Fussball

Ungarn, Brasilien und das Wunder von Bern

Von SPOX/Andreas Renner
Szene aus dem Kinofilm zur WM 1954 von Sönke Wortmann: "Das Wunder von Bern" (2003)
© Imago

Nie wurde in Deutschland soviel über Fußball-Taktik diskutiert wie heute. Doch woher kommen 4-4-2 und 4-2-3-1 und ballorientierte Raumdeckung? Gemeinsam mit Sky-Kommentator und SPOX-Blogger Andreas Renner haben wir versucht, der Sache auf den Grund zu gehen. Herausgekommen ist die SPOX-Themenwoche: Die Geschichte der Fußball-Taktik in acht Teilen.

Nandor Hidegkuti war bereits 30 Jahre alt. Ein Alter, in dem die meisten Fußballerkarrieren sich unaufhaltsam dem Ende nähern. Doch Hidegkutis beste Jahre standen noch bevor. Denn er wurde zum Schlüsselspieler von Ungarns "goldener Mannschaft" der 50er Jahre.

Bis 1952 hatte Hidgekuti meist auf dem rechten Flügel gespielt, sowohl unter Trainer Marton Bukovi bei MTK Budapest als auch im Nationalteam bei Gusztav Sebes, und auch schon große Erfolge gefeiert wie den Olympiasieg 1952.

Seine Bestimmung fand Hidegkuti als zurückgezogener Mittelstürmer im Angriff der Magyaren. Ein Spiel definierte Higekuti als Schlüsselspieler der Ungarn und machte seine Mannschaft zur besten der Welt. Es war der 25. November 1953, als Ungarn in Wembley mit 6:3 triumphierte. Es war, nach fast 80 Jahren, die erste Heimniederlage der Engländer gegen ein nicht-britisches Team. Und es war der Schlusspunkt einer Entwicklung, die lange vorher begonnen hatte.

Jahrzehntelang hatten die Engländer konsequent an ihrer Spielweise festgehalten. Als Erfinder des Fußballs waren sie selbstverständlich davon ausgegangen, dass ihre Führungsrolle nicht in Frage gestellt würde. Auf Ewigkeit.

Österreich als Wegbereiter

Doch auf dem europäischen Kontinent und in Südamerika gab es durchaus andere Spielideen. Schon in den 20er Jahren hatte es in Österreich ein starkes Team unter Trainer Hugo Meisl gegeben. Der schmächtige Mittelstürmer Mathias Sindelar wurde so etwas wie der erste Künstler der Fußballgeschichte, eine Art Netzer der Fußball-Frühgeschichte.

Und die Österreicher feierten auch große Erfolge. Zum Beispiel ein 5:0 gegen Schottland im Jahr 1931. Kurz darauf folgte, hoppla, ein 6:0 gegen Deutschland in Berlin. Titel gibt es für die Österreicher aber keine, mehr als Platz vier bei der WM 1934 war für sie nicht drin.

Das System Meisls war ein gewöhnliches 2-3-5, das WM-System von Herbert Chapman war ihm zu defensiv orientiert. Der entscheidende Unterschied zum englischen Fußball war aber nicht das System, sondern der Stil: Meisl praktizierte die Abkehr vom britischen Kraftfußball und ein Hinwenden zu technisch geprägten Pass-Stafetten.

Die Österreicher hielten den Ball in den eigenen Reihen und kreierten so den bis heute gängigen Gegensatz zwischen dem physisch geprägten Fußball der Nordeuropäer und dem technischeren Spiel des Donau-Fußballs, der nicht nur in Wien und Budapest, sondern auch in Prag gepflegt wurde. Aus dieser Tradition kamen also die Ungarn in den 50ern.

WM? Unter Englands Würde

Davon hatte man jedoch auf der Insel wenig mitbekommen. Schließlich lebte das Fußball-Mutterland fröhlich in selbst gewählter Isolation. 1928 war die englische FA aus der FIFA ausgetreten. Und so fanden die ersten drei Weltmeisterschaften ohne englische Beteiligung statt. Weil man die Teilnahme an einem solchen Wettbewerb unter der britischen Würde fand.

Bei ihrer ersten WM-Teilnahme 1950 setzte es für die Engländer dann aber eine peinliche 0:1-Niederlage gegen das Fußball-Entwicklungsland USA. Ein deutlicher Hinweis, dass der Rest der Welt die Insel eingeholt oder gar überflügelt hatte. Der ungarische Sieg in Wembley war der logische Endpunkt dieser Entwicklung.

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