Ritt auf der Kanonenkugel

Von Alexander Mey
Donnerstag, 10.06.2010 | 13:22 Uhr
Ferrari-Duell in der Boxeneinfahrt von Shanghai: Alonso (l.) quetscht sich an Massa vorbei
© xpb
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Red Bull, McLaren, Ferrari, Mercedes: vier Top-Teams, vier brisante Fahrerpaarungen. So gleichwertig wie 2010 waren die Cockpits der großen Teams noch nie besetzt. Das macht viel Spaß, birgt aber auch eine Menge Zündstoff. SPOX nimmt die vier Duos unter die Lupe.

Red Bull: Sebastian Vettel vs. Mark Webber

Ein bisschen kurios war es schon, dass es ausgerechnet bei der Paarung mit dem nach außen am wenigsten sichtbaren Zündstoff zuerst gekracht hat. Die Geschichte in Kurzform. Vettel und Webber kämpfen in der Türkei um die Führung, es kracht, beide sind mitschuldig, keiner will aber schuld sein. Das Team reagiert unglücklich und greift Webber an. Auf einer späteren Krisensitzung werden angeblich alle Differenzen ausgeräumt.

Die oberflächlichen vielleicht, aber bestimmt nicht alle. Denn in der Paarung Vettel/Webber liegt noch weiterer Zündstoff. "Dieser Crash hat sich schon länger abgezeichnet. Das war nur eine Frage der Zeit", erklärte Ex-Red-Bull-Fahrer David Coulthard vielsagend. Bereits in der vergangenen Saison hatte Red-Bull-Berater Helmut Marko bekannt: "Wir haben keine Harmonie, das ist eher eine gesunde Konkurrenz."

Red Bulls Dilemma: Vettel ist eigentlich der Mann, auf den die Marke in der Außendarstellung setzt. Er ist jung, eloquent, ein Strahlemann - und er ist schnell. Genau so einen Weltmeister wünscht sich Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Dass Webber mit 33 Jahren plötzlich in der Form seines Lebens ist und die WM anführt, war nicht geplant. Einen so starken Mann kann man natürlich nicht vor die Tür setzen, vor allem nicht, wenn man Red Bull heißt und alles für ein positives Image tut. Daher war die Vertragsverlängerung letztlich nicht allzu überraschend.

So bleibt das Red-Bull-Problem mit den beiden Alphatieren auch in der Saison 2011 bestehen. "Mark Webber respektiert man, Vettel wird geliebt", beschreibt Formel-1-Boss Bernie Ecclestone in der "Sport-Bild" die Konstellation. Selbst Teamchef Christian Horner sagt über Vettel: "Das Team verehrt ihn." Man kann sich ausmalen, dass es in der Türkei nicht zum letzten Mal kribbelig zwischen Sonnyboy und Veteran im zweiten Frühling geworden ist.

McLaren: Jenson Button vs. Lewis Hamilton

Erst haben sich die beiden in der Türkei noch über das Missgeschick des Red-Bull-Duos kaputt gelacht, dann hätten sie sich wenige Runden später ebenfalls fast gegenseitig aus dem Rennen gekegelt. Auch hier gab es im Nachhinein noch Ärger. Angeblich griff Button Hamilton an, obwohl dem versichert worden war, dass er bedenkenlos Benzin sparen kann. Hamilton ließ sich aber nur kurz überrumpeln und presste sich gleich wieder an Button vorbei. Inklusive leichter Berührung, die auch schnell im Crash hätte enden können.

"Es wird noch weitere Tage geben, an denen wir uns um den Platz auf der Strecke duellieren werden. Das ist unvermeidlich", drohte Hamilton geradezu seinem Team, das schon in der Türkei nach dem Zweikampf hektisch zum Benzin sparen und Reifen schonen aufrief, nur um einen weiteren Angriff Buttons zu verhindern.

"Der Teamkollege ist der wichtigste Konkurrent. Den musst du schlagen", gab Button nach dem Rennen als Parole aus. Wie hart das im Fall von Hamilton ist, hat 2007 schon Fernando Alonso leidvoll erfahren müssen. Diesmal ist es aber angeblich anders. "Bei mir und Jenson würde so ein Crash wie der von Red Bull nie passieren", sagte Hamilton "PA Sport". "Wir sind beide Weltmeister und entsprechend professionell. Wir haben großen Respekt voreinander."

Das haben sie in Istanbul gezeigt, auch wenn es dort schon verdammt eng war. Angenommen, beide sammeln weiterhin so fleißig Punkte und haben beide eine Chance auf den WM-Titel, dann müssen sie erst einmal beweisen, ob der Respekt voreinander wirklich so riesig ist. Hamilton und Button wären bei weitem nicht das erste McLaren-Duo, das sich erbittert duelliert. Das hat fast schon Tradition. Fragen Sie mal Alain Prost nach seinen Duellen mit Ayrton Senna.

