Werders neues Flug-Experiment

Montag, 24.07.2017 | 18:00 Uhr
Jiri Pavlenka ist die neue Nummer eins bei Werder Bremen
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Sebastian Mielitz, Raphael Wolf, Koen Casteels, Richard Strebinger, Felix Wiedwald, Jaroslav Drobny. Werder Bremen hat seit dem Abgang von Tim Wiese vor fünf Jahren so oft den Stammkeeper gewechselt wie Miro Klose und Ivan Klasnic zu ihren besten Zeiten in einem Spiel einnetzten.

Jetzt ist ein neuer da. Schon wieder. Jiri Pavlenka heißt der Mann, der zwischen den Bremer Pfosten mehr als eine Zigarettenlänge verweilen soll. Und der Tscheche zeigte bei seinem zweiten Einsatz im Telekom Cup gegen Borussia Mönchengladbach gleich mal seine Qualitäten.

"Das waren zwei richtig gute Saves", lobte Coach Alexander Nouri den Neuzugang von Slavia Prag im Anschluss: "Ich freue mich für Jiri, dass er eine gutes Spiel gemacht hat." Auch Sportdirektor Frank Baumann war voll des Lobes: "Nicht verkehrt, auch mal einen Unhaltbaren zu halten. Aber wir sind nicht überrascht."

Drei Millionen Euro für Jiri Pavlenka

Wirklich einschätzen kann man Pavlenka, für den Bremen drei Millionen Euro auf den Tisch legte, trotzdem noch nicht. Denn im Gegensatz zur zwischenmenschlichen Partnersuche reichen ein paar Testspiele bei einem Keeper nicht einmal für einen richtigen ersten Eindruck.

Was sich aber zu bewahrheiten scheint, sind die im Vorfeld hochgelobten Flugkünste des 25-Jährigen, der mit 1,96 Meter Gardemaß für die Arbeit als Schlussmann mit an die Weser bringt.

"Jiri ist groß, körperlich stark, reaktionsschnell und gut auf der Linie", sagte Petr Rada, vergangene Saison Coach des Prager Stadt-Rivalen Sparta, im Gespräch mit dem Weser-Kurier.

Aber ist er ein Upgrade zu dem in der Rückrunde deutlich stabilisierten und zu Leeds United gewechselten Felix Wiedwald? Rada, der Deutschland aus seiner aktiven Zeit in Düsseldorf und Essen kennt, rät, diese Frage erst nach dem einen oder anderen Tee zu beantworten: "Abwarten. Pavlenka ist körperlich stärker, Wiedwald hat mehr Erfahrung."

Jiri Pavlenka: Unerfahren trotz Nationalmannschaft

In der Vita von Spätstarter Pavlenka stehen trotz seiner 25 Lenze lediglich 110 Profi-Spiele. Davon hatten gerade einmal 18 Partien mehr als Zweitliga-Niveau: zwölf Duelle gegen die anderen beiden tschechischen Top-Teams, Viktoria Pilsen und Sparta, vier Einsätze in der Europa-League-Qualifikation sowie zwei Spiele für die Nationalmannschaft.

"Dieser Transfer muss sitzen", sagte selbst Tim Wiese, der letzte überdurchschnittliche Keeper der Grün-Weißen, dem Weser-Kurier: "Seit meinem Abschied hat Werder auf der Torhüterposition Probleme, jetzt muss dort endlich Konstanz herrschen."

Auch, wenn es im vergangenen Jahr nicht die Regel bei Fußball-Kommentaren des neuen Wrestling-Stars war - in dieser Hinsicht hat der "Eraser von der Weser" Recht. Bremen hat keinen Spielraum für weitere Fehlentscheidungen in der T-Frage.

Und dennoch wagen die Verantwortlichen mit Pavlenka ein Experiment. Immerhin eine Handvoll Clips von ihm existieren auf YouTube, die tschechische Liga gehört in Sachen Video-Vermarktung nicht zu Europas Elite. Der Name des Keepers war bis zum Transfer auch nur wenigen in Deutschland ein Begriff.

