Fussball

Leon Bailey steht sinnbildlich für Leverkusens Aufschwung: Chippy aus der Gully Side

Leon Bailey befindet sich seit Wochen in bestechender Form

Leon Bailey befindet sich seit Wochen in bestechender Form. Der Jamaikaner blüht nach einer durchwachsenen Rückrunde in der aktuellen Saison auf und fühlt sich wie ein Neuzugang an. Aus dem jamaikanischen Ghetto zum 13-Millionen-Euro-Transfer: Bailey steht sinnbildlich für den Aufschwung in Leverkusen. Am Abend treffen der 20-Jährige und seine Kollegen auf den VfB Stuttgart (20.30 Uhr im LIVETICKER).

Gangster mit AK-47s hängen auf der Straße rum - immer bereit für einen Gang-Krieg. So beschreibt der jamaikanische Dancehall-Künstler Mavado die Gully Side im gleichnamigen Song. Gully Side ist der Spitzname für den gefährlichsten Stadtbezirk Kingstons, Cassava Piece.

Hier ist Leon Bailey aufgewachsen. In einer Gegend, von der sich Touristen nach Anraten der US-Botschaft besser fernhalten sollten. Inmitten von Armut und Straßenkriminalität hatte Bailey nur eines im Sinn.

"Ich erinnere mich an die Zeit, in der dein Vater und ich die Straßen unsicher gemacht haben und du hast immer mit deinem Fußball gespielt", erinnert sich Mavado an die Anfänge der Karriere seines Kumpels Bailey.

Baileys Schnelligkeit ist "eine Waffe"

Heute tut er das erfolgreicher denn je. In elf Einsätzen in dieser Spielzeit erzielte der 20-Jährige bereits vier Treffer und bereitete weitere zwei vor. Der Außenstürmer besticht vor allem durch seine Schnelligkeit.

"Er ist so schnell, das ist nicht normal. Sein Tempo kombiniert mit seiner Technik ist sehr selten. Außergewöhnlich", sagte der ehemalige Ajax-Trainer Frank De Boer, der ebenfalls an Bailey interessiert war, gegenüber Het Nieuwsblad.

Dank seiner flinken Beine tauchte Bailey im Dezember 2015 erstmals in den deutschen Medien auf, als die eSport-Abteilung des kicker aufgrund seiner Werte bei Beschleunigung (94) und Sprintgeschwindigkeit (92) auf den "jamaikanischen Flitzer" aufmerksam wurde.

"Er ist eine Waffe. Er ist schnell, stark im Abschluss und in der Vorbereitung", lobte Trainer Heiko Herrlich seinen Schützling vor einigen Wochen nach dem 2:1-Sieg gegen Köln.

Bailey gerät mit Boxer Ribera aneinander

Unter Herrlich blüht Bailey auf. Der 36-jährige Trainer verpflichtet den Jamaikaner auch zu defensiven Arbeiten, beispielsweise in einer 3-4-2-1-Grundordnung, in der Bailey gegen den Ball als eine Art Außenverteidiger agiert und auch diese Rolle meistert. Seine unermüdliche Laufbereitschaft und Disziplin sind ein enormer Gewinn für Bayer. 80 Prozent der Tackles des gelernten Angreifers sind erfolgreich.

Bailey ist im europäischen Profifußball angekommen. Während seiner ersten Halbsaison bei Bayer schien er diese Disziplin und vollständige Hingabe zum Fußball noch vermissen zu lassen. Unter Roger Schmidt und Tayfun Korkut kam Bailey lediglich auf acht Kurzeinsätze.

Sein Talent blitzte immer wieder auf, er konnte es jedoch nicht konstant auf den Platz bringen. Stattdessen machte er abseits des Grüns auf sich aufmerksam, etwa als er in Genk mit dem belgischen Boxer Atif Tanriseven Ribera aneinandergeriet.

Ist Baileys Umfeld ein Problem?

