RB-Leipzig-Trainer Oral im Interview

Tomas Oral: "Retorte? Ich habe keine Skrupel!"

Von Interview: Haruka Gruber
Freitag, 02.07.2010 | 23:11 Uhr
Dietmar Beiersdorfer und Tomas Oral bei der Präsentation des Trainers
© Imago
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Mit aller Macht und 100 Millionen Euro von Red Bull plant RB Leipzig den Durchmarsch in die Bundesliga. Der erste Schritt wurde mit dem Aufstieg aus der fünftklassigen Oberliga Nordost in die viertklassige Regionalliga Nord geschafft - dennoch wurden Trainer Tino Vogel und Sportdirektor Joachim Krug von ihren Aufgaben entbunden. Dietmar Beiersdorfer, Red Bulls Head of Global Soccer, vertraut auf das 37-jährige Trainer-Talent Tomas Oral, der vergangenes Jahr beim Zweitligisten FSV Frankfurt zurücktrat. Der neue Chefcoach über Retortenklubs, Gewissensbisse und Top-Stars in der 4. Liga.
 
 

SPOX­: Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz fordert, dass RB Leipzig in fünf bis sieben Jahren in der Bundesliga spielen und sich zukünftig zum internationalen Aushängeschild von Red Bull entwickeln soll. Salzburg hingegen wandelt sich zu einem Ausbildungsverein. Wie sehr spüren Sie den Erfolgsdruck?

Tomas Oral: Der Druck ist allgegenwärtig - aber ich habe keinerlei Probleme damit. Im Gegenteil: Ich empfinde es als positiven Stress, weil ich weiß, welche Möglichkeiten in Leipzig gegeben sind. Bei FSV Frankfurt hingegen war der Druck um einiges höher.

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SPOX: Wirklich? Beim FSV stand doch nicht die bekannteste Firma Österreichs dahinter, die angeblich 100 Millionen Euro investieren will, damit Leipzig in die Bundesliga durchmarschiert.

Oral: In Leipzig geht es aber nicht wie in Frankfurt um die Existenz. Nur ein Beispiel: 2006 ist der FSV in der Relegation um den Aufstieg in die 3. Liga an Hessen Kassel gescheitert. Kann passieren, sagen viele. In Frankfurt jedoch machten sich bereits Auflösungserscheinungen breit, weil alles auf die 3. Liga ausgerichtet war. Plötzlich waren etliche Arbeitsplätze in Gefahr. In dieser chaotischen Zeit war ich Spieler der ersten Mannschaft und Trainer der zweiten und wurde gefragt, ob ich nicht als Spieler aufhören und als Chefcoach die erste Mannschaft übernehmen will. Ich habe also meine aktive Karriere beendet, bin ins kalte Wasser gesprungen - und hätte vielleicht alles verloren, wenn wir mit dem FSV gegen die Wand gefahren wären. Das ist Druck.

SPOX: Aber auch in Leipzig wird es ungemütlich, wenn Sie RB nicht in die 3. Liga führen.

Oral: Über das Worst-Case-Szenario spreche ich kategorisch nicht.

SPOX: In der 5. Liga ging das Konzept auf, mit aussortierten ehemaligen Bundesliga-Spielern über 30 Jahren in die 4. Liga aufzusteigen. Die prominentesten Neuzugänge in diesem Sommer, Tim Sebastian, Alexander Laas und Tom Geißler, sind allesamt 26 Jahre alt, außerdem gelang die Verpflichtung von U-20-Nationalstürmer Carsten Kammlott. Zufall?

Oral: Wir mussten den Kader anpassen, um den höheren Anforderungen zu entsprechen und um sicherzugehen, dass die Mannschaft einen Fußball spielen kann, der die Leute begeistert. Vergangenes Jahr wurde die Spielweise von den Erfahrenen geprägt, jetzt brauchen wir aber eine gesunde Mischung auch mit jungen Spielern, damit wir auch in der 4. Liga dominant auftreten.

SPOX: Wie haben Sie Kammlott dazu bewegt, der freiwillig vom Drittligisten Erfurt zum Viertligisten Leipzig wechselt, obwohl er von mehreren Bundesligisten umworben war?

Oral: Es war unser Wunsch, einen Spieler aus der Region zu verpflichten - und er hat unsere Vision verstanden und die Perspektive erkannt, die ihm in Leipzig geboten wird.

SPOX: Reicht ein U-20-Nationalstürmer und eine attraktivere Spielweise, um nach dem Umzug aus Markranstädt die Red-Bull-Arena mit 44.500 Sitzen zu füllen, wenn letzte Saison zu einigen Heimspielen nicht einmal 1.000 Zuschauer kamen? Bräuchte RB Leipzig nicht einen Star?

Oral: Es fehlen ganze Fan-Generationen, aber: Wenn wir Woche für Woche mit gutem Fußball überzeugen, werden die Zuschauer kommen. Ein Star hingegen, der am Anfang vielleicht für einen Wow-Effekt sorgt, aber insgesamt nicht zu Leipzig und der 4. Liga passt, könnte kontraproduktiv für unser Projekt sein.

SPOX: Sie sprechen häufig von "Unser Projekt" oder "Unsere Vision". Aber hatten Sie keine Skrupel, dass Sie als Kind eines Traditionsvereins wie dem FSV zu einem Retortenklub gehen?

Oral: Überhaupt keine Skrupel! Tradition ist etwas Schönes - aber sie darf im Fußball nicht zum Totschlag-Argument verkommen. Es gibt so viele Traditionsvereine, die sich nicht mehr erholen, weil sie von der Tradition erdrückt werden. Ungeduldige Fans, die noch immer von der goldenen Vergangenheit träumen. Eingefahrene Strukturen. Selbstdarsteller, die ins Rampenlicht wollen. Dann ist mir ein Projekt wie RB Leipzig lieber, bei der in einer Stadt, die nach Fußball lechzt, etwas mit Substanz geschaffen wird.

SPOX: Sie selbst gehören zu den größten Trainer-Talenten Deutschlands, neben Ihnen galt jedoch auch Felix Magath als möglicher Nachfolger für den geschassten Tino Vogel. Warum hat sich Leipzig nicht wie Hoffenheim mit Ralf Rangnick für eine spektakuläre Trainer-Verpflichtung entschieden?

Oral: Dazu müssten Sie meinen Vorgesetzten Dietmar Beiersdorfer fragen, den genauen Evaluierungsprozess kenne ich nicht. Aber sagen wir es so: Auch wegen meinen sechs Aufstiegen in Folge mit der zweiten und ersten Mannschaft vom FSV Frankfurt habe ich bewiesen, dass ich mich in den unteren Ligen auskenne und genau in das Anforderungsprofil passe.

Die pure Dominanz: RB Leipzig in der Oberliga

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