Arango? Einfach ein Chiller...

Von Interview: Torsten Adams
Freitag, 09.04.2010 | 10:15 Uhr
Marco Reus wechselte im Sommer 2009 von Rot Weiss Ahlen nach Gladbach
© Getty
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Marco Reus ist der Shooting-Star bei Borussia Mönchengladbach. Bei SPOX spricht er über Fußball-Gene, Gladbachs Ruhepol, seine Abneigung gegen Discobesuche und erklärt, warum er mit Frontzeck nicht über die Nationalelf spricht.

SPOX: Sechs Tore, vier Vorlagen, dazu sind Sie auf dem Weg zum Publikumsliebling in Mönchengladbach: Herr Reus, was hätte in Ihrer ersten Bundesliga-Saison noch besser laufen können?

Marco Reus: Ehrlich gesagt gar nichts! Als ich zu Gladbach gewechselt bin, war ich verletzt. Ich hätte mir vielleicht gewünscht, dass ich zur Vorbereitung gesund gewesen wäre. Aber danach ging es stetig bergauf. Ich habe nichts auszusetzen. Genauso hätte ich mir meinen Start hier vorgestellt.

SPOX: Mit Ihrer Dynamik und Ihren technischen Fähigkeiten können Sie eine ganze Mannschaft mitreißen. Was ist Ihnen in die Wiege gelegt worden, was haben Sie sich erarbeitet?

Reus: Mein Papa hat früher Fußball gespielt. Von daher liegen da sicherlich einige Gene in der Familie. Allerdings weiß ich nicht genau, welche seine Stärken waren, weil ich ihn nie hab spielen sehen. Bei mir selbst ist es wohl in erster Linie die Schnelligkeit, die mir in die Wiege gelegt wurde. Den größten Teil meiner fußballerischen Fähigkeit habe ich mir aber auf dem Trainingsplatz selbst hart erarbeitet.

SPOX: Letztes Jahr Ahlen - nun Gladbach. Ist der Unterschied zwischen der 2. und der 1. Liga wirklich so groß, wie alle immer sagen?

Reus: Auf jeden Fall. Wenn man den Ball bekommt, muss man schon vorher wissen, was man damit anfangen will. In der Bundesliga hat man nicht soviel Zeit, wird schneller unter Druck gesetzt. Dazu kommen die höhere Laufintensität und die enorme Dynamik, die den Unterschied zum Unterhaus ausmachen.

SPOX: Ihr ehemaliger Trainer Christian Wück verriet uns jüngst im Interview, Sie hätten in Ahlen "in taktischen Fragen noch Defizite" gehabt. Wissen Sie, was er damit meint?

Reus: (lacht) Vermutlich meinte er die Defensivarbeit. Ich bin noch jung und kann in jedem Bereich noch dazu lernen. In meiner Zeit in Ahlen war ich noch jünger und habe die Ratschläge des Trainers gerne angenommen.

SPOX: Die taktischen Defizite sind also beseitigt?

Reus: Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass ich sie komplett beseitigt hätte. Allerdings habe ich meine Defensivleistung schon merklich gesteigert. Ich arbeite täglich daran und will dem Optimum immer näher kommen.

SPOX: In welchen Bereichen haben Sie den größten Entwicklungssprung gemacht?

Reus: Im mentalen Bereich. Ich gehe gelassener in die Spiele, mache auf dem Platz weniger unnötige Wege. Durch das große Medienaufkommen im Vergleich zu Ahlen lerne ich den täglichen Umgang mit den Medien - und reagiere cooler, wenn mal wieder irgendwo etwas steht, was nicht stimmt.

SPOX: In den Zeitungen stand auch schon, dass Sie einer für die Nationalmannschaft wären. Wie reagieren Sie darauf?

Reus: Das ist schon eine große Ehre. Es ist die Anerkennung für die Leistung, die man gebracht hat und es macht einen stolz, als möglicher kommender Nationalspieler gehandelt zu werden. Aber es ist auch Ansporn und Motivation, um sich weiter zu verbessern und sich den großen Traum zu erfüllen.

SPOX: Sie meinen den Sprung in die Nationalmannschaft...

Reus: Genau. Ich weiß, dass ich die Möglichkeiten dazu habe und dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen.

SPOX: Redet Ihr Trainer Michael Frontzeck mit Ihnen über das Thema Nationalmannschaft?

Reus: Nein, überhaupt nicht. Und das muss er auch nicht. Denn wir legen den Fokus und unsere ganze Konzentration auf Gladbach.

SPOX: Frontzeck und Sportdirektor Max Eberl werden die größten Anteile am aktuell guten Zustand - nach innen und nach außen - der Borussia zugesprochen. Was haben die beiden Ihnen mit auf den Weg gegeben, als Sie von Ahlen an den Niederrhein gewechselt sind?

Reus: Sie haben mir jeglichen Druck genommen und gesagt, dass ich in Ruhe an mir arbeiten soll. Genau das habe ich gemacht und deshalb stehe ich da, wo ich jetzt bin.

