Formel 1

Glock: "Virgin ist keine Notlösung"

Von Interview: Alexander Mey
Timo Glock (r.) ist vom Charisma des Virgin-Chefs Richard Branson sehr beeindruckt
© Getty

Timo Glock ist die Nummer 1 bei Virgin, einem neuen Formel-1-Team mit noch einigen Kinderkrankheiten. Seine Ambitionen waren aber andere. Glock im SPOX-Interview über den geplatzten Wechsel zu einem Top-Team, die Unterschiede zwischen Virgin und Toyota, Weltraum-Abenteuer, Rockstars und den Grund, warum Virgin den Weg in die Zukunft der Formel 1 weist.

SPOX: Nach allem, was man von Virgin hört, muss der Kulturschock für einen Ex-Toyota-Fahrer ja ziemlich gewaltig sein.

Timo Glock: Was hört man denn von Virgin (lacht)?

SPOX: Zumindest einmal, dass es dort sehr viel lockerer und hemdsärmeliger zugeht als beim japanischen Großkonzern.

Glock: Das stimmt, da gibt es schon deutliche Unterschiede. Die ich sehr angenehm finde, muss ich sagen. Ich habe mich hier bei Virgin von Anfang an sehr wohl gefühlt. Die Art hier entspricht meiner Mentalität.

SPOX: Wo liegen denn die größten Unterschiede zwischen großem Werksteam und kleinem Privatteam?

Glock: Es ist bei Virgin alles viel überschaubarer. Das heißt auch, dass einige Entscheidungen zielgerichteter getroffen werden können. Im Privatteam gibt es aber natürlich auch den einen oder anderen Nachteil. Man kann nicht so schnell Teile produzieren wie ein großes Team. Das macht gerade den Anfang schwierig.

SPOX: So passiert es dann wie in Jerez, dass man plötzlich ohne funktionierenden Frontflügel dasteht.

Glock: Es war von Anfang an klar, dass wir beim ersten Test noch nicht so viele Ersatzteile haben würden. Wir hätten aber sogar noch einen zweiten Frontflügel gehabt, wollten aber auf Nummer sicher gehen.

SPOX: Klingt nach schwierigen Voraussetzungen. Warum hat Sie der Wechsel zu einem neuen Team wie Virgin trotzdem gereizt?

Glock: Zum einen, weil Virgin ein spannendes Projekt ist. In der Konstruktion der Autos ohne Windkanal nur am Computer liegt für mich die Zukunft der Formel 1. Die Teams sollen immer weiter verkleinert werden, die Zeiten im Windkanal werden aus Kostengründen immer weiter reduziert, da geht die Tendenz immer mehr in Richtung Computeranimationen. Und auf dem Gebiet dieser CFD-Technik ist Virgin-Technikchef Nick Wirth eben weltweit führend. Er hat die nötige Erfahrung und in den USA auf diese Weise auch schon Siegerautos konstruiert. Das hat mich gereizt. Auf der anderen Seite war es aber auch so, dass die anderen Angebote, die ich hatte, mit der Zeit immer unsicherer wurden.

SPOX: Gab es beim rein am Computer konstruierten Auto auf der Strecke irgendwelche Überraschungen?

Glock: Interessanter Weise überhaupt keine. Alle aerodynamischen Berechnungen haben sich mehr oder weniger auf der Strecke bestätigt.

SPOX: Sie können mir trotzdem nicht erzählen, dass Sie von Anfang an begeistert waren, zu einem Neuling zu gehen. Die Ambitionen waren andere.

Glock: Klar, aber man muss realistisch bleiben und seine Chancen bei einem Top-Team richtig einschätzen. Es waren gute Teams in der Diskussion, aber trotzdem musste man mich zum Wechsel zu Virgin nicht überreden. Ich weiß, dass ein neues Team Zeit braucht, aber ich habe kein Problem damit zu warten. Auch wenn es mehr als ein oder zwei Jahre dauert. Virgin ist auf keinen Fall eine Notlösung.

SPOX: War Ihnen ein neues Team vielleicht sogar lieber als ein durchschnittliches etabliertes Team?

Glock: Das war in der Tat ein Thema für mich. Virgin wollte mich von Anfang an haben, hier bin ich als Fahrer die klare Nummer eins. Mir hat die Idee extrem gut gefallen, dass man das Team um mich herum aufbauen wird. Das ist eine reizvolle neue Erfahrung für mich.

SPOX: Bei allen Kinderkrankheiten war Virgin immer noch das erste der neuen Teams, das das Auto auf die Stecke gebracht hat. Muss man folgerichtig auch das Beste der neuen Teams werden?

Glock: Auf jeden Fall. Genau das ist das Ziel. Zudem wollen wir kontinuierlich Schritte nach vorne machen. Am besten immer einen mehr als die anderen, um irgendwann den Anschluss an die Mittelfeld-Teams zu bekommen.

SPOX: Ein kurzer Blick über das Mittelfeld hinaus. Wer hat für Sie bisher den stärksten Eindruck bei den Tests hinterlassen?

Glock: Ferrari sieht sehr konstant und stark aus. Aber insgesamt sehe ich fünf Teams ungefähr auf Augenhöhe. Ferrari, Mercedes, Red Bull, McLaren, und auch Williams habe ich auf der Rechnung. Danach kommen Sauber und Force India, die auch gut aussehen.

SPOX: Haben auch Sie ein besonderes Augenmerk auf Michael Schumacher?

Glock: So sehr habe ich darauf noch gar nicht geachtet. Es ist gut, dass er wieder da ist. Gut für die ganze Formel 1. Ich persönlich habe mich immer gut mit ihm verstanden.

SPOX: Zurück zu Ihrem Team. Mit welcher Mission tritt Virgin an? Als Spaßtruppe wie Red Bull vor einigen Jahren, die frischen Wind in die Formel 1 bringt?

Glock: Wir wollen natürlich frischen Wind in die Formel 1 bringen, dafür steht ja die Marke Virgin. Aber nicht als Spaßteam. Wir wollen ernst genommen werden. Die anderen Teams werden akzeptieren, was wir tun.

SPOX: Trotzdem besteht bei einer Marke wie Virgin die Gefahr, dass Sie häufiger mal Rockstars durch die Garage führen müssen.

Glock: Davon weiß ich jetzt noch nichts. Warten wir es ab. Ich bin selbst mal gespannt, wie sich diese Saison entwickelt. Und wenn schon, was wäre daran so verkehrt?

SPOX: Ist Richard Branson wirklich so exzentrisch, wie man hört?

Glock: Ich habe ihn eigentlich als ganz normalen Kerl kennen gelernt. Der trotzdem irgendwie ganz anders ist als alle anderen (lacht). Ich kenne ihn noch nicht sehr gut, aber er strahlt schon eine besondere Aura aus, wenn man ihm direkt gegenübersteht. Er stellt etwas dar.

SPOX: Haben Sie bei Branson schon den ersten Flug ins All gebucht?

Glock: Nein, noch nicht. Ich warte lieber, bis die ersten Teilnehmer an seinem Projekt wieder gesund zurückgekommen sind. (lacht)

SPOX: Sie können ja einen Deal mit Branson machen: Beim ersten Virgin-Sieg gibt es einen Freiflug.

Glock: (lacht) Genau so machen wir es!

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