Der Sportchef macht sich Sorgen

Hamburgs Angst vor leeren Gläsern

Von Stefan Moser
Samstag, 07.03.2009 | 23:07 Uhr
Hamburgs Mladen Petric erzielte gegen Mönchengladbach den zwischenzeitlichen Ausgleich
© Getty
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Vor dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach war die Frage beim Hamburger SV: Ist das berühmte Glas nun halb voll oder halb leer?

Zwar fehlte es im Saisonverlauf an Konstanz, doch nach dem 21. Spieltag stand die Elf von Trainer Martin Jol immerhin mit zwei Zählern Vorsprung an der Tabellenspitze. Angesichts des jungen Kaders, des Tanz' auf drei Hochzeiten, der zahlreichen Verletzungen und Abgänge von Schlüsselspielern vor und während der Saison: eine bemerkenswerte Leistung. Das Glas war beinahe ganz voll - und ließ Titelträume wachsen.

Wer zwei Wochen später allerdings plötzlich bis auf Platz fünf durchgereicht wird und beim aktuellen Tabellenletzten Borussia Mönchengladbach eine empfindliche 1:4-Klatsche kassiert, will von der Meisterschaft fürs Erste nichts mehr wissen.

Im Gegenteil: Die Hamburger fürchten plötzlich, am Ende sogar mit einem völlig leeren Glas dazustehen: "Wir reden die ganze Zeit vom Titel, aber am Ende kann man mit leeren Händen dastehen", sagte Mladen Petric, der mit seinem zwischenzeitlichen Ausgleich für den einzigen Lichtblick der insgesamt enttäuschenden Hanseaten sorgte.

Beiersdorfer macht sich Sorgen

Die neue Devise des Kroaten: "Wir müssen den Abstand nach hinten vergrößern und erst einmal den UEFA-Cup-Platz absichern." Eher kleinlaut klang auch das Resümee von Sportchef Dietmar Beiersdorfer: "Wenn man die Leistung sieht, muss man sich schon Sorgen machen."

Tatsächlich wirkte seine Mannschaft in Gladbach müde, ungeordnet, uninspiriert und ergab sich in der zweiten Hälfte fast ohne Gegenwehr in ihr Schicksal: Vermutlich der schwächste Auftritt des HSV seit der 0:3-Niederlage am 11. Spieltag in Hannover.

Symptomatisch: das Torverhältnis

Grundsätzlich aber sind die wesentlichen Probleme im Kern keineswegs neu. Symptomatisch ist das Torverhältnis von 35:35. Hamburg ist das einzige Team in der oberen Tabellenhälfte, das keine positive Trefferbilanz aufweist.

35 eigene Tore sind zumindest noch gehobenes Mittelmaß, den Berlinern immerhin reichen nur drei mehr schon zur Tabellenführung. 35 Gegentreffer aber sind für eine Spitzenmannschaft schlicht zu viel: Arminia Bielefeld etwa liegt mit nur 33 auf Platz 15.

Dabei sind es vor allem gravierende individuelle Fehler, die regelmäßig zu Gegentoren führen. Fast prototypisch war das 0:1 am Samstag: Jerome Boateng spielte (nicht zum ersten Mal) reichlich deplatziert auf Abseits und ließ so Marko Marin in seinem Rücken frei laufen. Der nutzte den Platz, bediente Rob Friend am langen Pfosten, und der Kanadier beendete nach sieben erfolglosen Partien am Stück seine Torflaute.

Jol: "Das war schrecklich"

"Das war schrecklich, wir machen einfach noch zu viele Fehler. Das hat man bei den ersten drei Gegentoren gesehen", sagte auch Trainer Jol: "Aber wir müssen einfach akzeptieren, dass unsere Mannschaft noch nicht perfekt ist."

Und das kann sie auch nicht sein: Die indisponierte Viererkette etwa brachte es gerade mal auf einen Altersschnitt von 24,5 Jahren und hatte in dieser Formation noch nie zusammengespielt. Gegen Gladbach fehlten neben den Langzeitverletzten Thimothee Atouba und Bastian Reinhardt auch Guy Demel und Michael Gravgaard.

Halb voll? Halb leer?

Es ehrt die Verantwortlichen, dass sie ihre defensive Perosnalmisere nach der Pleite nicht als Ausrede benutzten.

Stattdessen sagte Beiersdorfer: "So darf man sich einfach nicht auseinandernehmen lassen. Wir müssen uns überprüfen."

Überprüfen müssen die Hamburger vor allem die eigenen Ansprüche und Möglichkeiten: Eine Mannschaft mit viel Potential und bester Perspektive oder bereits jetzt ein echter Titelkandidat?

Denn davon hängt es wohl im Wesentlichen ab, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist.

Gladbach: So spielt kein Absteiger

Denkbar eindeutig ist dagegen das Ziel von Mönchengladbach: Es geht ums nackte Überleben - oder prosaischer formuliert: den Klassenerhalt. Und nach der wohl stärksten Heimleistung der gesamten Saison gibt es wieder echte Hoffnung.

Nicht nur, dass die Fohlen zum ersten Mal seit dem 15. Spieltag nicht mehr Letzter sind, vor allem die spielerische Leistung macht Mut. Angeführt vom überragenden Marko Marin zog sich Gladbach auch nach der 2:1-Führung durch Levels (42.) nicht ängstlich in die eigene Hälfte zurück, sondern legte konsequent den dritten und vierten Treffer nach.

"Die anderen Mannschaften sind wieder in unserer Nähe. Wir können berechtigte Hoffnung haben, da unten weg zu kommen", sagte entsprechend Trainer Hans Meyer. Und in der Tat: So spielt eigentlich kein Absteiger.

Daten & Fakten: Borussia Mönchengladbach - Hamburger SV

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