SPOX: Gibt es in Gladbach ein "Geheimrezept", wie man junge Talente an die Bundesliga heranführt?

Reus: Unser großes Plus ist die tolle Moral in der Mannschaft. Wir Neuzugänge wurden super aufgenommen. Hier bei der Borussia herrscht eine familiäre Atmosphäre, das erleichtert den jungen Spielern die Integration in das Mannschaftsgefüge.

SPOX: Ihr Beispiel dient den Verantwortlichen der Borussia, um weitere junge Spieler nach Gladbach zu locken. Mit Patrick Herrmann, Fabian Bäcker und Tony Jantschke stehen noch weitere Talente im Kader, die in die Bundesliga drängen. Werden Sie der "Anführer" der neuen Fohlen?

Reus: Ich habe gerade mal 28 Bundesligaspiele auf dem Buckel. Mich als Anführer zu bezeichnen, käme etwas verfrüht. Das soll aber nicht heißen, dass ich keine Verantwortung übernehmen will. Wenn ein Patrick Herrmann sein erstes Bundesligaspiel macht - und dann noch beim Derby in Köln - dann versuche ich natürlich, ihm ein wenig die Nervosität zu nehmen, indem ich im Vorfeld der Partie viel mit ihm rede.

SPOX: Ein paar Jährchen älter als Sie und Patrick Herrmann ist Juan Arango. Mit ihm steht Ihnen ein sehr erfahrener Mann im offensiven Mittelfeld zur Seite. Was konnten und können Sie von ihm lernen?

Reus: Ach, da gibt es so vieles! Der Junge ist einfach unglaublich. Einfach ein Chiller...

SPOX: Chiller? Das müssen Sie erklären...

Reus: So nennen wir ihn in der Mannschaft. Auf dem Platz hat er eine Ruhe, wie ich sie persönlich bei noch keinem anderen Spieler zuvor gesehen habe. Trotzdem trifft er in den entscheidenden Situationen oft die richtige Entscheidung. Dazu natürlich seine überragende Technik. Es ist schon toll, mit ihm zusammen in einem Team zu spielen.

SPOX: Sie wirken sehr zufrieden in Gladbach. In einem Interview sagten Sie jüngst, dass Profifußballer für Sie ein Traumberuf sei und Sie es nicht verstehen, wenn man sich nicht dementsprechend professionell verhält und lieber Partys oder Discos besucht. Gab es abschreckende Beispiele, wo Sie dann gesagt haben, so möchte ich nicht enden?

Reus: Ich kann nur für mich sprechen. Ich mag es nicht, wenn man zwei, drei Tage vor dem Spiel feiern geht. Das mache ich nicht und würde ich auch nie machen. Natürlich sagt niemand etwas, wenn man nach einem Sieg mit den Mannschaftskameraden mal was trinkt. Aber in der Spielvorbereitung hat das Thema Disco oder Feiern nichts zu suchen.

SPOX: Aus dem Gladbacher Präsidium hieß es, dass für die kommende Saison rund sieben Millionen Euro für Verstärkungen zur Verfügung stehen, die gezielt nach dem Motto "Mehr Klasse statt Masse" investiert werden sollen. Ein Weg, den die Mannschaft mit trägt?

Reus: Es ist doch so: Je mehr Erfolg eine Mannschaft hat, desto interessanter wird der Klub für gute Spieler. In den letzten Jahren haftete Gladbach das Etikett an, viele Spieler verpflichtet zu haben, die das Team nicht unbedingt ganz nach vorne gebracht haben. Mittlerweile sieht man aber, dass hier etwas Großes entstehen kann. Und wenn die Möglichkeit besteht, klasse Spieler nach Mönchengladbach zu holen, dann werden wir uns sicherlich nicht dagegen sträuben.

SPOX: Noch ein kurzer Blick nach Dortmund. Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Ahlener Ex-Teamkollegen Kevin Großkreutz, der beim BVB ähnlich überzeugt wie Sie in Gladbach?

Reus: Ab und an, ja. Wir telefonieren gelegentlich und stehen in SMS-Kontakt.

SPOX: Wie sehen Sie seine Entwicklung?

Reus: Ganz ähnlich wie meine. Zu Beginn der Saison hat auch er um seine Einsatzminuten hart kämpfen müssen. Mittlerweile hat auch er schon einige Tore erzielt und gehört zur Stammelf in Dortmund.

SPOX: Und noch eine Gemeinsamkeit haben Sie mit Großkreutz: Beide haben Sie das Fußballspielen in Dortmund angefangen. Ganz ehrlich: Lieber vor 54.000 Fans in Gladbach kicken oder vor 81.000 in Dortmund?

Reus: Ganz klar in Gladbach! Im Borussia-Park ist die Stimmung einmalig. In Dortmund ist sie vielleicht auch nicht schlecht, aber für mich ist die Atmosphäre in Gladbach einfach noch eine Spur intensiver.

Die voraussichtlichen Aufstellungen: Gladbach - Frankfurt

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