Ferrari: Fernando Alonso vs. Felipe Massa

Der nette Herr Massa musste in dieser Saison schon erfahren, was für einen ausgeprägten Machtinstinkt sein neuer Teamkollege Alonso hat. In China quetschte sich der Spanier in der Boxeneinfahrt an Massa vorbei, um beim Boxenstopp nicht warten zu müssen. So stand eben der Brasilianer an und schaute dumm.

Das Ganze ging so weit, dass immer mehr Stimmen laut wurden, die die Ablösung Massas durch vermeintlich bessere Fahrer wie Robert Kubica ins Gespräch gebracht haben. Damit ist jetzt Schluss. Ferrari hat ein Zeichen gesetzt und den Vertrag mit Massa um zwei weitere Jahre verlängert.

Interessant war dabei, wie demonstrativ sich das Team hinter seinen Fahrer gestellt hat. "Felipe ist als Fahrer und als Mann gewachsen, als er sowohl durch sehr schwierige als auch sehr freudige Zeiten mit uns gegangen ist", sagte Teamchef Stefano Domenicali und betonte: "Wir wollten mit Blick auf die Zukunft Stabilität beweisen, indem wir an eine Fahrerpaarung glauben, die im Bezug auf Talent, Speed und gute Zusammenarbeit ihresgleichen sucht."

Im Moment mag das mit der Zusammenarbeit stimmen, denn Massa ist erstens ein pflegeleichter Typ, mit dem man einfach gut auskommt, und zweitens hat Alonso den Brasilianer auf der Strecke bisher meistens im Griff gehabt.

Sollte sich das aber ändern, indem Alonso zum Beispiel weiterhin so viele Fehler macht wie in den vergangenen Rennen, dann droht der Spanier härtere Bandagen auszupacken. Das hat er bei Renault mit Jarno Trulli getan und später bei McLaren mit Hamilton. Allerdings mit sehr unterschiedlichem Erfolg.

Ergibt sich bei den Roten auf natürliche Weise die Hierarchie, dass Alonso einen Tick schneller ist als Massa, dann ist alles in Ordnung. Kippt das Duell aber, dann stehen auch der Scuderia noch unruhige Zeiten ins Haus.

Mercedes: Michael Schumacher vs. Nico Rosberg

Nach außen demonstrieren die beiden Deutschen große Harmonie. Aber Schumacher ist und bleibt ein Machtmensch und hat daher schon vor der Saison mit der Wahl der ungeraden Startnummer und dem Platztausch in der Box seinen Claim abgesteckt.

Seit es bei Schumacher dank des Autos mit längerem Radstand nun auch sportlich immer besser läuft, spitzt sich das Duell ein wenig zu. Schumacher ist seit Barcelona nicht mehr nur mit sich selbst beschäftigt, er befasst sich jetzt immer mehr damit, wie er seinen Teamkollegen schlagen kann.

Da dauert es angesichts der Schumania in den deutschen Medien nicht lange, bis erste Verschwörungstheorien gesponnen werden. So zitierte die "Bild" in dieser Woche einen angeblichen Mercedes-Insider mit den Worten: "Da läuft etwas gegen Nico Rosberg." Stichhaltige Belege gibt es dafür freilich keine, aber die These steht erst einmal im Raum und setzt in gewisser Weise Rosberg unter Druck.

Daran ändern auch die Dementis des Teams nicht immer etwas. "Bei Mercedes werden die Fahrer stets gleich behandelt und bekommen gleiche technische Voraussetzungen", betont Sportchef Norbert Haug beinahe gebetsmühlenartig.

Haug ist ein Meister darin, Spannungen zwischen Fahrern zu erkennen und auszuräumen. Aber Schumacher ist ein ebenso großer Experte darin, seinen Willen mehr oder weniger subtil durchzusetzen. Bleibt die Frage, wie sich Rosberg in so einem Fall verhält.

Denn auch bei Schumacher und Rosberg ist alles halb so wild, solange sie um die Plätze fünf und sechs kämpfen. Aber was ist, wenn es irgendwann einmal um Siege oder sogar den WM-Titel geht?

Haug: "Für einen Teamchef ein Albtraum"

Vier Fahrerpaarungen, viermal potenzieller Zündstoff. Bei Red Bull hat es schon den ersten Ausbruch gegeben, bei McLaren hat nicht viel gefehlt.

Es prickelt an der Spitze der Formel 1. Das freut den Fan natürlich, denn er sieht packende Rennen. "Für einen Teamchef ist das aber ein Albtraum", weiß Haug.

Stand in der Fahrer- und Konstrukteurs-WM

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