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NFL

Die Rams nach der Entlassung von Todd Gurley: Titelfenster schon wieder zu?

Die Los Angeles Rams stehen womöglich vor einem kleinen Umbruch.

Vor zwei Jahren stürmte ein junges Rams-Team bis in den Super Bowl, wo erst eine herausragende Patriots-Defense Jared Goff und Sean McVay stoppen konnte. Mit der Entlassung von Todd Gurley ist eines der medialen Gesichter dieses Aufschwungs weg - und hinterlässt einen finanziellen Scherbenhaufen. Wie geht es jetzt weiter in L.A.? Ist das Titelfenster für die Rams schon wieder geschlossen?

Als die Los Angeles Rams vor zwei Jahren im Super Bowl kein Gegenmittel gegen Bill Belichicks herausragend eingestellte Patriots-Defense fanden, mangelte es nicht an Selbstkritik. Coach Sean McVay sprach davon, dass er "ausgecoacht" worden war, Quarterback Jared Goff sprach deutlich an, dass die Offense ihren Teil nicht beitragen konnte.

Wirklich düster wurde es aber, als sich Left Tackle Andrew Whitworth zu Wort meldete. "Ihr werdet jetzt von mir nicht hören, dass ich mich selbst bemitleide", machte der inzwischen 38-Jährige deutlich und fuhr fort: "Mir ist es völlig egal, ob man am Ende in die Hall of Fame kommt, ob man in den Pro Bowl kommt, oder ob man 20 Super Bowls gewinnt. Am Ende werden wir alle sterben."

Also, erklärte Whitworth weiter, "hat jeder die Möglichkeit, Football zu spielen. Wer man selbst ist, wie man sich verhält, ob man in Selbstmitleid badet - das sind die Dinge, die wichtig sind. Denn das sind die Dinge, an die sich die Leute erinnern werden."

Die vermeintlich rosigen Rams-Aussichten

Whitworth selbst war schon damals ein kritisches Puzzleteil, und wie auch in der laufenden Offseason stand ein Rücktritt im Raum, ehe er einen neuen Vertrag bei den Rams unterzeichnete. Auch das sorgte dafür, dass nach einem enttäuschenden Super Bowl, einer ansonsten aber spektakulären Saison, schnell wieder Optimismus einkehrte.

Sean McVay hatte sich unter ligaweiten Head Coachs nicht nur als offensives Mastermind, sondern auch als interner Kommunikator schnell nach ganz weit oben katapultiert. Die Rams hatten ihre Offensive Line repariert, sie hatten in Aaron Donald den besten Verteidiger der Liga in ihren Reihen, ein exzellentes Receiver-Trio und einen jungen Quarterback in Jared Goff, der, so hoffte man, den großen Schritt zum Franchise-Quarterback gemacht hatte.

Bis zu diesem Zeitpunkt aber war Gurley, wenngleich er die weniger wichtige Position spielt, stets das Aushängeschild gewesen. Der Spieler, der bei Werbekampagnen ganz oben auf der Wunschliste stand und der Fans anziehen sollte. Gurley war nach jener 2018er Saison bereits dreifacher Pro-Bowler, ein zweifacher First-Team-All-Pro, war 2015 als Offensive Rookie des Jahres und 2017 als Offensive Player of the Year ausgezeichnet worden.

Doch als die Rams nach der Super-Bowl-Niederlage ihre Wunden leckten, war das Ende von Gurleys Zeit bei den Rams bereits eingeläutet. Auch wenn sich alle Beteiligten dagegen sträubten.

Das Eagles-Spiel als Anfang vom Ende

60 Millionen Dollar über vier Jahre hatten die Rams Gurley im April 2018 zugesichert, 45 Millionen davon garantiert. Die Rams hätten Gurley noch ein Jahr unter seinem Rookie-Deal spielen lassen und dann die Fifth-Year-Option ziehen können, bevor sie ihn teuer bezahlen.

Gurley selbst hatte gesagt, dass er nicht in den Holdout gehen würde. Stattdessen leistete man sich einen sehr kostspieligen Fehler; von diesen vier Jahren würde er letztlich kein einziges in Los Angeles spielen; rückblickend betrachtet markierte der 16. Dezember 2018 den Anfang vom Ende.