Bailey postete ein Video von Ribera aus einem Kraftraum in Genk und machte sich über dessen unkonventionelle Bewegungsabläufe lustig: "Seht euch diesen Clown an!" Ribera bekam davon Wind und reagierte völlig über, drohte Bailey in einem Cafe Prügel an und dokumentierte seinen eigenen Ausraster bei Facebook.

Der Vorfall wurde medial unheimlich aufgebauscht, nicht zuletzt deshalb, weil er perfekt zu Baileys Image von mangelnder Seriosität und seiner Vorliebe für vermeintlich schlechten Umgang zu passen schien.

Seine dubiose Entourage wird ihm immer angekreidet. Allen voran sein Stiefvater und Berater Craig Butler sorgte in der Vergangenheit für Schlagzeilen. Der jamaikanische Sportjournalist Orville Higgins skizzierte Butler einst als den "größten Coach und Promoter des jamaikanischen Fußballs, andererseits als arrogant und völlig außer Kontrolle. Er folgt nur seinen eigenen Gesetzen".

Ersteres brachte Bailey immerhin zu Leverkusen. "Chippy", so lautet Baileys Spitzname, fing im Alter von sieben Jahren in der Phoenix All Stars Football Academy (geleitet von seinem Stiefvater) an Fußball zu spielen.

Leon Bailey: Im Stile eines Backpackers

Wenige Jahre später begann die wilde Fahrt durch ganz Europa. Butler wurde aufgrund eines Eigentümer-Streits um den Stony Hill Phoenix All Star Football Club vom Landesverband KSAFA gesperrt. Er zog gegen den Verband vor Gericht - eine Todsünde. Butler stieß in Fußball-Jamaika auf verschlossene Türen und floh mit seinen Söhnen Leon und Kyle zunächst nach Österreich.

In der Jugend des USK Anif machte Bailey in Europa auf sich aufmerksam. Angeblich erzielte er 75 Tore in 16 Spielen. Den Rest der Spielzeit "tingelten sie immer wieder durch Europa, um Probetrainings bei größeren Vereinen zu absolvieren", erzählte sein damaliger Coach Mike Rosbaud bei laola1.tv.

Ajax, Genk, Trancin, Rapid Wien, Chelsea - Butler schleppte seine Jungs durch den Kontinent - im Stile eines Backpackers. In Wien übernachtete das Talent sogar am Bahnhof. Auch aufgrund des U18-Transferverbots der FIFA gestaltete sich die Suche nach einem Verein für Bailey schwierig.

Schließlich kam er beim slowakischen Erstligisten AS Trencin unter, wo er mittrainieren konnte und einige Freundschaftsspiele mit der Jugendmannschaft absolvierte. Drei Tage nach seinem 18. Geburtstag unterschrieb Bailey seinen ersten Profivertrag beim KRC Genk. Plötzlich wollte ihn jeder. Vor allem Ajax und Chelsea zeigten großes Interesse. Im Januar folgte jedoch der Wechsel zu Bayer Leverkusen.

Eine typische Started-from-the-Bottom-Story

Chippy aus der Gully Side wurde zum 13-Millionen-Euro-Transfer. Eine typische Started-from-the-Bottom-Story. Hollywoodreif. Dass ausgerechnet Bailey Protagonist des Leverkusener Aufschwungs ist, überrascht nicht. Und es hat den Anschein, als hätten das Team und insbesondere Bailey ihr Potenzial erst angedeutet.

Seit neun Spielen ist Bayer in der Liga ungeschlagen. Bailey ist seit der Partie gegen den Hamburger SV am 6. Spieltag, als ihm beim 3:0 zwei Vorlagen gelangen, nicht mehr aus der Werkself wegzudenken. Am Freitag (20.30 Uhr im LIVETICKER) bekommen es Benjamin Pavard und Andreas Beck mit dem jamaikanischen Flügelflitzer zu tun.

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