Fussball

Max Kruse bei Werder Bremen: Eine Frage der Perspektive

Von Pascal De Marco
Max Kruse absolvierte sein letztes Spiel für das DFB-Team im Oktober 2015.

Max Kruse befindet sich in Topform und gehört aktuell zu den besten Offensiv-Akteuren der Bundesliga - für den DFB-Kader reicht das trotzdem nicht. Ob Kruse Werder Bremen über den Sommer hinaus erhalten bleibt, hängt wohl von einer Europapokal-Qualifikation ab.

Woran lässt sich erkennen, ob sich ein Fußballer gerade wohlfühlt, sich in Top-Form befindet? An der Tor- und Assistquote? An Ballaktionen oder der Beteiligung an Torabschlüssen? An allgemeineren Messwerten wie der Laufleistung? Bei Werder Bremens Max Kruse stimmen aktuell alle Faktoren.

In den letzten vier Bundesligapartien gegen Stuttgart, Wolfsburg, Schalke und Leverkusen gelangen ihm vier Tore und drei Assists. In den letzten drei Spielen war er der Bremer mit den meisten Torschussbeteiligungen. In den letzten beiden der mit den meisten Ballaktionen. Kruses 11,7 abgespulte Kilometer im Spiel gegen Leverkusen sind sein Karrierehöchstwert. Und das Gute aus Bremer Sicht: Läuft es für Kruse, läuft es für Werder. Nach zwei Siegen in Folge träumt der Klub wieder vom Europapokal.

Bundesliga-Tabelle: Der Kampf um Europa

PlatzTeamSp.ToreDiffPkt.
1.Bayern München2668:274160
2.Borussia Dortmund2664:303460
3.RB Leipzig2644:202449
4.Borussia M'gladbach2645:311447
5.Eintracht Frankfurt2651:302146
6.Bayer Leverkusen2647:40742
7.Wolfsburg2644:39542
8.Werder Bremen2646:38839
9.TSG Hoffenheim2650:381238
10.Hertha BSC2640:39135

Max Kruse: Werders Denker, Lenker und Vollstrecker

Geht es um das Verhalten bei hohem Druck des Gegners, zählt Werder derzeit zu den besten Teams der Bundesliga. Ausschlaggebend für den Erfolg gegen diese vermeintlich unangenehmen Spielsituationen ist das Verhalten der Außenbahnspieler und der des zentralen Zielspielers Kruse.

Bremen gelingt es hervorragend, sich über Spielverlagerungen in Räume zu befreien, in denen der Gegner schwach besetzt ist, um von dort das Spiel gegen den nun unsortierten Kontrahenten schnell zu machen. Hier kommt Kruses unglaublich gutes Verständnis für sich öffnende Räume zum Tragen.

Kommt er dem ballführenden Mitspieler als potenzielle Anspielstation nicht entgegen, attackiert er den größten unbesetzten Raum - zumeist auf dem Flügel. Damit zwingt Kruse seinen Gegenspieler, seine natürliche Position zu verlassen und ihm zu folgen. Oder ihm Raum zu geben, den keiner so gut nutzt wie Kruse.

Kruse erkennt schon im Angriff des Gegners, ob sich ein Außenverteidiger in das Offensivspiel einschaltet und sich bei Ballverlust nicht in seiner Verteidigungsposition befinden wird. Kruse läuft diesen Raum bei Bremens Gegenangriff mit hohem Tempo an. Gleich dreimal profitierte Kruse in Leverkusen von so einer Situation.

Joachim Löw und Max Kruse: Ein gespaltenes Verhältnis

Trotzdem fehlt er weiterhin im DFB-Kader. Bundestrainer Joachim Löw verbannte den damaligen Wolfsburger vor fast genau drei Jahren aufgrund von wiederholtem Fehlverhalten abseits des Platzes aus dem Kader und gab ihm daraufhin nie wieder eine Chance. Eskapaden hat sich Kruse allerdings seit längerer Zeit nicht mehr geleistet. Stattdessen ist er zum Gesicht einer aufstrebenden Bremer Mannschaft geworden.

