"Ich weiß nicht, ob ich zur Nationalelf passe"

Von Interview: Fatih Demireli
Donnerstag, 13.12.2012 | 11:31 Uhr
Tony Jantschke macht sich bei Gladbach mit starken Leistungen für das DFB-Team interessant
© Getty
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Tony Jantschke ist bei Borussia Mönchengladbach eine Konstante und spätestens seit letzter Saison ein Kandidat für die Nationalmannschaft. Der Gladbacher Rechtsverteidiger stellt sich aber die Frage, ob er überhaupt in Joachim Löws System passt und sieht Verbesserungspotenzial. Außerdem spricht Jantschke über seine schwierige Vergangenheit. Ein entwaffnend ehrliches Interview mit einem Jungprofi.

SPOX: Tony Jantschke, welche Erinnerungen verbinden Sie eigentlich mit Ihrem ersten Bundesliga-Spiel?

Tony Jantschke: Das war ein Heimspiel gegen Energie Cottbus. Ich wurde zur Halbzeit eingewechselt und war unglaublich aufgeregt. Zum einen, weil es eben mein erstes Bundesliga-Spiel war und zum anderen, weil es gegen Cottbus ging: Ich komme ja gebürtig aus der Nähe. Optimal! Besser hätte es ein Filmemacher nicht schreiben können.

SPOX: Sie kamen für Gal Alberman, aber Gladbach verlor 1:3. Waren Sie an jenem Tag dennoch glücklich, dass Sie endlich Bundesliga-Spieler geworden sind?

Jantschke: (lacht) Ehrlich gesagt schon. Natürlich war ich richtig enttäuscht über die Niederlage, aber es war natürlich ein wahnsinniges Gefühl. Ich wusste nicht, wie es in der Kabine wird, ob jemand weint oder dergleichen. Aber die Jungs waren allesamt klasse, kamen auf mich zu und haben mir gratuliert.

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SPOX: Wie fiel das Feedback von Trainer Hans Meyer aus?

Jantschke: Er hat damals recht wenig mit mir geredet. Mein erster Ansprechpartner war Christian Ziege, mit dem ich danach sofort geredet und mir Glückwünsche abgeholt habe. Das hat gut gepasst.

SPOX: Ist ein Typ der alten Schule wie Hans Meyer genau der Richtige für den Start in die Profi-Karriere?

Jantschke: Er war auf jeden Fall eine gute Erfahrung. Ich stand vor dem Cottbus-Spiel schon mal in Bielefeld im Kader. Da hat mich Hans Meyer nach dem Abendessen zur Seite geholt und mit mir geredet. Da hat man natürlich großen Respekt, wenn man weiß, was dieser Mann geleistet hat. Er ist eine Ikone und jeder, der den Namen Hans Meyer hört, weiß, was Sache ist. So war es bei mir auch.

SPOX: Nach dem Cottbus-Spiel folgte gegen Bayer Leverkusen gleich das erste Bundesliga-Tor, Sie waren und sind damit immer noch Gladbachs drittjüngster Torschütze der Bundesliga-Geschichte. Wieder ein glücklicher Tony trotz Niederlage?

Jantschke: Wir haben ein richtig geiles Spiel gemacht, zwei Mal die Latte getroffen, sind zwei Mal alleine aufs Tor zugerannt und haben gute Standards gehabt: Leverkusen hat aus drei Chancen drei Tore gemacht, eins davon war abseits. Es war insofern bitter, dass wir gut gespielt haben und dennoch unten drin waren und dann nach Dortmund mussten. Für mich war es komisch, weil es ein dennoch unbeschreibliches Gefühl war, so schnell das erste Bundesliga-Tor zu machen.

SPOX: Sie bekamen damals recht gute Kritiken, der absolute Durchbruch erfolgte aber erst Jahre später. Hätten Sie nach dem vielversprechenden Start gedacht, dass es so lange dauert?

Jantschke: Nein, und es war eine sehr schwierige Phase. Du weißt nicht, woran du bist, zumal es nicht wie in der Jugend ist, dass jede Woche einer zu dir kommt und sagt, was richtig und falsch ist. Ich hatte meine Chance im Winter-Trainingslager bekommen, habe sie aber nicht genutzt. Für mich war vieles neu und ich kam nicht so aus mir heraus, wie ich es hätte tun sollen.

