münchener weiterhin von einer mysteriösen Krankheit befallen sind. Die Spieler erlebten Trainer Louis van Gaal danach so laut wie lange nicht mehr. Die Symptome sind bekannt, eine Lösung hat beim Rekordmeister aber noch niemand gefunden.

Am Ende ist es für den FC Bayern ja eigentlich immer so, dass es etwas zu feiern gibt. Dieses eine Mal in Mönchengladbach lag der Fall aber ein bisschen anders, was Mario Gomez - sehr enttäuscht - ein bisschen drastisch formulierte: "Am Ende ist es zum Kotzen!"

Großspurig hatten die Bayern eine Aufholjagd bis zur Winterpause angekündigt, das selbstbewusste Gehabe in den letzten Wochen auch mit den entsprechenden Ergebnissen unterfüttert und die Konkurrenz zumindest heimlich schon wieder vor den gierigen Bayern zittern lassen.

Sonderbare Krankheit

Keine andere Mannschaft in Deutschland versteht es so gut, auch in den schlechteren Phasen die Punkte zu holen, die vielleicht nur halb verdient sind, am Ende aber doch voll zählen und letztlich den gewissen Unterschied ausmachen.

Derzeit durchlaufen die Münchener aber eigentlich gar keine schlechte Phase mehr. Die Mannschaft wirkt in ihrer neuen Zusammenstellung im Großen und Ganzen gefestigt, weil sie sich auf ein System und eine Dominanz verlassen kann, die sie stützen.

Nur sind die Bayern in dieser Saison von einer sonderbaren Krankheit befallen, ähnlich des Sekundenschlafs. In vielen Spielen wurde schon sichtbar, dass es der Rekordmeister nicht fertig bringt, eine Partie über die kompletten 90 Minuten konzentriert zu absolvieren.

Van Gaal so laut wie nie

Eine Tatsache, die den Trainer in Gladbach derart auf die Palme brachte, dass er die Mannschaft nach der Partie in der Kabine lautstark zusammenfaltete. "So laut war es dieses Jahr noch nie", meinte Thomas Müller kleinlaut.

Dass sogar die in den Katakomben versammelte Journalistenschar van Gaals Anfall durch die Tür mitbekommen hatte, war dem Coach hinterher sichtlich unangenehm.

"Das ist nicht gut, aber dafür muss man Verständnis haben. Es darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren, ein Spiel in zehn Minuten wegzugeben", so van Gaals Rechtfertigung.

Van Gaal: "Enttäuscht und böse"

"Ich war sehr enttäuscht und eigentlich auch ein bisschen böse auf meine Spieler, weil sie in der ersten Hälfte so überlegen waren und viele Chancen verpasst hatten", sagte der FCB-Trainer.

In der Halbzeitpause habe er dem Team sogar noch ein Kompliment gemacht und gesagt, dass er den FC Bayern in dieser Saison noch nie so gut gesehen habe.

"Ich sagte den Spielern aber auch noch: Seid nicht überrascht, wenn Gladbach ein bisschen aggressiver zurückkommt. Genau so ist es geschehen, und wenn du deinem Gegner, der Leidenschaft und Begeisterung an den Tag legt, nichts entgegenstellst, dann nützt dir auch die individuelle Qualität nichts", so van Gaal.

15 bis 20 Minuten...

Seine Mannschaft hatte dem Dominanz-Fußball zuletzt immer wieder längere Auszeiten gestattet, die die Gegner mal generös verstreichen ließen, oder aber - wie Mönchengladbach nun - eiskalt ausnutzten.

"Die 15 bis 20 Minuten nach der Pause sind uns so nicht das erste Mal passiert. Nur sind wir heute auch dafür bestraft worden. Da fehlt es ganz klar an der Konzentration", schimpfte Philipp Lahm und fand damit jede Menge Bestätigung. "Wegen der 15 bis 20 Minuten nach der Pause haben wir zwei Punkte hergeschenkt", sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

Und Gomez erkannte vor seinem Resümee: "Wir dürfen dieses Spiel nie und nimmer unentschieden spielen, das ist katastrophal. Wir haben in der ersten Halbzeit überragenden Fußball gespielt. Dann kommen wir aus der Kabine und sagen uns, dass wir es nicht so machen wollen wie in Cluj, wo wir die ersten zehn Minuten verpennt haben. Und dann passiert genau das gleiche wieder."

Cluj, Wolfsburg, Lautern, Dortmund, Bremen

Das Beispiel Cluj musste als Vergleich oft herhalten. Genauso gut hätten es aber auch die Spiele gegen Wolfsburg, Kaiserslautern, Borussia Dortmund oder Werder Bremen im Pokal sein können, die den Bayern eine gewisse Schizophrenie in ihren Auftritten bescheinigten.

In allen versetzten sich die Bayern vorübergehend selbst in eine Art kollektiven Tiefschlaf und hatten am Ende sogar noch Glück, dass nur zwei der Spiele letztlich auch verloren gingen. Über den Grund dafür gibt es das große Rätselraten.

Lahm hat zwar die Wurzel des Übels auch noch nicht erkannt, immerhin aber einen Lösungsansatz parat, wie man diese brenzligen Phasen überstehen kann.

"Wir sind dafür bestraft worden, dass wir weiter spielen wollten. Wir müssen aber auch einfach mal einen langen Ball spielen, wenn der Gegner mehr Druck macht. Daraus müssen wir endlich mal lernen."

Die Räume sind zu groß

Ein wenig dringt da auch mit durch, dass sich die Bayern in ihrer schier grenzenlosen Überlegenheit in Gladbach zu sicher wähnten. Zu überlegen führten die Gäste die erste Halbzeit, die Trainer van Gaal für "die beste in dieser Saison" befand.

Dass sich eine Mannschaft wie die Bayern dann aber von ein paar handelsüblichen Umstellungen beim Gegner und einer aggressiveren Gangart des Kontrahenten derart überraschen ließen, ist kaum zu erklären.

"Das Hauptproblem ist, dass wir noch zu große Schwierigkeiten haben, wenn wir unter Druck gesetzt werden. Die Räume zwischen Verteidigung und Angriff sind zu groß und wenn wir dann einen zweiten Ball verlieren, wird es sofort gefährlich, weil der Gegner Platz bekommt", sagte Thomas Müller, der die schlimme Phase seines Teams beim Aufwärmen hinter dem Tor miterlebte.

Vielleicht hilft den Bayern bald ja so einer wie Mark van Bommel. Der Kapitän steht offenbar vor dem Comeback, in den schwierigen Phasen während eines Spiels ist van Bommel am ehesten einer, der auch mal dazwischenfährt. Die markigen Worte wären aber auf jeden Fall wieder für den Niederländer reserviert.

Gladbach - Bayern: Daten zum Spiel

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