Fussball

20 Jahre Biss und Kung-Fu-Tritt: Kahnsinn im Westfalenstadion

Von Nico Carli
3. April 1999: Herrlich rempelt Kahn an - und der bekommt spontan Hunger.

Vor 20 Jahren, am 3. April 1999, schuf das Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern gleich zwei Bilder für die Ewigkeit: Beißer-Kahn und Kung-Fu-Kahn. Über die Extreme eines Torhüters im Grenzbereich.

Das Verbot kommt vom Vater. Damals machen sich Fans einen Spaß daraus, Oliver Kahn mit Bananen zu bombardieren, wie bei einem Ritual tapezieren sie seinen Strafraum und erwarten, dass der Verrückte in Torwarthandschuhen ausflippt. Tatsächlich ist er "am Anfang ein bisschen irritiert", aber der Wahn des Kahn bricht selten Bahn, wenn Kuttenträger achtlos Lebensmittel wegwerfen.

Einmal, in einem Auswärtsspiel mit dem FC Bayern, schält und isst er eine Banane. Das gefällt der Familie nicht, Verzehr ist fortan untersagt, "weil man ja nie weiß, ob die da nicht Gift reinspritzen", wie Vater Rolf Kahn im Frühjahr 1999 dem Spiegel sagt.

Kahn: "Sie hätten mich bejubeln müssen, um mich zu verunsichern"

Seit er den Bayern-Kollegen Andreas Herzog schüttelte wie eine Champagnerflasche, als dieser es gewagt hatte, beim Verrichten der Abwehrarbeit zu schlafwandeln, gilt Kahn als durchgeknallt. Damit kann er leben. Harald Schmidt erfindet den Gorilla-Vergleich, und am Wochenende regnet es Bananen von seltsamen Menschen, die seltsame Affenlaute imitieren, um Kahn zu ächten.

Rund eine Dekade danach, 2008, erzählt Kahn im SZ-Magazin von psychologischer Retournation: "Die Bananen sind ein Symbol für mich, den sogenannten Unüberwindbaren, den man beschmeißen muss. Insofern haben die Leute unbewusst ihre eigene Mannschaft geschwächt und mich gestärkt. Sie hätten mich bejubeln müssen, um mich zu verunsichern."

Ist es wirklich so einfach in jenem Jahr 1999, das Kahn als Phase der totalen mentalen Erschöpfung bezeichnen wird? Womöglich. "Auf einen Torwart, der sich die Dinger selbst reinlegt, wirft doch keiner eine Banane. Kahn war ein absoluter Top-Mann, und den versucht man mit allen Mitteln aus dem Konzept zu bringen", sagt Heiko Herrlich, Angreifer von Borussia Dortmund, später zu 11Freunde.

Erniedrigung als Motivation. Ottmar Hitzfeld, Fachmann für Fußball und Menschen, beschreibt das Kahn'sche Sich-selbst-Pushen so: "Eine unglaubliche Demütigung" seien die penetranten Bananenwürfe auf Kahn. "Und dann sagt er sich: 'Ich muss hier zu Null spielen, dann gehe ich als Sieger raus.'"

Kahns Strafraum wird zum Jagdrevier

Die Saison 1998/99 ist Kahns fünfte und Hitzfelds erste beim FC Bayern. Keiner ahnt, dass sie 2008 gemeinsam abtreten werden. An Ostern 1999 steht Kahn vor seinem 30. Geburtstag, nach heftiger Warterei und Schufterei ist er Deutschlands Nummer eins, und in der Bundesliga hat er soeben Historisches geschafft: über 700 Minuten ohne Gegentor. Als die Münchner am 24. Bundesliga-Spieltag in Dortmund antreten, applaudieren die BVB-Fans anerkennend, indem sie Bananen aufs Feld schleudern. Es muss wohl sein.

Die Apostrophierung zum "deutschen Clasico" ist ein Phänomen aus ferner Zukunft; Ende der 90er dient Bayern versus Borussia als Abnutzungskampf alter Schule, was natürlich ein Fest ist für Kahn, der sich über Ehrgeiz und Willen und manchmal auch Manie definiert: "Das war die Message der damaligen Zeit. Rocky, Rambo, Scarface, Wallstreet. Erst nach und nach habe ich gelernt, dass zum Leben weit mehr gehört."

3. April 1999, Westfalenstadion. Früh stoppt Herrlich die gegentorlose Serie, die Uhr hält bei 736 Minuten. Kahn ist gereizt, bald balanciert er am Rande des Kontrollverlustes. In seiner 2004 erschienenen Autobiographie kultiviert er die Metapher vom Gorilla im Gehege: "Wie bei einem wilden Tier, das in Bedrängnis kommt, stauten sich bei mir Aggressionen auf und drängten zum Ausbruch." Sein Strafraum wird zum Jagdrevier, und Eindringlinge sind ausdrücklich unerwünscht.

Christian Nerlinger bewahrt Sicherheitsabstand, als er in der 32. Minute aus der Distanz abzieht. "Beim zweiten Tor sah Kahn nicht gut aus", erinnert sich Herrlich, der im Logensitz beobachtet, wie ihm Nerlingers Schuss servierfertig vor die Füße gefaustet wird. "Und ich hab' ihn reingehauen. Vielleicht hat ihm das den letzten Nerv geraubt."