SPOX: Wie ging es weiter?

Jantschke: Ich bin runter zur A-Jugend beziehungsweise den Amateuren, durfte aber oben mittrainieren. Dann kam das Bremen-Spiel gegen Mesut Özil, der damals richtig gut in Form war und mich komplett her gespielt hat. Er lief drei Mal alleine aufs Tor zu. Als ich zur 40. Minute vorzeitig rausmusste, stand es noch 0:0, aber nach diesem Spiel war ich dann ganz weit weg von der Bundesliga.

SPOX: Wie hält man sich bei Laune? Zumal dann noch schwere Verletzungen hinzukamen.

Jantschke: Vor allem mit vielen Gesprächen.

SPOX: Mit wem?

Jantschke: Mit Freunden und Leuten aus dem Fußball, die schon Erfahrungen gesammelt haben. Für einen Jugendspieler wie mich, der immer überall mit dabei war, in den U-Nationalmannschaften immer unangefochtener Stammspieler und Kapitän war, war es schwer zu akzeptieren. Aber genau diese Phase hat mich ruhiger gemacht und den Blick auf Fußball anders werden lassen.

SPOX: 2010/11 kam der Wendepunkt: Bei Michael Frontzeck waren Sie wieder im Boot.

Jantschke: Bei Frontzeck war ich lange erst nur der Backup. Es hat sich aber kaum jemand verletzt und es gab nur ein, zwei Gelbsperren. Stellen Sie sich vor: Ich stehe immer im Kader, spiele aber nur sechs Mal. Das ist sehr ärgerlich und schwierig. Dann haben sich einige verletzt, die Chance zu spielen war da, aber dann habe ich einen Mittelfußbruch erlitten. Ärgerlich.

SPOX: Dann kam Lucien Favre.

Jantschke: Er wollte etwas ändern, hat etwas andere Spielertypen bevorzugt. Das war mein Glück. Ich habe hart gearbeitet und hatte da auch das nötige Glück.

SPOX: Favre verlangt von seinen Spielern eine gepflegte Pass- und Spielkultur. Sie verkörpern einen sehr modernen Rechtsverteidiger. Wie definieren Sie sich selbst?

Jantschke: Anfangs war es wichtig, dass wir defensiv gut stehen. Da war es klar, dass wir Außenverteidiger nicht wild nach vorne marschieren. Das ist immer noch so, aber klar ist auch, dass ich mich im Offensivspiel noch enorm verbessern muss. Das wird auch kommen. Wenn aber hinten die Null steht, habe ich als Verteidiger nicht viel falsch gemacht. Dann ist meine primäre Arbeit getan.

SPOX: Sie haben in jungen Jahren auf diversen Positionen in der Defensive gespielt. War es förderlich, dass die Rechtsverteidigerposition irgendwann konstant blieb?

Jantschke: Ich habe von meinen 67 Bundesliga-Spielen 56 rechts hinten gemacht. Die Erfahrung hilft sicher weiter, auch wenn es Wahnsinn ist, weil es nicht meine echte Position ist. Mittlerweile habe ich mich damit angefreundet und bin polyvalent, wie man so schön sagt.

SPOX: Machen Sie im TV hier und da mal ein Scouting anderer Rechtsverteidiger?

Jantschke: Wenn ich Fußball schaue, achte ich natürlich schon darauf, wie die Spieler auf meiner Position ihren Aufgaben nachgehen oder man guckt sich mal Zweikampfbilanzen anderer Außenverteidiger an, aber speziell gucke ich mir keinen Spieler an.

SPOX: Gibt es jemanden, der Ihnen besonders imponiert?

Jantschke: Philipp Lahm und Lukasz Piszczek sind zwei Spieler in Deutschland, die herausragen. Bei Lahm sieht man, wie er sich einschaltet und trotzdem hinten sehr sicher ist und dass, obwohl er nicht der robusteste und größte Spieler ist. Er spielt sehr clever. Piszczek ist eine Maschine! Wie er in einem Spiel hoch und runter marschiert, ist unglaublich.

