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Boxen

"Wurde nicht geboren, um normal zu sein": Wie Canelo Alvarez die Box-Welt spaltet

Von Max Schrader
Saul "Canelo" Alvarez will heute gegen Avni Yildirim seinen WBC- und WBA Titel im Supermittelgewicht verteidigen.

Kaum jemand spaltet die Box-Welt so wie Saul "Canelo" Alvarez. In der Nacht auf Sonntag wird er gegen Avni Yildirim seinen WBC- und WBA-Titel im Supermittelgewicht verteidigen (ab 1 Uhr live auf DAZN). Trotz seiner Erfolge wird Canelo von den einen vergöttert und von den anderen gehasst. Warum ist das so? Ein Rückblick.

Dass er sich im Leben durchsetzen muss, erfuhr Canelo bereits früh. Aufgrund seiner Haarfarbe wurde das jüngste von acht Kindern in seinen jungen Jahren oft schikaniert. "Jícama con Chile", nannten ihn seine Mitschüler wegen seiner roten Haare. Auf Deutsch: "Mexikanische Rübe mit Chiliflocken."

Dabei hatte es seine Mutter bei der Namensgebung doch eigentlich nur gut gemeint. In Mexiko wird rotes Haar oft mit den irischen Soldaten assoziiert, die während des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges für Mexiko kämpften. "Es könnte irgendwo in meiner Vergangenheit einen irischen Großvater gegeben haben", mutmaßt Alvarez deshalb gegenüber DAZN und SPOX.

Sein Vater musste viele Ideen haben, um die große Familie über die Runden zu bringen. Der kleine Saul wurde dementsprechend früh eingespannt. "Ich half meinem Vater bei der Herstellung von Eis am Stiel, um die Eisdiele zu beliefern. Ich bin auch mit dem LKW herumgefahren und habe das Eis verkauft", sagt er rückblickend.

"Mit sieben Jahren fing ich an, auf die LKWs zu steigen und das Eis zu verkaufen. Und das machte mich von klein auf zu einem verantwortungsvollen, hart arbeitenden Mann." Diese Zeit habe ihn geprägt, verriet er weiter. Alvarez sagt aber auch: "Ich wurde nicht in diese Welt geboren, um normal zu sein." Eine Aussage, die tief blicken lässt.

Canelos Anfänge: "Man bekam immer ein Unentschieden"

Bereits mit elf Jahren bereitete er sich in seiner Heimatstadt Jalisco auf einen Boxkampf vor. "Ich hatte etwa eine Woche lang mit meinem ältesten Bruder Rigoberto trainiert. Er brachte mich schließlich zu einem Amateurkampf. Wie immer in deinem ersten Kampf bekam ich ein Unentschieden. Ob du gewonnen oder verloren hattest, zählte dort nicht. Man bekam immer ein Unentschieden, damit nicht der Wille, weiter zu trainieren, verloren ging", berichtet er.

Sein Profidebüt absolvierte er schließlich 2005 mit erst 15 Jahren. Für seinen Sieg, einen Knockout in der vierten und letzten Runde, bekam er gerade einmal 800 Pesos (rund 30 Euro). Die Hälfte seines Preisgelds musste er aber gleich wieder abgeben, weil seine große Familie zugucken wollte. "So war das halt, ich habe eben eine sehr große Familie", scherzt Canelo.

Die so ruhmreiche Karriere wäre allerdings in der Folge um ein Haar vielleicht gar nicht so zustande gekommen. Bei seinem fünften Kampf erreichte Canelo ein höchst umstrittenes Unentschieden. Gegen den Mexikaner Jorge Juarez war er deutlich unterlegen, dennoch wertete ein Punktrichter den Kampf mit 39-37 für ihn und verhinderte somit die Niederlage.

Canelo mag es schnell und teuer

Kaum auszumalen, was mit Canelo passiert wäre, hätte der Punktrichter anders entschieden. Da Alvarez weiterhin ungeschlagen war, schlugen sich die Promoter nur so um ihn. In den kommenden vier Jahren, bis er seinen ersten größeren Titel (WBC Silver im Mittelgewicht) gewann, absolvierte er 30 Kämpfe.

