Formel 1

Arschtritte für das Establishment

Von Jan-Hendrik Böhmer
Freitag, 01.05.2009 | 12:19 Uhr
Will mit Prodrive in die Formel 1: Ex-BAR-Boss David Richards
© Getty

40 Millionen Pfund soll es in Zukunft kosten, ein Formel-1-Team zu betreiben. Das hat die FIA mit dem Beschluss einer freiwilligen Budget-Obergrenze festgelegt. Hauptgrund für den radikalen Sparkurs: Neue Teams sollen in die Königsklasse. Und das scheint zu klappen: Acht Rennställe haben Ambitionen auf einen Einstieg angemeldet.

Doch nur drei davon können 2010 auch wirklich dabei sein. Das hat die FIA am Donnerstag bekanntgegeben. Am 29. Mai müssen sich die Teams eingeschrieben haben. SPOX stellt die Neulinge vor und zeigt, wer die besten Chancen hat.

Prodrive / Aston Martin

Wer steckt dahinter? David Richards. Der ehemalige BAR- und Benetton-Teamchef stand mit Prodrive eigentlich bereits zur Saison 2008 als WM-Teilnehmer fest, musste sich damals allerdings kurz vor Saisonbeginn wegen des Streits um die legale Verwendung von Kundenautos kurzfristig zurückziehen. Mittlerweile ist der Waliser Vorsitzender der Traditions-Marke Aston Martin und will es erneut versuchen. "Die Signale, die im Moment von FIA und FOM kommen, sind sehr attraktiv und stellen eine Basis für eine echte Revolution des Sports dar", sagt Richards. Und weiter: "Vorausgesetzt, die neuen Regeln sind kommerziell rentabel, und wir sehen das Potenzial, konkurrenzfähig zu sein, dann sind wir bereit, den Startknopf zu drücken." Mit der Budget-Obergrenze ist dies nun der Fall.

Profitieren würde das Team dabei von der 2007 geleisteten Arbeit. "Dadurch haben wir einen enormen Vorsprung", sagt Richards. "Und ein Großteil des entscheidenden Personals steht bereits bereit, um mit der Entwicklung fortzufahren, sobald wir grünes Licht erhalten."

Und der Motor? Hier hält sich Richards gleich mehrere Möglichkeiten offen. So verhandelt er etwa mit einem namhaften Motorenlieferanten aus der Formel 1. Zur Erinnerung: 2008 sollte Prodrive mit Mercedes-Power an den Start gehen - ob Richards erneut in Stuttgart angeklopft hat, behält er allerdings für sich. Zudem ist er wie USGPE an den Cosworth-Kundenmotoren interessiert und hält sich die Möglichkeit offen, einen Motor unter dem Aston-Martin-Logo an den Start zu bringen. Auch wie das Team genau heißen soll (Prodrive oder Aston Martin), steht noch nicht fest. Die Chancen auf einen Einstieg sind laut Richards dennoch sehr gut: "Schließlich haben wir eine ordentliche Erfolgsbilanz im Motorsport vorzuweisen." Auch erste Sponsoren stehen demnach bereits bereit.

US Grand Prix Engineering (USGPE)

Wer steckt dahinter? Ken Anderson und Peter Windsor. Beide verfügen über langjährige Motorsport-Erfahrung. Anderson arbeitete seit den frühen 80ern unter anderem als Ingenieur & Technik-Direktor in den USA (CART, IRL und NASCAR) sowie in der Formel 1 für Ligier, Williams und Onyx. Sport-Journalist Windsor war in den 90ern Team- und Sponsoren-Manager bei Williams sowie General Manager bei Ferrari. "Wir sind zwei Kerle, die sagen können, dass wir ein Team betreiben wollen, weil wir das nötige Kapital haben", sagt Windsor. Das Budget in Höhe von geschätzten 62 Millionen Dollar soll bereits stehen.

Bisher machte USGPE vor allem durch seine potentiellen Fahrer auf sich aufmerksam. So wurden unter anderem IndyCar-Pilotin Danica Patrick, NASCAR-Superstar Kyle Bush oder Formel-1-Routinier Rubens Barrichello als Kandidaten genannt. Auch am Rennfahrer-Casting "Grand-Prix-Shootout" ist Sportdirektor Windsor beteiligt.

