Helmut Kronjäger im Interview über den österreichischen Fußball

"Wir haben Comedians, keine Experten"

Freitag, 06.09.2013 | 00:00 Uhr
Helmut Kronjäger war unter anderem Trainer in Ried
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Jahrelang prägte Helmut Kronjäger den österreichischen Fußball. Nun kämpft er mit dem Krebs. Ein SPOX-Interview über das Nationalteam, Experten und die Bundesliga.

Helmut Kronjäger kämpft mit einem hartnäckigen Lymphdrüsenkrebs. "Ich habe extreme Schmerzen. So schlimm war es schon lange nicht mehr ", sagt er. Trotzdem nimmt sich Kronjäger Zeit für ein Interview. "Ohne Morphium würde ich es nicht aushalten. Aber ich kann noch meckern und jammern." Ein Lächeln.

Kronjäger war Sturm-Spieler, langjähriger Assistent von Ivan Osim, Jugendtrainer beim ÖFB und der Wiener Austria und Chefcoach der SV Ried. Später wurde Kronjäger Sportdirektor des steirischen Landesverbands und Teamchef des Bhutan und der Solomon Islands.

Im ausführlichen Interview mit SPOX spricht der Systemkritiker über die österreichische Nationalmannschaft, Experten-Comedians, taktisches Einmaleins und fehlende Spielphilosophien in der Bundesliga. Eine Kostprobe? "Marcel Koller arbeitet großartig. Aber er ist ein Zauderer, der taktisch nicht schnell genug reagiert. "

SPOX: Sie haben den Krebs bereits einmal besiegt und geben auch jetzt nicht auf. Hilft Ihnen der Fußball, oder ordnet er sich der Krankheit unter?

Helmut Kronjäger: Der Fußball hat mir im mentalen Bereich geholfen. Über Trennungsschmerz und andere Probleme kann der Fußball sicher hinweg helfen. Manche, die ihn nicht haben, fangen an zu Trinken. Der Profisport hat mir aber auch gelernt, physisch an meine Schmerzgrenze zu gehen.

Sie verarbeiten Ihr erlebtes in einer Biographie.

Das Buch soll weitergeben, wie ich mit dem Krebs umgehe. Die Krankheit muss kein Todesurteil sein. Parallel kommen meine Fußballgeschichten. Osim, Austria, Sturm und meine Auslandserfahrungen mit Schmankerl gefüttert.

Wie haben Sie als Beobachter die Länderspiele gegen die Färöer und Irland erlebt?

Die Färöer waren definitiv zu schwach, um sich über Österreich ein Urteil zu bilden. Gegen Irland waren wir auf verschiedenen Ebenen auf Augenhöhe, technisch und spielerisch sogar besser. Der Ausgleich in der letzten Minute war kein Glück, nur weil er in der Schlussphase passiert ist.

Der Last-Minute-Ausgleich war aber wohl überlebenswichtig, um das Projekt Koller den Menschen verkaufen zu können.

Marcel Koller arbeitet großartig. Aber Experten und viele Journalisten gehen zu wenig in die Tiefe und machen alles vom Ergebnis abhängig. Für mich ist Fritz Schmid (Kollers Co., Anm.) in der jetzigen Konstellation als große Denker besonders wichtig. Aber in der Öffentlichkeit geht es nur um Arnautovic. In Wahrheit ist er aber nur einer von 25 Spielern. Ich hatte Marko damals im Nationalteam und bei der Austria.

Er ist im Grunde ein lieber Bub, aber ähnlich wie bei Dave (David Alaba, Anm.) wird ihm etwas aufgebürdet, das schwer zu ertragen ist. Andi Ivanschitz ist damals daran gescheitert. Es ist ziemlich leicht, von A für Arnautovic bis Z für Zufall zu schreiben, statt in die Tiefe zu gehen. Dafür werde ich von der schreibenden Presse wahrscheinlich wieder zerrissen, aber ich bin mir sicher, dass der Leser Qualität vertragen würde.

Ad Qualität: TV-Experten fallen oft durch Polemik und Schmäh auf, Inhalte außen vor.

Nach dem Irland-Spiel hätten manche Experten besser geschwiegen. Man kann ja Inhalte auch humoristisch aufarbeiten - aber was wir da haben, sind Comedians. Die Unterstufe von Kabarettisten. Zumindest ein gewisses Maß an Qualität, um meinen Kopf beschäftigen zu können, darf wohl erwartet werden. Meistens wird nur Stimmung gemacht, Objektivität geht verloren.