Mit den Erfolgen stiegen auch seine Erlöse. Der kleine Mexikaner konnte sich vor den Anfragen kaum noch retten. Ob für Kleidung, Bier oder Cognac: Canelo lief im mexikanischen Fernsehen rauf und runter. Daran änderte auch seine Niederlage 2013 gegen Floyd Mayweather Jr. nichts. Damals verlor er zwar den WBA- und WBC-Gürtel, da er für den Kampf aber 12 Millionen Dollar erhielt, ließ sich die Niederlage doch gut verkraften. Abseits des Rings zählt für Canelo ohnehin nur das Motto: Je teurer, desto besser.

Alleine ein Teil seines Fuhrparks ist knapp sieben Millionen Dollar schwer. Ob Mercedes SLS AMG Black Series, Lamborghini Aventador, McLaren P1, Rolls Royce Ghost oder Ferrari Testarossa: Canelo besitzt fast alles, was schnell und teuer ist. Auch zahlreiche Frauengeschichten hielten den Celebrity-Faktor hoch. "Es gab einige starke Runden und ja, es gab manchmal K.o.-Runden", versuchte er sich einst darin, seine Bettgeschichten zu beschreiben.

Canelo Alvarez und seine fragwürdigen Methoden

Obwohl Canelo als einer der besten Boxer der Geschichte gilt, sind seine Methoden abseits des Rings zumindest zweifelhaft. So zwang er beispielsweise Daniel Jacobs am Morgen des Kampftages zu einem weiteren Wiegen. Bei IBF-Kämpfen ist diese Praxis Pflicht, bei Vereinigungskämpfen aber eigentlich abgeschafft.

Canelo ließ aber dennoch ein weiteres Wiegen vertraglich verankern. Der Benachteiligte hierbei war sein Gegner Jacobs, der ihm normalerweise physisch überlegen gewesen wäre. Nach dem Wiegen hätte er jedoch jede Minute zur Rehydration gut gebrauchen können.

Irgendwann hatte sich der Mexikaner, auch dank Manager Eddie Hearn, so eine Stellung in der Box-Welt erarbeitet, dass er die Rahmenbedingungen zu seinen Gunsten gestalten konnte. So nahm er schon mehrmals das Recht hinaus, dem Gegner ein sogenanntes "catchweight" (ein Gewichtslimit zwischen den regulären Gewichtsklassen, Anm. d. Red.) aufzudrücken. In den sozialen Medien wurde daher gerne vom "Canelo weight" gesprochen. Wie so oft im Boxgeschäft entscheidet letztlich das meiste Geld.

Canelos Ziel: undisputed Champion

Über Canelo schwebt aber auch immer noch ein Dopingskandal. 2018 wurde er auf die verbotene Substanz Clenbuterol getestet. Schon damals zeigte sich die Spaltung zwischen seinen Anhängern, die ihn dennoch verehrten, und denjenigen, für die er ein entlarvter Betrüger war. Zurückgeführt wurde der positive Test auf kontaminiertes Rindfleisch. Mithilfe einer eher zweifelhaften Haarprobe, die negativ ausfiel, säuberte er seine Akten. Die Nevada State Athletic Commission sperrte ihn in der Folge für lediglich sechs Monate.

Auch in boxerischer Hinsicht gab es lange Zeit viel Kritik an seiner Person. Lange wurde er immer wieder als Blender bezeichnet, da er nur gegen mittelmäßige Boxer kämpfte oder ihm die Punktrichter wohlgesonnen waren. Mit der Zeit schaffte er es hier aber, seine Kritiker eines Besseren zu belehren.

Canelo hat in seiner Zeit fast schon alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Doch ein neues Ziel hat er bereits ins Auge gefasst: undisputed Champion im Supermittelgewicht zu werden. Nach der Pflichtverteidigung gegen Yildirim sollen Kämpfe gegen WBO-Titelträger Billy Joe Saunders und IBF-Weltmeister Caleb Plant folgen. "Ich weiß, dass es für mich keine Grenzen gibt und dass noch viele Meilensteine zu erreichen sind", sagt Alvarez angesprochen auf einen möglichen Titel als Superchampion.

Boxen: Canelo Alvarez vs. Avni Yildirim im Vergleich

Saul AlvarezAvni Yildirim
SpitznameCaneloMr Robot
Alter30 Jahre29 Jahre
Größe1,73 Meter1,82 Meter
Reichweite1,79 Meter1,78 Meter
AuslegungRechtshänderRechtshänder
Bilanz54-1-221-2-0
K.o.-Quote66 Prozent57 Prozent
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