Und das Personal? "Alle, die in das Design und den Bau des Autos involviert sein werden, werden wir sehr, sehr bald einstellen", sagte Windsor dem britischen Fachmagazin "Autorsport". Bis Juli oder August sollen die entscheidenden Positionen besetzt sein. Nach dem Ende der laufenden Saison will man zudem Fachkräfte von anderen Teams abwerben. Als Motorenpartner steht Cosworth bereit. Das bestätigte Windsor beim Rennen in Bahrain. Das Geld für das Leasing sei bereits hinterlegt. Hintergrund: Cosworth soll (wie bereits in der vergangenen Saison geplant) ab 2010 günstige Kundenmotoren an alle interessierten Teams liefern. Der Antrag auf Zulassung für die Saison 2010 liegt bereits bei der FIA.

Lola Racing

Wer steckt dahinter? Bereits zwischen 1962 und 1997 war Lola in der Königsklasse vertreten. Meistens als Chassis-Lieferant für Kundenteams - darunter BMW, Honda, Larrousse und andere. Insgesamt nahm das britische Unternehmen so an 148 Formel-1-Rennen teil. Als Werksteam versuchte man sich zuletzt in der Saison 1997 -  allerdings nur beim ersten Saisonrennen in Australien. Nachdem sich Ricardo Rosset und Vincenzo Sospiri nicht für das Rennen qualifizieren konnten, erklärte Lola das Projekt wegen "finanzieller und technischer Probleme" für gescheitert. Erfolgreich ist Lola als Chassis-Lieferant für zahlreiche Rennserien wie die Formel 3, die A1-GP-Serie und die US-ChampCars.

"Deshalb besitzen wir auch die nötigen technischen Ressourcen, die Fähigkeiten und das Wissen, um Autos zu entwickeln, die auf dem höchsten Motorsport-Level mithalten können, und haben uns nach den Regeländerungen dazu entschlossen, die Entwicklung eines Autos für die Formel-1-Weltmeisterschaft ernsthaft in Betracht zu ziehen", so Lola-Vorstandschef Martin Birrane. Mittlerweile hat das Team diverse neue Mitarbeiter eingestellt und auf das Projekt angesetzt. Details zu möglichen Motoren, Sponsoren oder gar Fahrern gibt es noch nicht - dennoch will man sich schon in den kommenden Wochen offiziell bei der FIA um eine Startberechtigung für die Saison 2010 bewerben.

iSport (aktuell GP2)

Wer steckt dahinter? Paul Jackson. Er ist Teamchef eines der erfolgreichsten GP2-Rennställe und machte Timo Glock zum Champion. "Mein Ziel ist es, einigen Leuten in der Formel 1 in den Hintern zu treten und ihnen zu zeigen, dass sie Geld für nichts zum Fenster rausschmeißen", sagte Jackson "Motorsport-Magazin.com". Technisch kann sich Jackson auf seine Ressourcen aus der GP2 stützen. "Natürlich müssten wir noch einige Leute einstellen, aber wir haben eine sehr starke Ingenieurs-Basis. Unsere Jungs stehen mit beiden Beinen auf dem Boden und sind es gewohnt, gute Arbeit mit sehr limitierten Ressourcen zu leisten", so Jackson. Und auch einige Sponsoren und Investoren stehen offenbar bereits bereit.

Sponsoren? Allerdings plante Jackson bisher mit einem Budget von 30 Millionen Pfund. Ob seine Geldgeber auch die nun festgesetzten 40 Millionen aufbringen können, ist fraglich. Er müsse "zunächst mit allen Leuten sprechen, die Interesse gezeigt haben, und herausfinden, was möglich wäre", hatte er bereits im Vorfeld angekündigt. Jacksons Fazit zu einem Einstieg 2010: "Das wäre sehr knapp, aber vielleicht möglich."