Über Slavia Prag zu Werder

Nach der Ausbildung und einigen Saisons im östlichsten Zipfel von Tschechien folgte Anfang 2016 der Sprung zu Slavia Prag. Dank der Mithilfe von Pavlenka, der bald die unangefochtene Nummer eins war, beendete der Hauptstadt-Klub nach neun Jahren endlich seine Durststrecke ohne Titel.

Die Verbindung zu Werder stellte die tschechische Spieler-Agentur "Sport Invest International" her, bei der neben Petr Cech auch Theodor Gebre Selassie unter Vertrag steht. Dass im Zuge des Wechsels von Pavlenka mit Jan Lastuvka ein weiterer Klient der Agentur die Nachfolge zwischen den Slavia-Pfosten antrat, sollte nicht verschwiegen werden.

Auch nicht, dass Werder sein Angebot Medienberichten zufolge von zunächst 1,8 Millionen Euro erst auf 2 Millionen und dann sogar auf 3 Millionen erhöhte. Viel Geld für einen Unbekannten, dessen Vertrag in Prag noch bis 2019 lief. Das Management um Baumann wollte Pavlenka unbedingt schon zur Vorbereitung mit in Österreich haben und drängte daher auf einen Abschluss des Transfers.

Pavlenka: kein Deutsch, kein Englisch

Torwart-Trainer Christian Vander stellte nach den ersten Tagen mit Pavlenka fest: "Die ersten Eindrücke sind, dass er ein sehr ruhiger, introvertierter Typ ist, der hier erst mal reinfinden muss. Sprachlich ist es im Moment noch ein bisschen schwierig. Aber er wird schnell Deutsch lernen."

Damit hat Pavlas, wie er mit Spitznamen gerufen wird, schon angefangen. Selbst am trainingsfreien Sonntag paukte der Neuzugang vor schönstem Alpen-Panorama Vokabeln.

Da Pavlenka auch nur gebrochen Englisch spricht, übernimmt Gebre Selassie zurzeit noch die Funktion als Dolmetscher und Integrationsbeauftragter. Dafür gab der Verteidiger im Trainingslager sogar seine langjährige Zimmernachbarschaft mit Zlatko Junuzovic auf.

Über seinen neuen Teamkollegen sagte Gebre Selassie: "Er muss gut sein, sonst wäre er nicht Nationaltorwart und nicht bei Werder." Es gab schon euphorischere Statements in der Geschichte des Fußballs.

Jiri Pavlenka: Werders neue Nummer eins

Mit Jaroslav Drobny steht noch ein dritter Tscheche in Bremens Kader, gleichzeitig die Nummer drei in der Keeper-Hackordnung. Die Nummer zwei und damit der erste Herausforderer von Pavlenka ist Michael Zetterer.

Der 22-Jährige aus München erhielt vergangene Saison 22 Einsätze in der 3. Liga, in der Bundesliga durfte er noch kein einziges Mal ran.

Dass Coach und Management damit erst einmal keine Chance haben, Druck auf die neue Nummer eins aufzubauen, kann für alle Beteiligten nur positiv sein.

Rückendeckung von Alexander Nouri wichtig für Pavlenka

Pavlenka braucht gerade zum Start Selbstvertrauen und Rückendeckung von Nouri. Und Werder braucht eine Verschnaufpause von den unsäglichen Diskussionen der vergangenen Jahre.

Zum Bundesliga-Auftakt geht es gleich gegen den die TSG Hoffenheim und den FC Bayern München. Ein Brett zum Auftakt. Doch eine bessere Möglichkeit, um sich auszuzeichnen und seine Amtszeit in Bremen von Beginn an in ruhiges Fahrwasser zu lenken, könnte es andererseits für Pavlenka wohl nicht geben.

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