Sofern es Objektivität gibt.

Das ist eine philosophische Frage. Aber es wird nicht einmal nach ihr gestrebt.

Was macht Marcel Koller gut?

Er hat eine Struktur geschaffen, an die sich alle halten. Aber er hat sehr viel Energie dafür verbrauchen müssen, damit die Medien und so genannte Legenden ihm geglaubt haben, dass er gut ist.

Und was macht er nicht gut?

Er ist ein Zauderer, der taktisch nicht schnell genug reagiert. Aber wenn man seine Vergangenheit sieht, dann lässt sich dieser Makel zurückverfolgen. Das hätte man schon bei seiner Verpflichtung wissen müssen. Vielleicht ist das ein Mentalitätsunterschied. In der Schweiz und auch in Deutschland ist alles sehr geordnet. Und das funktioniert meistens. Aber wehe das geht daneben - dann gibt es ein Problem. Österreicher improvisieren sehr gerne - aber ohne Ordnung. Jetzt wäre es interessant, zwischen diesen Säulen der Ordnung Improvisationsfreiheit zu geben.

Sie trainierten A-Teamspieler wie David Alaba, Veli Kavlak, Julian Baumgartlinger, Zlatko Junuzovic. Wie beurteilen Sie ihre Entwicklung?

Sie haben in ihrer Entwicklung einen großen Sprung gemacht. Grundsätzlich ist es sehr positiv, dass sie früh ins Ausland gekommen sind und das Umfeld passt. Bei vielen Vereinen gibt es große Probleme. Junge Spieler kommen zu einem Verein und niemand kümmert sich um sie. Knasi (Christoph Knasmüllner, Anm.) ist fußballerisch weit über David Alaba zu stellen. Aber er hat nicht die richtige Einstellung zum Sport und bräuchte jemanden, der ihn führt.

Warum passiert das nicht?

Weil Cheftrainer so vielfältige Aufgabengebiete haben, dass sie sich um einen Einzelnen nicht kümmern können. Darum verstehe ich nicht, warum Vereine dafür keine Posten schaffen. Solche Spieler sind ja ihr Kapital. In England werden Jugendspieler eingesammelt und wenn es einer von 40 schafft, dann reicht das. Der Rest darf in Sizilien Orangen pflücken.

Was müsste sich in Österreich in der Jugend-Ausbildung ändern, damit Talente hier bleiben können, ohne in ihrer Entwicklung stehen zu bleiben?

Die Qualität. Bessere Trainer und bessere Trainingsbedingungen. Wir haben im Ausland keinen erfolgreichen österreichischen Trainer und in Österreich auch fast keinen.

Was wird in der Trainerausbildung vernachlässigt?

Zum Beispiel das Trainerauge. Wie sehe ich Bewegungsabläufe oder taktisches Verhalten? Das hat mir in der Ausbildung immer komplett gefehlt.

Versuchen wir Taktik zu definieren.

Die Basics sind Ordnung und Organisation. Jeder Spieler muss wissen, was er in bestimmten Positionen für Aufgaben hat. Das heißt aber nicht, dass er immer die Stellung halten muss. Er muss in den Zonen arbeiten.

Und Mitspieler müssen wiederum jene Zonen, die er verlässt, bespielen.

Richtig. Ich war lange Zeit auf die Defensive spezialisiert. Wir haben zuvor ganz dumme Tore kassiert. Besonders bei Standards.

Wie lassen Sie Standardsituationen verteidigen? Raumdeckung? Manndeckung?

Wir hatten eine Mischform. Drei Spieler im Raum, zwei auf den Mann und ein Regulator, der ballorientiert war. Der hat sich nur auf die Kugel konzentriert.

In der Bundesliga werden Standards oft unglaublich konzeptlos verteidigt.

Ja. Und dabei reden wir noch nicht einmal von Taktik, sondern von Organisation.

Spielsysteme, Zahlenspiele. Was sind Sie ohne Philosophie wert?

Bei der EM 2008 habe ich bei jeder Partie ein Zahlenspiel gemacht und das Grundsystem mit der Formation nach 17 Minuten verglichen. Da war kein 4-3-3 oder 4-4-2 zu erkennen. Alles war nur noch situativ. Der schwedische Trainer Lars Lagerbäck hat einmal gesagt: Wir greifen mit sechs Spielern an und verteidigen mit acht. Praktisch geordnetes Chaos. Genau das wollte Ivica Osim immer erreichen.