An jenem 16. Dezember spielten die Rams gegen die Philadelphia Eagles. L.A. gewann mit 30:23, Gurley lief für zwei Touchdowns. Und verließ das Spiel mit einer Knieverletzung, oder zumindest einem linken Knie, das ihm Probleme bereitete.

Die noch ausstehenden beiden Regular-Season-Spiele verpasste Gurley. In den drei Playoff-Spielen inklusive Super Bowl hatte der als Ersatz verpflichtete C.J. Anderson 16 Runs mehr als Gurley (46:30), obwohl Gurley deutlich mehr Snaps spielte (120:93).

Der vermeintlich beste Running Back der Liga war ein Mittel zur Ablenkung geworden.

Gurley: Rams wollten den Schlussstrich

Gurley durchbrach nach jenem Eagles-Spiel noch genau einmal die 100-Rushing-Yard-Marke für die Rams, in der Divisional-Runde gegen Dallas (115 Yards). 2019 gelang ihm das Kunststück kein einziges Mal. Viel wurde, im Vorfeld des Super Bowls und dann in der Offseason vor der vergangenen Saison, darüber spekuliert, wie schwerwiegend Gurley Knieprobleme tatsächlich sind, wie viel schlimmer sie werden könnten, ob es ein chronisches Problem ist, ob Gurley nur noch reduziert - wenn überhaupt - eingesetzt werden kann.

Eine ausführliche Erklärung nach außen gab es nicht, die Rams zeigten aber überdeutlich, wie sie selbst die Lage einschätzten. Indem sie zunächst zwei Drittrunden-Picks investierten, um im vergangenen Draft Running Back Darrell Henderson auszuwählen - und indem sie, obwohl Henderson nicht die erhoffte sofortige Verstärkung war, Gurley in der gesamten Saison genau zwei Mal mehr als 20 Runs in einem Spiel gaben; gegen die Seahawks (23) sowie gegen Chicago (25).

Man musste kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass Gurley seinen Vierjahresvertrag bei den Rams nicht erfüllen würde. Dass Los Angeles bereit war, über 17 Millionen Dollar an Dead Cap zu schlucken, um den Running Back direkt loszuwerden, zeigt, wie sehr die Rams einen Schlussstrich unter diese Situation ziehen wollten. Dass sie nicht noch ein Jahr haben wollten, in dem Unklarheiten rund um Gurleys Gesundheitszustand in der Öffentlichkeit kursieren und in dem McVay Gurley irgendwo einsetzen muss, aber man sich selbst mit der Gesamtsituation einschränkt.

Lernen Teams aus der Gurley-Situation?

"Football ist ein Geschäft", hatte Gurley Anfang März im Gespräch mit The Athletic gesagt, "also ist alles möglich. Das muss man als Spieler verstehen und es nicht persönlich nehmen. Zu einem gewissen Grad nimmt man es natürlich persönlich, aber man muss dankbar für jede Gelegenheit sein. Es ist ein Klischee, aber man kann eben wirklich nur die Dinge kontrollieren, die man kontrollieren kann. Solange meine Mitspieler wissen, wer ich als Mensch bin, ist es mir egal, was andere denken."

Diese Einstellung ehrt Gurley, und doch wird sein Fall auch andere Spieler betreffen - andere Running Backs, um genau zu sein. Über die vergangenen zwölf Monate haben die Jets herausfinden müssen, dass Le'Veon Bell für viel Geld zu verpflichten die Offense nicht wirklich weiterbringt.

Die Cardinals haben David Johnson an die Texans abgegeben, der Holdout von Melvin Gordon bei den Chargers sorgte für dessen Wechsel nach Denver, die teure Vertragsverlängerung von Ezekiel Elliott schränkte die Cowboys ein und kostete sie gewissermaßen Nummer-1-Cornerback Byron Jones und Gurley setzt allem die Krone auf.

