Sie kamen aus der Hölle

Von Stefan Moser
Samstag, 30.08.2008 | 23:00 Uhr
bielefeld, hamburg, hsv, bundesliga
© Imago
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Bastian Reinhardts Analyse fiel drastisch aus: "Die erste Halbzeit war irgendwie die Hölle." Dabei hatte der Hamburger SV doch in Bielefeld gewonnen. Reinhardt selbst gab der Partie die Wendung, als er mit dem ersten Doppelpack seiner Bundesligakarriere einen 0:2-Rückstand innerhalb von nur zehn Minuten (40. und 50.) ausglich.

Ivica Olic (64.) und David Jarolim (77.) trafen anschließend zum Sieg für den HSV. "Dieses 4:2 haben wir uns durch viel Moral und Geduld verdient", sagte Reinhardt, "aber wir dürfen die ausbaufähige Anfangsphase deshalb nicht unter den Teppich kehren."

Damit lieferte der Mann des Tages selbst auch die Erkenntnis dieses Tages: Hamburg spielt längst noch nicht am Limit, die Leistung des gesamten Teams ist ausbaufähig. Ein Urteil, das, angesichts von sieben Punkten nach drei Spielen und Tabellenplatz zwei, durchaus als Kampfansage gelten darf.

Der HSV hat Großes vor - und vor allem: Er hat auch das Potential dazu, die Mannschaft hat noch reichlich Luft nach oben. Zwar hat Hamburg unter Martin Jol keines der bisherigen vier Pflichtspiele verloren, trotzdem ist die Mängelliste des neuen Trainers noch erstaunlich lang.

Die Liste der Probleme

Vor allem durch individuelle Fehler und Unkonzentriertheiten bringt sich etwa seine Mannschaft immer wieder selbst ins Hintertreffen. Doch der junge Kader wird reifen und konstanter spielen.

Die Neuzugänge sind noch nicht integriert. Jonathan Pitroipa ist die Umstellung von der zweiten auf die erste Liga nur zum Teil geglückt. Der 22-Jährige hat sein enormes Potential schon mehrfach angedeutet, insgesamt aber fehlt ihm noch das eine oder andere Gramm auf seinen schmalen Schultern. Noch.

Marcell Jansen kam ohne Selbstvertrauen und ohne jede Spielpraxis nach Hamburg. Gegen Bielefeld hatte er zwar ordentliche Zweikampfwerte, leistete sich aber auch etliche Stellungsfehler in der insgesamt recht fahrigen Defensivarbeit. In der Vorwärtsbewegung fehlte es dem Neuzugang aus München noch an Überzeugung. Noch. 

Endlich: Neves ist da

Mladen Petric soll die Trefferquote im Sturm der Hanseaten endlich aufbessern. Doch auch er ist noch nicht wirklich in Hamburg angekommen, bisher kam der 27-Jährige nur von der Bank.

Dem Kader fehlt insgesamt noch die nötige Tiefe für eine komplette Bundesliga-Saison. Jol hat kaum echte Alternativen auf der Bank. Noch. Denn am Samstagabend meldete der HSV zum dritten Mal in den vergangenen vier Tagen Vollzug.

Der 23-Jährige brasilianische Nationalspieler Thiago Neves soll bereits am Sonntag in Hamburg vorgestellt werden. Der Mittelfeldspieler von Fluminense Rio de Janeiro soll nach Angaben von Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer "mit seiner Kreativität und seiner Abschlussstärke wichtige Impulse für unser Offensivspiel setzen."

Zuvor bestätigten die Hamburger bereits die Verpflichtung des brasilianischen Olympia-Teilnehmers Alex Silva. Der 23-Jährige "ist ein großer Innenverteidiger, den insbesondere seine Dynamik auszeichnet. Er wird unserer Abwehr noch mehr Stabilität verleihen", glaubt Beiersdorfer.

Die Handschrift des Trainers

Damit hat Martin Jol sein personelles Puzzle, bei dem er durch den Abgang von Rafael van der Vaart gezwungen war zu improvisieren, erst am vierten Spieltag vollständig beisammen. Bisher nämlich galt der Trainer selbst als hoffnungsvollster Neuzugang.

Und er wurde den Erwartungen durchaus gerecht. Die Mannschaft, die charakterlich als schwierig gilt, scheint zu verstehen, was Jol von ihr verlangt. Sie bemüht sich merklich, seine Vorstellungen von schnellem und strukturiertem Offensivfußball umzusetzen und sucht immer wieder nach spielerischen Lösungen.

Jol wiederum bedankt sich mit seinem feinen Gespür für die individuellen Stärken und Schwächen seiner Profis und richtet sein System an seinen Spielern aus. Das Ergebnis ist eine erstaunlich homogene Einheit, die den Verlust ihres ehemaligen Alleinunterhalters van der Vaart geschlossen kompensiert.

Aus van der Vaarts Schatten

Vor allem Piotr Trochowski scheint ohne den langen Schatten des Niederländers regelrecht aufzublühen. Und Jol hilft ihm dabei, indem er den sensiblen 24-Jährigen von der Last des Spielmachers befreit und ihn mehr über die Außenbahn kommen lässt. Ergebnis: drei Spiele, ein Tor, zwei Vorlagen.

Die neue Hamburger Offensivlust hat natürlich auch ihre Kehrseite. "Uns fehlt noch das richtige Maß zwischen Angriff und Abwehr", sagte Jol nach dem Sieg gegen Bielefeld, denn: "Wir können nicht immer einen Zwei-Tore-Rückstand aufholen. Daran müssen wir noch hart arbeiten."

Auf dem Weg zu einer echten Spitzenmannschaft arbeitet der Hamburger SV also weiter an seiner nächsten Ausbaustufe. Spaß aber machte auch schon das Spiel in Bielefeld.

Fand zumindest Bastian Reinhardt, dessen Fazit über das gesamte Spiel auch deutlich euphorischer ausfiel als seine Analyse der ersten Halbzeit: "Wow! Was war das ein verrücktes Spiel! Und dann haben wir es auch noch gewonnen. Sensationell!"

Bielefeld - Hamburg: Spielbericht und Analyse

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