Keine Lust auf Rotation?

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 29.01.2009 | 21:42 Uhr
Überschaubare Einheit: Hoffenheim hat den kleinsten Kader aller 18 Bundesligisten
© Getty
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Mit der Verpflichtung von Boubacar Sanogo will 1899 Hoffenheim den Ausfall von Torjäger Vedad Ibisevic kompensieren. Am dünnen Kader ändert aber auch der Sanogo-Transfer nichts. Trainer Ralf Rangnick hat den kleinsten Kader der Liga - und das könnte noch zum Problem werden.

In seiner langen und größtenteils majestätischen Karriere wurden Ottmar Hitzfeld einige Markenzeichen übergestülpt. In Dortmund war er der General, bei den Engagements in München erwarb er sich den transzendenten Kosenamen Gottmar.

Vor allem ging Hitzfeld aber in die Geschichte des Spiels als derjenige ein, der die Worthülse Rotation im deutschen Fußball mit Leben füllte. Zur Jahrtausendwende überraschte Hitzfeld mit einem in Deutschland völlig fremden Phänomen - und heimste mit seiner kompromisslosen Art Titel um Titel ein.

Kaum Rotation in Hoffenheim

Spitzenklubs aus Italien, Spanien oder England schlängeln sich seit Jahrzehnten im Rotationsprinzip durch die Spielzeit. Beim Spitzenreiter der deutschen Bundesliga aber sucht man nach etwas Ähnlichem vergeblich.

In der Hoffenheimer Provinz hat die Rotation noch nicht Einzug gehalten. Trainer Ralf Rangnick beschränkte sich in der Vorrunde auf Änderungen im Bereich von Nuancen, die in allen Fällen einzig und allein der Form seiner Spieler oder aber dem Spielsystem geschuldet waren.

Hoffenheim begann in Abwesenheit des bei Olympia weilenden Chinedu Obasi im 4-4-2 und änderte das System auf 4-3-3, als der Nigerianer wieder zurück war. Im Tor wechselte Rangnick von Ramazan Özcan auf Daniel Haas, zum Start der Rückrunde wird Timo Hildebrand die Nummer eins sein.

Ansonsten gab es kaum Veränderungen mit großer Halbwertszeit im Team, lediglich im Mittelfeld gibt es zwischen Isaac Vorsah, Tobias Weis und Sejad Salihovic einen Dreikampf um zwei Plätze.

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Struktur bleibt erhalten

Mit der schweren Verletzung von Torjäger Vedad Ibisevic kam plötzlich Bewegung in die Hoffenheimer Gedankenspiele. Der Verein reagierte auf den ersten Blick nur halbherzig.

Kai Herdling wurde vom SV Waldhof Mannheim aus der Regionalliga Süd zurückgeholt und Boubacar Sanogo von Werder Bremen ausgeliehen.

Auf den zweiten Blick aber bewirken die Transfers vor allem eines: Die Struktur im Team bleibt bestehen, Sanogos Verpflichtung habe den "großen Vorteil, dass dadurch alle anderen Spieler wieder auf ihre Idealposition rücken", so Rangnick, der schon über eine Rückbesinnung zum 4-4-2 nachdachte.

Die Sorgen um den Ibisevic-Ersatz sind zwar weg - das Grundproblem der dünnen Spielerdecke aber immer noch da. Und mit ein wenig Pech bald auch sehr akut?

Angriff offenbart Probleme

Tatsache ist, dass Hoffenheim in der Hinserie keine langfristigen Ausfälle zu verzeichnen hatte und ohne Doppel- oder sogar Dreifachbelastung (keine Uefa-Cup-Teilnahme, frühes Aus im DFB-Pokal) mehr oder weniger mit einer eingespielten Startelf auftreten konnte.

Für die Viererkette gibt es sechs Kandidaten (Beck, Compper, Ibertsberger, Jaissle, Janker, Nilsson), im Mittelfeld kämpft ebenfalls nur ein halbes Dutzend um einen Platz im Team (Eduardo, Gustavo, Salihovic, Teber, Vorsah, Weis). Hinzu kommt hier noch der 18-jährige Jonas Strifler, der aber noch nicht so weit ist.