Es wird jetzt spannend sein zu sehen, ob Teams daraus lernen. Wie steht es um die neuen Verträge von Christian McCaffrey, Dalvin Cook, Saquon Barkley, Alvin Kamara und Co.? An welchem Punkt beginnen Teams in größerem Ausmaß damit, Running Backs nicht mehr zu bezahlen? Oder werden weiterhin GMs "ihren" Running Back als Einzelfall betrachten und ihn über die statistischen Erkenntnisse der letzten Jahre setzen?

Ist das Titelfenster der Rams noch offen?

Und dann ist da natürlich auch die Rams-Perspektive. L.A. hat den richtigen Weg gewählt, indem man an einem teuren Fehler nicht festgehalten und ihn somit noch maximiert hat. Doch den Fehler einzugestehen kommt umgekehrt mit dem hohen Dead Cap Hit, welchen die Rams zwar auf die nächsten beiden Jahre aufteilen, der sie dennoch insbesondere dieses Jahr in ihren Möglichkeiten einschränkt.

Diese eingeschränkten Möglichkeiten machten sich bereits schmerzhaft bemerkbar: Zusammen mit dem Rücktritt von Eric Weddle verloren die Rams durch die Free-Agency-Abgänge von Pass-Rusher Dante Fowler, Linebacker Cory Littleton, Defensive Tackle Michael Brockers und Slot-Cornerback Nickell Robey-Coleman, bei dem L.A. die Vertragsoption nicht zog, fünf Defensiv-Starter. Da auch Defensive Coordinator Wade Phillips vor die Tür gesetzt wurde, befindet sich die Defense in einem klaren Umbruch.

Die teuersten Rams-Cap-Hits 2020:

SpielerPositionCap Hit 2020
Jared GoffQuarterback36,04 Mio. Dollar
Aaron DonaldDefensive Tackle25 Mio. Dollar
Brandin CooksWide Receiver16,8 Mio. Dollar
Jalen RamseyCornerback13,7 Mio. Dollar
Todd GurleyRunning Back11,75 Mio. Dollar (Dead Cap)
Robert WoodsWide Receiver9,1 Mio. Dollar

Mit A'Shawn Robinson (für Brockers) und Leonard Floyd (für Fowler) haben die Rams zwar günstigere Alternativen gefunden - beide sind sportlich aber auch klare Downgrades.

Dazu kommen die noch immer vorhandenen Problemzonen in der Offensive Line: Zwar konnte L.A. Whitworth halten, doch der Rest der Line war im vergangenen Jahr über weite Strecken viel zu anfällig. Das wiederum limitierte die Offense insgesamt enorm und deckte schonungslos Schwächen bei Goff auf, die manch einer nach seiner starken, allerdings auch unter nahezu idealen Umständen gespielten 2018er Saison schon als überwunden abgehakt hatte.

Die Line könnte also selbst mit Whitworth zurück auch in der kommenden Spielzeit wacklig sein. Mit einer Defense im Umbruch, keinem Pick in der ersten Runde des Drafts und nach wie vor einigen Fragezeichen bezüglich der Qualitäten des eigenen - und inzwischen sehr teuren - Quarterbacks, erwartet die Rams in einer mutmaßlich extrem starken NFC West womöglich ein Übergangsjahr.

Die gute Nachricht? Nächstes Jahr wird man deutlich mehr Cap Space zur Verfügung haben, um die neuen Verträge für etwa Cooper Kupp und Jalen Ramsey einbauen zu können. Mit McVay haben die Rams einen sehr guten Head Coach, mit Aaron Donald den besten Verteidiger der Liga.

An diesen beiden Tatsachen hat sich im Vergleich zu 2018 nichts verändert. Doch alles andere - wie schnell sich das Titelfenster zumindest vorübergehend wieder geschlossen hat, wie schnell Gurley vom vermeintlichen Gesicht der Franchise zur finanziellen Bürde wurde - unterstreicht zwei Lektionen: In keinem anderen Sport donnern Titelfenster so schnell wieder zu wie in der NFL. Und GMs, die noch immer der Meinung sind, dass ein teurer Running-Back-Vertrag eine gute Idee ist, sollten die Beispiele dieser Offseason dringend studieren.

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