Wo Fußball noch nach Bratwurst riecht

Von Dirk Burkhardt
Montag, 21.04.2008 | 15:00 Uhr
© sebastian flügel
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Köln - Freitagabend, Flutlichtzeit. Betritt man das Stadion Süd in Köln-Zollstock, kommen unwillkürlich Erinnerungen an die Zeit vor Event-Arenen, Merchandising und Hyper- Kommerzialisierung hoch.

Ein von einer Tartanbahn umsäumter Rasenplatz, Sitzbänke aus orangefarbenem Plastik auf der Haupttribüne im weiten, zumeist unüberdachten und seit der Eröffnung 1979 nicht renovierten Betonrund.

Unter dem Wellblechdach hält sich beständig der Geruch von frischer Bratwurst und an der Bierbude wird noch mit richtigem Geld und nicht mit einer Plastikkarte bezahlt.

Das ist das Südstadion. Das ist Fortuna Köln. Hier hat der Traditionsverein, der nur acht Tage jünger ist als der große Nachbar 1. FC Köln, über Jahrzehnte Geschichten zwischen Triumph und Scheitern erlebt. Die meisten von ihnen sind mit dem Namen Jean Löring verbunden - oder wie der Kölner sagt: "dä Schäng".

Ära eines Mannes

Der Unternehmer leitete den Verein als Präsident, Trainer, Manager, Vaterfigur und Mäzen zwischen 1967 und 2001.

In dieser Zeit stieg Fortuna 1973 für eine Saison in die Bundesliga auf, spielte danach 26 Jahre in der Zweiten Liga und erreichte als Außenseiter das DFB-Pokalfinale 1983, das mit 0:1 gegen den Nachbarn 1. FC Köln verloren ging.

Bis an die Grenzen der eigenen körperlichen und finanziellen Möglichkeiten lebte Löring für "min Vereinsche".

In einem Heimspiel gegen Mainz konnte Trainer Martin Luppen seinen davon stürmenden Präsidenten nach einem harten Foul der Gäste noch knapp vor der Mittellinie von einem handgreiflichen Einschreiten abhalten.

Fußball im Mittelpunkt

Ein anderes Mal überbrückte Löring höchstpersönlich für eine halbe Stunde ein Leck in der Stromleitung, damit das Flutlicht weiter funktionierte. Mit Torwart Jacek Jarecki spielte er das Gehalt im Fußball-Tennis aus. Legendär ist auch die Entlassung von Trainer Toni Schumacher in der Halbzeitpause mit den Worten: "Du häss hi nix mi zo sage, du Wichser."

Unternehmer Löring sah sich als Anwalt des kleinen Fußballmannes, der nach den Spielen mit den Fans auf ein Kölsch Skat spielte und versuchte, seinen Verein gegen das Fußball-Establishment zu behaupten.

"Eins war immer so: Im Mittelpunkt stand einzig und allein der Fußball", erinnert sich Hannes Linßen, der fast sein gesamtes fußballerisches Berufsleben zwischen 1974 und 1999 als Spieler und Trainer im Stadtteil Zollstock erlebte.

Nicht Gladbach sondern Düren

Als Löring gesundheitlich und finanziell angeschlagen war, ging es auch mit der Fortuna bergab. Ende der 90er und Anfang des neuen Jahrtausends entging der Verein drei Mal knapp einer Insolvenz. Nach dem Zweitliga-Abstieg 2000 und Lörings Rücktritt 2001 stürzte der Klub bis in die fünfte Liga ab. Was in dieser Zeit blieb, war der Fußball und die Familie Fortuna.

Auch jetzt, da die Gegner nicht mehr Borussia Mönchengladbach oder Hertha BSC Berlin sondern GFC Düren oder, wie am Freitagabend, Westwacht Aachen heißen, sind über 1000 Zuschauer da.

Mittlerweile ist die Verbandsliga Mittelrhein die sportliche Heimat der Fortuna. "Für uns Fans macht das aber keinen Unterschied", sagt Claus Wessel, der seit der Bundesliga-Relegation 1973 Anhänger ist, "Fortuna ist Fortuna. Und seit Klaus Ulonska Präsident ist, geht es auch wieder vorwärts."

Sparbüchse und Leuchtraketen

Während die Fans das 1:0 gegen Westwacht nach 50 Sekunden feiern und an den Blechwerbebanden rappeln, bahnt sich der Präsident mit einer Sparbüchse in Fußballform seinen Weg durch die Reihen: "Schönen guten Abend. Unterstützen sie die Fortuna."

Wie bei jedem Heimspiel seit seinem Amtsantritt 2006 hat sich Ulonska auch heute wieder vorgenommen, jeden Zuschauer persönlich zu begrüßen. "Ich rufe auch jedes der über 1000 Vereinsmitglieder persönlich zum Geburtstag an", sagt er.

Fast bis zum Abpfiff braucht Ulonska, um seine Runde zu beenden. 4:1 gewinnt die Fortuna und hat sechs Spieltage vor Schluss noch die Chance auf den Aufstieg in die neue NRW-Liga.

"Diese Fortuna hat es verdient, dass sich die Menschen um sie kümmern", sagt Ulonksa mit einer Inbrunst, wie sie auch der 2005 verstorbene Löring vertreten hätte.

Währenddessen feiern hinter ihm noch hunderte Fans den Sieg gegen Westwacht mit LaOla, Ufta und Leuchtraketen. Als das Flutlicht im Südstadion wenig später ausgeht, bleibt der Eindruck: Das ist Fußball, das ist Fortuna Köln.

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