"Martinez ist kein Überflieger"

Von Cayetano Ros Palau
Donnerstag, 30.08.2012 | 17:21 Uhr
Javi Martinez unterschrieb einen Fünfjahresvertrag beim FC Bayern
© spox
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In Deutschland beherrscht das Thema Javi Martinez seit Wochen sämtliche Medien. Doch wie denkt eigentlich die spanische Presse über den Rekordtransfer von Javi Martinez? "El Pais"-Sportredakteur Cayetano Ros Palau schildert bei SPOX seine Sicht der Dinge.

Wir dürfen uns auf eine der aufregendsten Geschichten des europäischen Fußballs in der kommenden Saison freuen.

Der Transfer von Javi Martinez zu den Bayern ist gemessen an seinen Rahmenbedingungen auf der einen Seite ein logisches Geschäft. Die Bayern kaufen einen Spieler ein, der jung ist, kraftvoll, physisch stark, mit strategischen Fähigkeiten ausgestattet.

Auf der anderen Seite liegt die Ablösesumme deutlich zu hoch. Martinez ist ein toller Spieler, er hat angedeutet, dass er das Zeug hat zum Anführer. Aber er hat es auf dem höchsten Niveau noch nicht bewiesen, geschweige denn konstant gezeigt.

Martinez hat eine sehr ordentliche Technik, aber er ist kein Überflieger. Er spielt für uns Spanier eher deutsch, sehr nüchtern und sachlich. Für die Position im defensiven Mittelfeld sicher nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Dazu kommt, dass er in der Jugend in der Defensive ausgebildet wurde und deshalb einen sehr genauen Blick hat für seine Aufgaben in der Rückwärtsbewegung.

Im Zusammenspiel mit Schweinsteiger, der früher ja offensiv orientiert war und das auch heute im Grunde noch ist, kann Martinez einen guten Gegenpol bilden.

Aber haben die Bayern jetzt nur den nächsten sehr guten Spieler kaufen wollen? Ich denke nicht. Und genau das bereitet Magenschmerzen: Niemand weiß, ob Martinez die von den Bayern geforderten Qualitäten als Anführer überhaupt aufbringt.

Er besitzt jede Menge Potenzial. Aber davon gab es schon reihenweise Spieler, die es dann letztlich nicht bis in die Weltspitze geschafft haben. Martinez war Kapitän der U 21 und hat bei der letzten EM auch wirklich überzeugt. Auf europäischem Top-Level ist er aber noch ein Anfänger, da fehlt es ihm an Erfahrung.

Deshalb müssen die Bayern Geduld mit ihm aufbringen. Er wird lernen müssen, das kann Monate dauern oder vielleicht sogar Jahre. Ich denke nicht, dass er sofort einschlagen wird. Der Transfer ist eher eine Investition in die Zukunft. Eine sehr teure. Die entscheidende Frage ist deshalb: Kann es sich ein Klub wie Bayern leisten, 40 Millionen auszugeben für einen Spieler, der erst noch reifen muss?

Ich behaupte: nein! Das Geschäft ist sehr riskant, in Spanien hat die Mehrzahl der Experten Zweifel daran, dass Martinez im Ausland schnell Fuß fassen wird. Bei Juan Mata vor einem Jahr oder Santi Cazorla jetzt war allen klar, dass die es packen. Aber Martinez? Da gibt es einige Zweifel.

Die Bayern gehen in eine enorme Vorleistung. Wenn ich dazu vergleiche, dass sich Real Madrid vor zwei Jahren für vergleichsweise günstige 14 Millionen einen Spieler wie Sami Khedira geschnappt hat...

Javi Martinez jedenfalls hat die erste große Chance sofort genutzt. Nach der für ihn sehr unglücklich geendeten vergangenen Saison mit dem verlorenen Europa-League-Finale, dem Reservisten-Dasein bei der EM und dem kläglichen Aus bei Olympia hat er sich vom Werben der Münchener sehr geschmeichelt gefühlt.

Ich habe ihn während der EM zusammen mit seinen Eltern im Quartier der Spanier besucht. Es war damals schon ersichtlich, dass er nicht lange zögern wird, sollten die Bemühungen konkreter werden. Der Wechsel ist die größte Herausforderung überhaupt für ihn. Die Bayern sind in Spanien eine große Nummer, er wird bei seinem Trainer, den Fans und den Medien jede Menge Respekt ernten.

Vermutlich erhofft er sich durch den Transfer auch bessere Chancen in der Seleccion. Er wird sicherlich in Zukunft öfter mal spielen dürfen. Aber an Sergi Busquets kommt er auch mit seinem Bayern-Engagement so schnell nicht vorbei. Der ist der Beste der Welt auf seiner Position und es wird lange Martinez' Schicksal bleiben, dass er Busquets vor der Nase hat.

Ich bin sehr gespannt auf Javi Martinez' Arbeit in München und wie er mit dem Druck klarkommen wird, plötzlich der teuerste Spieler aller Zeiten in Deutschland zu sein.

Javi Martinez im Steckbrief

Cayetano Ros Palau ist seit 17 Jahren Sportredakteur bei der größten spanischen Tageszeitung "El Pais" und verfolgt Javi Martinez seit dessen erstem Spiel in der Primera Division sowie in den Auswahlmannschaften Spaniens.

 

 

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