ART Grand Prix (aktuell GP2)

Wer steckt dahinter? Nicolas Todt und Frederic Vasseur. Nicolas ist der Sohn von Ex-Ferrari-Teamchef Jean Todt und betreut als Manager unter anderem Felipe Massa und Sebastien Bourdais. Bereits als vor einiger Zeit Toro Rosso zum Verkauf stand, galt er als einer der möglichen Käufer. Zusammen mit Formel-3-Urgestein Vasseur (Gründer des ASM Teams) führte er bei ART Grand Prix Nico Rosberg und Lewis Hamilton zum Meistertitel in der GP2-Serie. Auch Sebastien Buemi und Romain Grosjean fuhren für ART.

Jetzt will Todt in die Formel 1. "Wir haben eine tolle Firma mit tollen Leuten", erklärte er dem britischen Magazin "GPWeek". "Jetzt müssen wir unser Unternehmen weiterentwickeln, und die jüngsten Entscheidungen gehen in die richtige Richtung." Das notwendige Know-How wäre wohl nicht nur wegen Nicolas Todt vorhanden: Aktuell fährt das Team neben der GP2 auch die GP2 Asia und die Formel-3-Euroserie. Allerdings müssen noch potente Geldgeber her. Denn: "Wenn ich in die Formel 1 gehe, dann will ich nicht nur überleben. Ich möchte sowohl sportlich als auch wirtschaftlich erfolgreich sein", sagt Todt.

Epsilon-Euskadi

Wer steckt dahinter? Der ehemalige Benetton-Teammanager Joan Villadelprat. Seit 1979 ist er in der Formel 1 tätig, arbeitete für McLaren, Ferrari, Tyrrell, Prost und Benetton, wo er zwei Weltmeistertitel mit Michael Schumacher gewann. Mittlerweile besitzt er das Epsilon-Euskadi-Team und tritt bei Sportwagen-Rennen (24 Stunden von Le Mans) und in der Formel Renault sowie World Series by Renault an.

Wie laufen die Planungen? "Wir sprechen sehr intensiv darüber", sagte er "motorsport-total.com". Und weiter: "Wir haben alles, was wir brauchen: einen Windkanal, modernste Anlagen zur Fertigung von Karbonteilen und das nötige Know-How", meint der 53-Jährige. Außerdem wird das Firmengelände als Europa-Basis für USGPE dienen. Auch die Finanzierung für das eigene Formel-1-Projekt scheint zu stehen. Er habe bereits mit mehreren potenziellen Partnern gesprochen. Demnach gibt es ein konkretes Interesse an der Formel 1.

Tony Teixeira

Wer steckt dahinter? Tony Teixeira. Der CEO der A1GP-Serie will mit portugiesischen Staatsgeldern einen eigenen Formel-1-Rennstall ins Leben rufen. Bereits vor einigen Jahren wollte er das Spyker-Team kaufen, musste aber Vijay Mallya den Vortritt lassen. Außerdem stand er durch seine gute Verbindung zu Ferrari schon einmal kurz davor, ein zweites Team der Scuderia auf die Beine zu stellen. Das technische Know-How sowie ein abgewandeltes Chassis würde er aus der A1GP-Serie mitbringen.

Und die Finanzen? Das Geld für einen Einstieg könnte dabei aus Portugal kommen. "Ich möchte den portugiesischen Staat als Teilhaber mit ins Boot holen", sagte der A1GP-Boss gegenüber "motorsport-total.com". "Mir schwebt vor, dass der Staat 40 Prozent der Anteile hält und ich die verbleibenden 60." Eine Art portugiesisches Nationalteam.

Campos Racing / Barwa Addax (aktuell GP2)

Wer steckt dahinter? Adrian Campos. Der ehemalige Formel-1-Pilot (1987 & 1988 für Minardi) ist seit mehr als zehn Jahren Teamchef. Er fing in der spanischen "Open Fortuna by Nissan"-Serie an und gewann erst mit Marc Gene und dann mit Fernando Alonso den Titel. Später ließ er seine Boliden in der Formel 3 antreten. Seit 2005 ist Campos in der GP2 angelangt und hat sich mittlerweile mit Alejandro Agag zusammengetan. Agag ist ein guter Freund von Bernie Ecclestone und Flavio Briatore, mit dem er die Queens Park Rangers besitzt. In Spanien ließen beide bereits einen neuen Windkanal bauen.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung