Benedikt Pliquetts Abschiedsinterview

"Bin an meine Grenzen des Ertragbaren gekommen"

Mittwoch, 02.12.2015 | 17:09 Uhr
"Ich hätte nicht gedacht, dass man sich in einer Stadt so fremd fühlen kann"
© GEPA
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Im Interview mit SPOX erklärt Benedikt Pliquett, wieso er sich in Graz immer fremd fühlte, was aus seiner Sicht bei Sturm falsch läuft und was er trotzdem vermissen wird.

Als SPOX durchklingelte, war Benedikt Pliquett mit seinem Kastenwagen gerade auf der Autobahn unterwegs. Das Ziel? Mallorca. Denn in Zukunft wird der Ex-Schwoaze das Tor von Atletico Baleares (Segunda Division B, dritte Liga) hüten. Nach St. Pauli und Sturm Graz der nächste Arbeiterverein also. Nur diesmal mit Meerblick. Im Interview mit SPOX erklärt Pliquett, warum er nicht nur wegen des Wetters nach Mallorca wechselt, was er außer Kernöl aus Graz mitnehmen wird und was er den Schwarz-Weißen ans Herz legt.

Bene, Du spielst in Zukunft für Atletico Baleares. Ich würde auch gerne auf Mallorca arbeiten. Wie seid Ihr zusammengekommen?

Benedikt Pliquett: Mir war klar, dass die Frage so kommt. Aber ganz ehrlich: Über das tolle Wetter und die Lebensqualität brauchen wir uns gar nicht unterhalten. Aber für mich war der Wechsel vor allem sportlich interessant. Der Verein hat alles dafür getan, dass ich komme. Sie haben mir einen Plan vorgestellt, wie sie sich das in den nächsten zwei Jahren vorstellen. Da musste ich Ja sagen.

Was hat Baleares für Ziele?

Sie denken darüber nach, oben mitzuspielen. Aber ich weiß auch aus Erfahrung, dass das schwer planbar ist. Auf die Fahne sollte man sich das nicht schreiben. Mir war wichtig, dass ich zu einem Verein komme, der mich unbedingt will und bei dem ich auch spiele. Das ist in der heutigen Zeit viel wert.

St. Pauli, Sturm Graz - Du hast immer für spannende Klubs gespielt. Was macht Deinen neuen Verein besonders?

Es gibt zwei Vereine auf Mallorca. Wie schon bei St. Pauli bin ich jetzt beim Underdog, beim Arbeiterklub. Sie haben Fans, die ihren Verein bedingungslos unterstützen, auch wenn die Fankultur etwas anders ist. Ich freu' mich schon sehr drauf.

Es gab Gerüchte, dass Du in irgendeiner Form zum FC St. Pauli zurückkehrst.

Keine Ahnung wo das herkam. Natürlich ist Interesse da, wenn die Karriere einmal vorbei ist. Aber es kann immer viel passieren, ich mache mir da überhaupt keine Gedanken. Ich will noch ein paar Jahre Fußball spielen, einfach, weil ich es kann. Fürs Aufhören macht mir Fußball zu viel Spaß.

Bene, Du warst nicht immer Stammspieler. Trotzdem hast Du in Graz Spuren hinterlassen. Wie wichtig ist das für Dich?

Ich habe in Graz ja zu Beginn recht viel gespielt. Warum ich dann im zweiten Jahr nicht mehr aufgestellt wurde, weiß eh jeder. Mein Vater hat es schön formuliert: Auch wenn du nicht immer spielst - wenn du Spuren hinterlässt, ist das am Ende vielleicht sogar mehr wert. Ich lasse mich von niemandem verbiegen. Wenn ich den Leuten Freude bereiten kann, ist das für mich auch schön. Du hast mich ja kennengelernt - ich bin, wie ich bin.

Lass mich einhaken: Ich bin mir nicht sicher, dass jeder weiß, wieso Du im zweiten Jahr nicht mehr gespielt hast.

Wenn der alte Trainer dich für einen wichtigen Spieler hält und dann ein neuer Trainer kommt, der nicht mehr auf dich setzt, wird es schwer. Aber ich rege mich heute darüber nicht mehr auf, es ist wie es ist. Bei Atletico Baleares läuft alles sehr professionell, das ist etwas, das ich zuletzt ein Stück weit vermisst habe.

Was kannst Du trotzdem aus Deiner Zeit in Graz mitnehmen?

Kernöl. (lacht)

Zwischenmenschlich, nicht materiell!

Das ist jetzt nicht böse gemeint: Ich hätte nicht gedacht, dass man sich in einer Stadt, in der die selbe Sprache gesprochen wird, so fremd fühlen kann.

Wie hast du uns Grazer denn erlebt?

Ich will niemanden über einen Kamm scheren, das wäre völlig falsch. Ich habe eine handvoll Personen, mit denen ich sicher Kontakt halten werde. Aber die Mentalität ist hier einfach eine völlig andere. Besonders im Leistungssport.

Wo siehst Du die Unterschiede?