SPOX: Sie waren und sind fester Bestandteil aller U-Mannschaften des DFB. Ist da der Aufstieg in die Nationalmannschaft irgendwann nicht logisch?

Jantschke: Das weiß ich nicht. Natürlich hat die Nationalmannschaft auf den Außenpositionen einen Engpass, aber ich weiß nicht, ob mein Spiel zur Nationalelf passt.

SPOX: Inwiefern?

Jantschke: Dort spielen die Außenverteidiger recht offensiv. Ich habe in der U 21 gezeigt, dass ich das auf der linken Seite kann. Es gibt ja Leute, die sagen, dass ich das nicht kann. Wenn die mal ab und zu bei der U 21 vorbeischauen würden, würden sie sehen, dass ich es kann.

SPOX: Und damit würde auch Ihr Stil passen, um bei Joachim Löw vorstellig zu werden.

Jantschke: Klar ist, dass man als ambitionierter U-21-Nationalspieler, der etwas erreichen will, ein Thema für oben wird. Vielleicht klappt es, vielleicht nicht. Ich werde nicht daran verkrampfen, ob ich Nationalspieler werde oder nicht.

SPOX: Das Thema Außenverteidiger ist allgegenwärtig. Ständig wird nach Alternativen gesucht: Schreien Sie nicht in sich hinein: "Hier, da bin ich!"

Jantschke: Dieses Thema ist so eine Sache. Ein Außenverteidiger bekommt heutzutage nur noch eine Note 2, wenn er hinten nichts zulässt und vorne ein Tor vorbereitet. Ansonsten findet ein Außenverteidiger keine Erwähnung. Wie viele gibt es schon von dieser Sorte? Dani Alves, Sergio Ramos - und sonst? Das ist eine komplexe Position, in der du nichts kaschieren kannst, sondern sehr viel können musst. Sobald dir eine Eigenschaft fehlt, bist du raus aus der Spitze.

SPOX: Spüren Sie als Nationalmannschaftsanwärter schon eine andere Wahrnehmung? Können Sie noch ruhig einen Kaffee in der Stadt trinken?

Jantschke: Die Wahrnehmung hat sich verändert, aber ich nehme mich selbst nicht anders wahr. Für mich hat sich nichts geändert. Ich bin immer ein froher, lebenslustiger Mensch. Daran ändert auch nichts, ob ich spiele oder nicht. Davon ist meine Lebenslaune nicht abhängig.

SPOX: Bayerns Mario Mandzukic sagt, er sei stinklangweilig im Alltag. Wie sind Sie?

Jantschke: (lacht) Ich bin eigentlich sehr unternehmungslustig, mache viel mit Freunden und scherze gerne. Ich denke nicht, dass ich vor Langweile umkommen werde.

SPOX: Haben Sie eigentlich einen Partner gefunden, um im Mannschaftsbus Doppelkopf zu spielen?

Jantschke: Leider noch nicht. Heutzutage spielt das ja kaum noch einer. Unser Co-Trainer kann es noch, aber zu zweit ist es schwierig, da müssten wir schon zu viert sein. Wenn ich wieder in der Heimat bin, finden sich vielleicht vier Leute.

SPOX: Gibt es noch andere Vorlieben außer Skat und Doppelkopf?

Jantschke: Ja! Football und Basketball gucke und spiele ich sehr gerne und deswegen mag ich eure Seite auch sehr. Es gibt nicht viele Seiten, die so intensiv über US-Sport berichten wie SPOX. Gerade über die NBA und die NFL, wobei Letzteres noch etwas mehr sein könnte, wenn ich das hiermit als Bitte hinterlegen darf.

SPOX: Nehmen wir gerne auf. Wer sind Ihre Teams in der NBA und in der NFL?

Jantschke: In der NBA ist es klar: Dallas mit Dirk Nowitzki und Boston. Die Celtics sind eine richtig sympathische Truppe. Und bei der NFL ist es New England. Tom Brady ist eine Ikone!

Tony Jantschke im Steckbrief

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