Entscheidung über Sicherheitskonzept

Politik, DFL und DFB drängen

SID
Dienstag, 11.12.2012 | 16:42 Uhr
"Nein zum DFL-Papier" - die Fans von Hannover und Leverkusen machten gemeinsame Sache
© Getty
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Millionen strömen jedes Jahr in die Stadien. Wie sie dort aufgenommen werden und was sie dort nicht mehr erleben sollen, darum geht es bei dem Treffen der 36 Profiklubs in Frankfurt. Ob die Proteste gegen das Sicherheitskonzept danach aufhören, steht auf einem anderen Papier.

Die Situation ist hochbrisant: Bedrängt von der Politik und noch immer uneinig muss der deutsche Fußball an diesem Mittwoch einen Ausweg aus dem Konflikt um das neue Sicherheitskonzept finden. Bei der Abstimmung über das umstrittene Papier stehen die 36 Profiklubs vor einer Grundsatzentscheidung - es droht eine Zerreißprobe.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wollen den Maßnahmenkatalog unbedingt vom Tisch haben. Zu groß ist der Druck der Innenminister von Bund und Ländern, die die Vereine bei einem Scheitern der Gespräche in einem Frankfurter Nobelhotel sogar zu einer Kostenbeteiligung an den Polizeieinsätzen zwingen wollen.

Mit Argusaugen beobachten auch Millionen von Fans die Entscheidung: Für sie geht es um mehr als nur um 16 Anträge auf 37 Seiten und Diskussionen über Ganzkörperkontrollen, Kollektivstrafen, Schulung von Sicherheitskräften und Videoüberwachung.

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"Großes Misstrauen" der Fans

Ligapräsident Reinhard Rauball sieht die Abstimmung "auf einer Ebene mit einem TV-Vertrag oder der 50+1-Frage. Der Ligaverband steht vor einer Weggabelung", warnte der Präsident von Meister Borussia Dortmund. Der Vorsitzender der DFL-Geschäftsführung, Christian Seifert, sprach deckungsgleich von einer "großen Kreuzung".

Tatsächlich sei das Verhältnis zwischen Anhängern und dem organisierten Fußball derzeit geprägt von einem "großen Misstrauen", prangerte Michael Gabriel als Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) vor der nichtöffentlichen Mitgliederversammlung in einem Interview der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Dienstag) an.

Die Proteste gegen das Papier, so Gabriels KOS-Kollege Volker Goll, würden sich im Kern um eine andere, grundsätzlichere Frage drehen: "Wie werden wir als Fans gesehen und behandelt - als Zuschauer, als Konsumenten, als Gewalttäter oder wertschätzend als Unterstützer?"

Gabriel kritisierte, die wenigsten Klubs hätten verstanden, was für eine Bedeutung die Fans für ihre Vereine, ihre AG oder ihr Produkt hätten. "Das Thema Fußballfans wird unwillig behandelt, es sind die Schmuddelkinder", sagte der KOS-Chef.

"Fall Dynamo" bietet weiteren Zündstoff

An den vergangenen drei Spieltagen hatten die Anhänger in den Bundesliga-Stadien mit ihrer Schweige-Aktion über 12 Minuten und 12 Sekunden lautlos, aber eindrucksvoll protestiert. Zudem gab es am vergangenen Wochenende noch Demonstrationen.

Die Fans haben es bisher aber auch nicht geschafft, Übeltäter in ihren Reihen auszugrenzen. Jetzt fühlen sie sich von den Dachverbänden, den Politikern und auch Medien in die Ecke gedrängt. Mit dem Urteil gegen die Gewalttäter von Dynamo Dresden hat die Entscheidung weiteren Zündstoff bekommen.

Das DFB-Sportgericht hat den Zweitligisten am Montag für die nächste Saison vom DFB-Pokal ausgeschlossen, weil Dynamo-Fans im Pokalspiel bei Hannover 96 am 31. Oktober für Krawalle gesorgt hatten. Dabei gab es neun Verletzte und 41 Straftaten.

Fanorganisationen wie "Pro Fans" und "Unsere Kurve" und auch einige Vereine drängen darauf, jetzt nichts übers Knie zu brechen und erst bei der nächsten Mitgliederversammlung abzustimmen.

Eintracht fordert Änderungen

"Ich wüsste nicht, was eine Verschiebung bringen sollte", hatte Wolfgang Niersbach schon vor seinem Abflug nach Israel mit der U 18-Nationalmannschaft gesagt. Der DFB-Präsident fehlt bei der Versammlung.

Das Konzept sei von der DFL gut und transparent vorbereitet worden, so Niersbach. Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) forderte die Verein klipp und klar auf, zu einer Abstimmung zu kommen.

Wie komplex die Debatte um das hochjuristische Papier ist, zeigt der Fall Eintracht Frankfurt. Der Bundesligist möchte immer noch jede Menge Änderungen am bereits einmal überarbeiteten Konzept, das jetzt in 16 Anträge mündet. Dabei saß Vorstandsmitglied Axel Hellmann in der DFL-Kommission, die den Maßnahmenkatalog ausgearbeitet hat.

Der Jurist sieht darin keinen Widerspruch, "dass wir im Vorstand überzeugenden Argumenten, die nach langer Diskussion mit unseren organisierten Fans auf den Tisch kamen, folgen", erklärte er in einem Interview der "Frankfurter Rundschau".

"Auch nach 12. Dezember eine Welle der Proteste"

Hellmann rechnet auch nach der Entscheidung über das Sicherheitskonzept mit heftigem Widerstand aus Fankreisen. "Es wird auch nach dem 12. Dezember eine Welle des Protestes geben. Da mache ich mir nichts vor. Aber diese Welle müssen wir aushalten", sagte er und räumte Fehler ein beim Vorgehen der DFL.

"Wir hätten in der Kommission nach den ersten vorläufigen Ideenansätzen Fanvertreter mit einbinden sollen", sagte der Frankfurter Funktionär. "Nachdem das Papier dann die Klubs mit der Bitte um kritische Auseinandersetzung erreicht hat, war das Kind schon öffentlich in den Brunnen gefallen."

Auch die Polizei, die jedes Wochenende mit Fans zu tun hat, ist in der überhitzten Debatte gespalten. Die Deutsche Polizeigewerkschaft und deren Vorsitzender Rainer Wendt wollen längst, dass die Vereine für Polizeieinsätze kräftig in die Kasse greifen.

Rauball bezeichnete Wendt kürzlich als «Chefpolizisten» und sagte: "Ich weiß selbst, welches Unheil er anrichtet mit seinen Äußerungen. Aber es ist nicht nur Wendt von der Deutschen Polizeigewerkschaft, der Druck macht. Es sind die Innenminister, die stark Druck machen." Die Gewerkschaft der Polizei wiederum warnt eindringlich davor, alle Fußball-Fans unter Generalverdacht zu stellen und bei den Maßnahmen gegen Randalierer den Boden der Verhältnismäßigkeit zu verlassen.

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