Der Angriff offenbart die unterschwellig lauernden Probleme am ehesten. Ibisevic fällt die komplette Rückrunde aus, Obasi fehlt noch zwei oder drei Wochen. Sanogo übernimmt eins zu eins den Part von Ibisevic.

Wellington? Herdling? Terrazino?

"Boubacar spricht nicht nur Deutsch, er kennt noch dazu die Bundesliga bestens. Sanogo ist der Typus Spieler, der die Lücke nach dem Ausfall von Ibisevic optimal schließen kann", freut sich Mana­ger Jan Schindelmeiser über den Transfer. Bleibt aber die Frage: Wer ersetzt Obasi?

Eduardo ist nach seiner Rangelei mit Hamburgs Ivica Olic gesperrt, bleiben noch Wellington, Herdling oder der erst 17-jährige Marco Terrazino. Terrazino ist noch ohne Bundesligaminute und Herdling hat in fünf Regionalligajahren in Hoffenheim in 53 Spielen schlappe sechs Tore erzielt.

Und Wellington? "Eine Chance hat er nach wie vor. Aber Chancen haben auch damit zu tun, dass man sich im Training über einen langen Zeitraum hinweg anbietet", sagt Rangnick. Mit anderen Worten: Der Brasilianer, mit fünf Millionen Euro Ablöse nicht unbedingt ein Schnäppchen, ist immer noch nicht dran an der Mannschaft.

Rangnick: "Ich kann nicht garantieren, dass Wellington schon eine echte Option für die Startelf ist. Da muss ein Schritt nach vorne kommen. Jetzt liegt es an ihm zu zeigen, dass eine Entwicklung stattfindet."

Extrem dünne Spielerdecke

Rechnet man die Feldspieler zusammen, die für einen Einsatz in der Bundesliga in Frage kommen, kommt man mit Wohlwollen auf 15 Spieler. Plus zwei Teenager und einen 24-Jährigen, der selbst in der damals drittklassigen Regionalliga nicht als Knipser von sich reden machte.

In der Winterpause verließen mit Jochen Seitz, Zsolt Löw und Francisco Copado gestandene Bundesligaspieler den Verein. Ersatz wurde bisher nicht verpflichtet. Die Alternativen bleiben rar und eine echte Rotation ist völlig unmöglich.

Zum Vergleich: Die Konkurrenz aus Bayern (20), Leverkusen (19) oder Hamburg (19) hat deutlich mehr Spieler, die über einen längeren Zeitraum auch das Potenzial haben, den Sprung in die Startformation zu schaffen oder zumindest über kürzere Zeit personelle Engpässe aufzufangen.

Hoffenheim - Wolfsburg 24:35

Noch drastischer veranschaulicht die Kaderstärke Hoffenheims Minimalkurs: Mit lediglich 24 Spielern arbeitet Rangnick derzeit im Profikader - inklusive des Langzeitverletzten Vedad Ibisevic. De facto sind es momentan also nur 23 Profis.

Das ist mit Abstand Liga-Tiefstwert und liegt weit unter dem Durchschnitt von knapp 28 Spielern pro Kader. Krösus ist hier der VfL Wolfsburg mit satten 35 Spielern. Das ist erstaunlich. Für Hoffenheims Trainingsgebilde mit insgesamt vier Spezialtrainern, kleinen Trainingsgruppen und individueller Ausbildung aber vielleicht auch der einzig praktikable Weg.

Herbstmeister muss aktiv werden

Bis Samstagnacht um 24 Uhr hat das Transferfenster der Bundesliga noch geöffnet. Der Herbstmeister wird bis dahin noch auf dem Markt aktiv werden müssen. Das weiß auch und gerade Rangnick, der das Credo "Erfolg ist planbar" wie kein anderer lebt.

"Dass wir nach Löws Abgang noch einen linken Verteidiger suchen, ist logisch. Und auch vorne sind wir zahlenmäßig noch nicht optimal aufgestellt. Ich schließe nicht aus, dass wir im Sturm noch was tun und bin guter Dinge, auf diesen beiden Positionen der Mannschaft noch einmal frisches Blut und Qualität zuzuführen."

Die aktuelle Tabelle der Bundesliga

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