In der Einstellung. Aber das haben doch die Jugendtrainer in Graz auch gesagt. Es ist nun mal so: Österreich hat eine geringe Einwohnerzahl und dementsprechend weniger Talente. Da muss man einfach den Spielern viel mehr verzeihen, was das Verhalten angeht. Ob auf dem Platz oder rundherum. In Deutschland ist der Druck höher, man ist austauschbarer. Es fehlt in Österreich manchmal an Biss, Disziplin, Ehrgeiz.

Franco Foda wird als Disziplinfanatiker dargestellt.

Darko (Milanic, Anm.) hat sogar noch mehr versucht, auf die Spieler einzuwirken. Gerade was die Zeit außerhalb des Trainings betrifft. Aber am Ende kann der Trainer hier wenig tun.

Du hast Talent angesprochen. Wir haben einmal in Messendorf über Sturms Nachwuchs geplaudert und Du hast einige Talente aufgezählt, denen Du eine große Karriere zutraust. Bist Du noch immer von den Lovric' und Gantschnigs überzeugt?

Sturm ist in einer tollen Position, da kommen fantastische Talente hoch. Wie auch zum Beispiel Tobias Schützenauer, dem ich versucht habe zu helfen. Oder auch Andi Gruber, der hat ein herausragendes Talent. Ich wünsche ihm, dass er irgendwann den nächsten Schritt machen kann. Er bringt viel Ehrgeiz mit. Sandi (Lovric, Anm.) natürlich auch. Er ist ein Ausnahmetalent und wird seinen Weg machen.

Die Übergangsphase zwischen Darko Milanic und Franco Foda ist abgeschlossen. Wie siehst Du Sturms Entwicklung?

Sturm hat sich weiterentwickelt, da kann man Franco Foda nichts vorwerfen. Er macht sicher gute Arbeit. Das hat man auch auf dem Platz gesehen. Als Trainer ist er gut, alles andere sei dahingestellt.

Was sei dahingestellt?

Die menschliche Komponente ist nicht vorhanden. Wie man mit mir umgegangen ist, das macht man einfach nicht. Da waren viele Dinge völlig absurd. Aber mir ist es zu doof, ich will nicht wirklich etwas dazu sagen. Sportlich top, menschlich...

Das respektiere ich natürlich. Du hast vor einem Jahr zu mir gesagt: "Sturm steht sich leider in allen Belangen selbst im Weg." Steht sich Sturm immer noch selbst im Weg?

Sturm hat so tolle Voraussetzungen. Aber leider ist man sich nicht im Klaren, woran man hier ist. Es wird so viel Potential überhaupt nicht ausgeschöpft. Wir können auch über Details reden: Ich kann bis heute nicht verstehen, wie man konsequent auf so schlechten Plätzen trainieren muss. Es sind so viele Dinge einfach unprofessionell. Atletico Baleares brauchte von Sturm ein Schreiben. Was ist dann passiert? Mein Wechsel hat sofort in einer Grazer Zeitung Erwähnung gefunden. Da weiß jeder, wo es herkommt. Für mich war auch der Unterschied zwischen Kazimierz Sidorczuk (bis Mitte 2014 Tormanntrainer, Anm.) und Martin Klug (nun Tormanntrainer) drastisch. Da bin ich wirklich an meine Grenzen des Ertragbaren gekommen. Alleine die unglaubliche Arbeit mit Kazimierz, die mich sehr weiterentwickelt hat. Sein Abschied war sehr schade.

Was hat sich seit unserem Interview verbessert?

Einige Dinge. Die Pressearbeit ist jetzt besser. Damals war die medizinische Betreuung wirklich abenteuerlich bis gar nicht vorhanden. Jetzt kann man daran nichts mehr nörgeln. Die Teamärztin Kristina Köppel-Klepp macht das jetzt wirklich großartig. Ich sag dir: Ich bin dankbar, dass ich hier spielen und die Fans kennenlernen durfte. Vor allem die Nordkurve. Mit dieser unglaublichen Leidenschaft werden sie den Verein immer tragen. Es war wunderschön, vor den Fans zu spielen. Aber ich muss leider zugeben, dass ich immer mit dem Gedanken gespielt habe, zu gehen. Mich haben einfach zu viele Themen belastet.

Als Außenstehender finde ich: Schade, dass Deine Beziehung zu Sturm nicht so herzlich geendet hat, wie sie anfangs war.

Das finde ich auch. Für das letzte Spiel gab es ganz andere Abmachungen. Aber wenn jemand sein Wort nicht hält, dann weiß man ja, woran man ist. Jetzt ist das aber Schnee von gestern.

Bene, was würdest Du Sturm gerne abschließend ans Herz legen?

Die Entwicklung, die sie im letzten Jahr genommen haben, ist sehr positiv! Da müssen sie weiter ansetzen und die sportliche Kompetenz von Franco Foda mitnehmen. Zudem sind viele Talente da. Mich würde es für die Jungs in der Mannschaft freuen, wenn sie den Erfolg haben, den sie sich erhoffen.

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