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03.11.2020 | 301 Aufrufe | 1 Kommentare | 5 Bewertungen Ø 6.2
Dann macht es bumm... Gerd Müller zum 75.
Dann macht es bumm...
Gerd Müller. Genie, ohne es zu wissen.

Gerd Müller wird also 75 Jahre alt. Es gibt kaum einen Spieler, dem ich mehr an Ehrfurcht entgegen bringe als ihm. Umso mehr bedauere ich sein heutiges Schicksal.

Dass der Aufstieg des FC Bayern zu einem großen Teil mit seinen Toren verbunden ist, wurde immer wieder richtiger Weise gesagt.
365 Tore in der Bundesliga, 34 Tore in 35 Spielen im Europapokal der Landesmeister, was bis heute die beste Torquote im Wettbewerb bedeutet, 68 Tore in der Nationalmannschaft in nur 62 Spielen. Bundesliga-Torschützenkönig, WM-Torschützenkönig, Europas Torschützenkönig. Über 1000 Tore.

Ein Ausnahmespieler. Ein Genie des Strafraums mit einer praktisch nicht zu verteidigenden Mixtur aus intelligenter Positionierung, Antizipation, schnellen Drehungen, unglaublichen Reflexen und einem Willen zum Maximalismus, was das Toreschießen angeht, der sich im Gebrauch unorthodoxer Körperteile zeigte, um das finale Ziel zu erreichen.

Dass Gerd Müller ein reiner Abstauber gewesen sei, der über keine gute Technik verfügte, ist zudem ein Mythos. Entgegen der landläufigen Meinung besaß Müller sehr wohl über eine gute Grundtechnik bei der Ballannahme und auch über ein gutes Passspiel. Nicht umsonst waren seine Doppelpässe mit Beckenbauer das vielleicht am meisten gefürchtete Angriffsmittel des FC Bayern jener Jahre. Reine Abstauber erreichen in der Regel auch solche Quoten nicht.

Vielfach wurde Müllers Bescheidenheit gerühmt. Ich stimme dem zu, aber was mir insbesondere Bewunderung abnötigte, ist Folgendes:
Es scheint, als wäre Gerd Müller für das Toreschießen geboren worden. Er war Fußball und sonst nichts. Seine Welt war der Fußballplatz. Dass er nach seiner Karriere als Spieler in Schwierigkeiten geriet und auch zeitweise dem Alkoholismus verfiel, ist bedauerlich, aber aus dieser Sicht vielleicht erklärlich.
Ist dieser vielleicht enge Lebenshorizont ein Problem? Ich denke nicht.

Wir haben es zu einer Gewohnheit werden lassen, Spielern am Ende ihrer Karriere insbesondere dann auch einen gewissen Respekt zu zollen, wenn sie frühzeitig an einer Karriere "nach der Karriere" - wie man sagt - arbeiten.
Man spricht davon, dass Spieler einen Reifeprozess durchmachen. Sagt man nicht, dass Franz Beckenbauer auch während seiner Jahre in New York zum "Weltmann" aufgestiegen ist?
Allein, was bedeutet das schon? Ein Weltmann zu sein? In einen Anzug gesteckt zu werden und auch nach der Spieler-Karriere die Öffentlichkeit zu suchen und sich auf dem offiziellen Parkett sicher zu bewegen? Die Nähe zu anderen Großen zu suchen? Als Fußballfunktionär seinem Wort Gewicht zu verleihen? Neben Politikern abgelichtet zu werden?
Man verstehe mich nicht falsch: Fußballfunktionäre sind wichtig und gerade das Beispiel Beckenbauer hat viel für den FC Bayern und auch Deutschland in dieser Rolle erreicht.

Und dennoch: Diese Menschen stolpern nicht einfach in diese Rollen, sondern sie bauen sich Netzwerke auf, lassen sich entsprechend beraten und suchen aktiv diese Rolle. Soll heißen: Sie wollen sich auch weiterhin präsentieren, in irgendeiner Rolle relevant bleiben. Vielfach erreichen sie es durch räumliche Nähe zu anderen "großen Figuren" der Welt. Dann wird entsprechend berichtet und entsprechend erzählt. Die Zeit der Narrative und der Macht der Bilder bricht an.

Voraussetzung dafür ist aber, dass die eigene Welt mehr ist als ein Fußballplatz. Gerd Müller hingegen tat nichts mehr als seine Tore zu machen und wieder nach Hause zu gehen. Schon als aktiven Spieler haben ihn alle anderen Dinge nicht angesprochen. Hierin mag der Keim für manche Schwierigkeiten in seinem Leben liegen, aber auch seine Größe:

Es ist diese Reinheit, in einer Sache aufzugehen, deren Sinn und Zweck selbstbezüglich ist: Tore schießen ist gut, weil Tore schießen gut ist.
Gerd Müller hat unzählige nach traditioneller Lesart "wichtige Spiele" mit seinen Toren entschieden.