Was ist Ihre Philosophie, verpackt in ein System?

2-5-3.

Mit Wing-Backs oder ein echtes 2-5-3?

Ein Fünfermittelfeld, das gnadenlos anpresst. In ein paar Testspielen habe ich das probiert und es hat funktioniert. Ich behaupte, dass es in Österreich keinen Verein gibt, der gegen ein so dichtes, pressendes Mittelfeld in die Spitze kommen würde. Aber es muss immer versucht werden, in unterschiedlichen Zonen zu pressen. Man kann den Gegner manchmal auch in Ruhe lassen. Oder andere Varianten probieren: Zwei Spieler auf den linken Flügel stellen und ab der 15. Minute nur noch über rechts angreifen. Dann macht Taktik Spaß.

Bei welchen Fußballmannschaften in Österreich erkennen Sie eine Spielphilosophie?

Austria und Sturm.

Salzburg?

Da ist keine Philosophie dahinter. Alles ist auf das Jetzt, Heute und Sofort ausgelegt.

Junge Spieler sind da.

Bis man Sekagya ausgräbt. Salzburg hat mit Mateschitz einen Kapitän, der nicht weiß, wo er hinwill.

Was macht die Austria momentan besser als der Rest?

Peter Stöger hat es geschafft, einen extremen Zusammenhalt zu schaffen. Taktisches Geplänkel ist in den Hintergrund getreten.

Sie sind sehr nah an Sturm dran. Wie erleben Sie Ihren Ex-Verein?

Viele Personalentscheidungen sind sehr fragwürdig. Es gab schon bei den Juniors in Salzburg Probleme mit Peter Hyballa. Trotzdem wurde er geholt. Jetzt müsste man ihn unterstützen und den Rücken stärken. Aber dafür ist es wohl schon zu spät.

Warum hat Sturm unter einem Fachmann wie Hyballa oft Probleme, gegen klar unterlegene Mannschaften gut auszusehen?

Es ist leichter, wenn man der scheinbar Unterlegene ist. Defensiv- und Konterspiel ist schnell erlernbar. Spielwitz nicht. Wenn der Gegner mit acht Mann am Strafraum steht, braucht man viel Qualität. Man müsste in so einer Situation probieren, selbst hinten zu bleiben um den Gegner zu locken. Aber dann pfeift dich dein Heimpublikum aus. Darum greift man blind an und läuft in Konter. Ein schneller Spieler wie Ouedraogo und es heißt "hurra, die Gams"! Zudem habe ich bei Johannes Focher kein gutes Gefühl. Er strahlt Unsicherheit aus.

Vielleicht ist er ein Bauernopfer. Die Fans lechzen nach Christian Gratzei.

Normalerweise müsste Hyballa einmal die Karten neu mischen. Gratzei hat viel Qualität, verkauft sich aber nicht gut. Er ist für mich unter den Top-Drei in Österreich.

Alfred Tatar meint, ehemalige Kicker wären die besseren Trainer, weil sie verschiedenste Situationen besser verstehen können. "Es sollte Erfahrung als Profispieler da sein." D'accord?

Nein. Trainer die als Profis im Nachwuchs gearbeitet haben, sind die besseren Trainer. Sie haben einen besseren Zugang zu Problemen.

Sie waren Assistent von Ivan Osim. Wie viel hat er damals schon gemacht, was heute als Grundvoraussetzung gilt?

Was Osim von anderen Trainern unterschieden hat: Er überlegte sich, was der gegnerische Trainer gegen seine Mannschaft ausrichten will. Taktische Ausrichtung im heutigen Sinn hat es nicht gegeben. Er hat versucht, mir zwei Dinge mitzugeben: Vergiss, dass du selber Fußball gespielt hast - und er selbst war ein Weltklassespieler. Das andere war: Lerne von deinen Spielern. Denn viele Trainer kommen nur schwer damit klar, dass ihre Spieler andere Lösungswege suchen, als vorgegeben.

Würde Osim heute noch funktionieren?

Schwer. Er ist damals als Lichtgestalt gekommen. Wenn er jetzt als No-Name, als Hyballa kommt, vielleicht nicht.

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