Begraben ist sein Nationalmannschaftstraum noch nicht. "Max zeigt jedes Wochenende, dass er alles andere als damit abgeschlossen hat", meinte Kohfeldt zuletzt. "Das weiß ich aus persönlichen Gesprächen. Er hat nach wie vor den großen Traum, nochmal für die Nationalmannschaft zu spielen."

Fehlt dem DFB-Team eine Rolle für Max Kruse?

Löws Ausrichtung jedoch dürfte Kruse nicht allzu viel Hoffnungen auf eine Rückkehr machen. Alleine die Ausbootung verdienter Spieler wie Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng lässt die Marschroute des Bundestrainers erkennen: Umbruch mit jungen Spielern! Löws Kader für die anstehenden Länderspiele gegen Serbien und die Niederlande beinhaltet in Manuel Neuer einen einzigen Spieler, der älter ist als Kruse.

Alleine von der Altersstruktur her ist kein Platz für den 31-Jährigen. Aber auch taktisch ist Kruse wohl nicht gefragt. Seit dem WM-Aus hat die DFB-Elf in ihrer Formation nicht mehr mit einem "echten" Zehner gespielt. Löw wechselt zwischen 4-1-4-1, 4-3-3, 3-4-3 und 5-4-1, nicht jedoch die Mittelfeldbesetzung mit zwei Achtern und ohne Zehner. Während in der Spitze schnellere Spieler wie Timo Werner und auf den Außenbahnen Leroy Sane und Serge Gnabry wirbelten, gehörten die Achterpositionen Box-to-Box-Spielern wie Leon Goretzka und Emre Can.

Max Kruses Profi-Stationen im Überblick

VereinSpieleToreVorlagen
FC St. Pauli1002216
SC Freiburg391210
Borussia Mönchengladbach772522
VfL Wolfsburg43912
SV Werder Bremen863229
DFB-Team1447

FC Bayern? BVB? Werder? Wer bietet die beste Perspektive?

Kruse, der sich "mit der Situation abfinden muss", wie er sagt, wird sich also weiter auf Werder Bremen und den Kampf um Europa konzentrieren. Im Sommer läuft sein Vertrag aus. Wie es weitergeht, hängt wohl vom Saisonausgang ab. "Ich beschäftige mich mit der Situation, wenn wir absehen können, wie es bei uns weitergeht im nächsten Jahr. Weil ich schon den Anspruch habe, auch wieder international zu spielen", sagt Kruse. "Solange das möglich ist, spricht natürlich auch nichts dagegen, sich darüber zu unterhalten, ob es hier weitergeht oder nicht."

Die Bremer Verantwortungsträger wissen, worauf es Kruse ankommt. "Ich glaube, es geht ihm nicht mehr um den letzten Cent", sagt Sportdirektor Frank Baumann. "Sondern um die Entwicklung und die Rolle, die er dabei spielen kann." Kohfeldt sagt: "Ich bin der Meinung, dass ein anderer Klub schon sehr gute Argumente haben muss, um ihm diese Perspektive zu nehmen."

Die Perspektive, die sich Kruse wünscht, können ihm vor allem die Klubs geben, mit denen er zuletzt in Verbindung gebracht wurde. Ob er allerdings den starken Rückgang an Spielzeit in Kauf nehmen würde, um bei Teams wie den Bayern oder dem BVB international zu Kurzeinsätzen zu kommen, ist schwer vorstellbar. Schlussendlich liegt es ja auch an ihm, ob Werder sich über Liga oder Pokal für Europa qualifizieren kann.

Träumen, betont Trainer Kohfeld, tut Kruse schließlich nicht allein: "Die Ambition, international zu spielen, habe ich ja auch."

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