Zufrieden nach Hause ging er aber, weil er seine Aufgabe erfüllt hat und seiner Mannschaft zum Sieg verholfen hat. Nicht, weil das Spiel unbedingt "groß" war.

In der Evaluation von Fußballspielern bekommt man oft den Eindruck, dass der Sinn großartiger fußballerischer Leistungen darin besteht, eine abstrakt gedachte "Größe" zu kumulieren. Vereine sollen "Weltklubs" sein, Spieler im Idealfall "Weltkarrieren" machen: Fußball erscheint hier als bloße Maschine zum Anhäufen von Prestige, das man wie ein kulturelles Kapital anhäufen, pflegen und ausgeben kann und soll. Man geht davon aus, dass Spieler deswegen große Leistungen zeigen wollen, weil sie im Anschluss "groß tun" möchten - bei jeder Chance, die sich ihnen bietet.

Gerd Müller zeigte so ziemlich nichts von den beschriebenen Tendenzen. Und deswegen verehre ich ihn. Nicht, weil ich eine romantische gute alte Zeit verklären möchte, sondern weil Gerd Müller uns die Lektion darin gibt, dass Fußball im Kern einfach nur Fußball ist - und sonst nichts. Der Sinn des Fußballs wird in seinem möglichst exzellenten Vollzug erlebt und nicht darin, was bestimmte Ergebnisse bedeuten.

Uli Hoeneß sagte einmal, dass Gerd Müller während seiner Karriere höchstwahrscheinlich auch beim FC Bayern unterbezahlt war. Er hat sicherlich für damalige Verhältnisse nicht schlecht verdient, aber vermutlich wäre mehr für ihn drin gewesen, wenn er Verhandlungspraktiken anderer Spieler an den Tag gelegt hätte. Dieses Geschick hatte er aber wohl nicht. Und er brauchte es auch nicht. Gerd Müller war zufrieden. Er war Fußball und sonst nichts.

Dass der FC Bayern sich immer um ihn gekümmert und geholfen hat, ist hier das Mindeste. Denn - wie Paul Breitner einmal treffend sagte - haben seine Tore nicht nur dem FC Bayern den Erfolg geebnet, sondern auch seinen Mitspieler, die ihre Funktionärskarrieren einschlugen, erst auf das Tableu gehoben.

Es ist nicht undenkbar, dass Franz Beckenbauer ohne Gerd Müller als "unvollendeter Schönspieler" erinnert würde, Uli Hoeneß als Top-Talent, das früh Sportinvalide wurde, Paul Breitner heute nur noch Fußballhistorikern bekannt wäre und Rummenigges Weltkarriere schon im Keim erstickt wäre.

Gewiss, hier ist etwas Überzeichnung dabei - all diese Spieler hatten auch genug eigene Qualität, um nicht komplett zu scheitern. Aber derjenige, der ihre sportlichen Erfolge wie sie bestehen in maßgeblicher Form ermöglicht hat, war der öffentlichkeitsscheue Mann aus Nördlingen.
Und diese Erfolge waren schlussendlich auch die Eintrittskarten für ihre Karrieren nach "ihrer Karrieren".

Gerd Müller ist ohne Zweifel einer der größten Spieler aller Zeiten - nicht umsonst bedurfte es eines wahrhaft göttlichen Spielers in Gestalt von Messi, um seinen Weltrekord für die meisten Tore innerhalb eines Kalenderjahres zu übertreffen - übrigens hat La Pulga, für den übrigens gewisse Aspekte der fußballerischen Selbstbezüglichkeit auch zutreffen dem FC Bayern und Gerd Müller anlässlich dieser Tat ein signiertes Trikot gewidmet, das im FC Bayern-Museum ausgestellt wird.

Heben wir also unsere Gläser heute auf den einzigartigen Gerd Müller und halten inne anlässlich seiner furchtbaren Krankheit, die ihn langsam wegdämmern lässt. Ich hoffe inständig, dass er den Rest seinen Lebens ohne großes Leid verbringen wird.
Seine Leistungen werden von jedem aufrechten Fußball- und Bayernfan niemals vergessen werden - auch wenn er und sein Bewusstsein immer mehr ins Nichts zurückfallen.

https://www.youtube.com/watch?v=-sjVXqgXbhQ

Tolles Video des FC Bayern.

ø 6.2
KOMMENTARE
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bobby_fischer
03.11.2020 | 20:43 Uhr
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03.11.2020 | 20:43 Uhr
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Wie üblich handelt es sich hierbei um keinen Blog im eigentlichen Sinne, sondern um eine Sicherung meiner Überlegungen zu Gerd Müller, die ich anlässlich seines 75. Geburtstages im entsprechenden Kommentarbereich bei Spox angestellt habe.
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