BVB vs. FC Bayern: Startaufstellungen vom 3. April 1999

PositionBVBFC Bayern
TorJens LehmannOliver Kahn
AbwehrKarsten Baumann, Dede, Jürgen KohlerThomas Helmer, Samuel Kuffour, Thomas Linke, Michael Tarnat
MittelfeldStefan Reuter, Andreas Möller, Christian Nerlinger, Lars Ricken, Miroslav StevicMario Basler, Stefan Effenberg, Thorsten Fink, Mehmet Scholl, Thomas Strunz
SturmStephane Chapuisat, Heiko HerrlichCarsten Jancker
TrainerMichael SkibbeOttmar Hitzfeld

Kahn gegen Herrlich: "Ich habe eine innere Freude verspürt"

Jeder weiß, was folgen soll. Kahn fängt eine Flanke ab, Herrlich schubst ihn fast ins Tor, Kahn schubst zurück, dann nähert sich sein Kiefer dem Hals Herrlichs, wie ein Vampir auf Beutefang. Bis Twilight sind es noch zehn Jahre.

"Jürgen Kohler hatte vorher zu mir gesagt: 'Pass auf, der Olli lässt sich bei hohen Bällen leicht provozieren. Remple ihn ruhig mal an, damit er die Nerven verliert.' Und das habe ich in dieser Situation gemacht'", sagt Herrlich. "Ich war überrascht, aber habe gleichzeitig eine innere Freude verspürt, weil ich wusste: Jetzt zeigt er Schwäche. Gebissen hat Kahn mich nicht, nur geknabbert. Ich habe dann eine Geste gemacht, als hätte er eine Fahne. Die hatte er natürlich nicht, ich wollte ihn einfach weiter reizen."

Als Kahn seine Karriere rekapituliert, offenbart er: "Geschämt habe ich mich selten, vielleicht damals in Dortmund. Nach der Szene mit Heiko Herrlich."

In der 36. Minute fliegt Bayern-Verteidiger Sammy Kuffour vom Platz, glatt Rot. Eigentlich haben Sportberichterstatter und Unterhaltungsbeauftragte schon mehr Stoff, als sie verwenden können, da wird Herrlichs Sturmpartner Stephane Chapuisat, ein drolliger Schweizer, mit einem Steilpass in den Sprint geschickt. Keine gute Idee.

Kahn gegen Chapuisat: "Das bin ja nicht ich"

"Es kann sein, dass man so unter Strom steht, dass man sich entladen muss", kommentiert Kahn ein paar Tage nach diesem Spiel, als er zu erklären versucht, wie sich Druck und Antrieb auf seine Gesinnung auswirken. Als gereifter Ex-Profi sagt er: "In einem Champions-League-Halbfinale konnte ich leicht bis zu drei Kilo Gewicht verlieren, nicht durch Bewegung, sondern allein durch Anspannung. Ich habe mir lange den überzogenen Anspruch auferlegt, mindestens drei Unhaltbare pro Spiel zu halten - bis ich irgendwann registriert habe, das mit der Perfektion funktioniert nicht. Wer das nicht versteht, wird ewig unglücklich sein."

Im April 1999 ist Kahn noch ein Getriebener. Er hat zwei Tore hinnehmen müssen und trägt eine Teilschuld; er muss sich verteidigen gegen Stürmer, Fans, Bananen, die Presse und Harald Schmidt; sowieso fühlt er die Pflicht, ein Signal zu setzen für sein Team, das 0:2 hinten liegt, in Unterzahl agiert und nichts auf die Kette kriegt. Jetzt rennt dieser Chapuisat auf ihn zu, der Schiedsrichter pfeift - Abseits -, aber der Keeper befindet sich bereits im Delirium.

"Das", sagt Kahn, "war der Moment, wo sich sämtliche Aggressionen in mir entluden. Ich ließ das wilde Tier los und sprang Chapuisat mit ausgestrecktem Bein an. Kung-Fu-Kahn war geboren." Die Stollen voran, den Ball in Händen, das Kinn kantig vorgeschoben, im Stile eines asiatischen Kampfsportlers: Die Boulevardpresse jauchzt vor Ekstase.

Beim Blick auf die Bilder aber sagt ein nachdenklicher Nationaltorwart: "Das bin ja nicht ich."

Kahn hält einen Elfmeter - vor der Südtribüne

Dass Chapuisat die martialisch inszenierte Aktion als "gar nicht so schlimm" wahrnimmt? Geschenkt. München ist erweckt. Gelb-Rot für Dortmunds Stefan Reuter stellt Gleichzahl her (51.), dann schaffen zehn Bayern durch Alexander Zickler (58.) und Carsten Jancker (63.) den Ausgleich. Dramaturgischer Schlusspunkt ist eine Schauspieleinlage von Dede, die verblüffenderweise nicht Oscar-prämiert wird, allerdings in einem Strafstoß mündet, den Lars Ricken vergibt (77.). Kahn pariert per Fuß. Vor der Südtribüne. Karma.

"Ich glaube nicht, dass ich den Zuschauern viel Spaß vermittelt habe", urteilt er retrospektiv. "Ich bin nicht angetreten, um vom Publikum geliebt zu werden. Ich wollte versuchen, der beste Torhüter der Welt zu werden." Und er wurde es, dreimal.

Einen Monat nach jener Legendenpartie 1999 sehen sich Herrlich und Kahn in der Münchner Praxis von Doktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wieder. Herrlich erzählt: "Wir haben ganz locker miteinander gesprochen, nur nicht über das Spiel." Chapuisat sagt: "Wir haben uns noch häufiger zufällig getroffen, aber nie über diese Szene geredet."

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