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Fussball

Wegen Videos verpflichtet und dann keine Minute für die Roma gespielt: Das türkische Supertalent, das mit 26 seine Karriere beendete

Von Gabriele Conflitti / Stanislav Schupp
Nesat Gülünoglu spielte trotz seines großen Talents nie für die Roma.

Cafu, Hidetoshi Nakata, Vincenzo Montella oder die spätere Vereinslegende Francesco Totti: Der Kader der AS Roma in der Saison 1999/2000 hatte von den Namen her einiges zu bieten. Inmitten der Startruppe tummelte sich auch ein für die meisten unbekannter Name. Ein vielversprechendes Talent aus dem deutschen Herne, das vom VfL Bochum den Weg in die Ewige Stadt gefunden hatte: Nesat Gülünoglu. Doch wie kam es zu diesem überraschenden Transfer? Die Geschichte von Gülünoglu ist gleichermaßen kurios wie traurig.

Seine ersten fußballerischen Gehversuche machte der Sohn türkischer Einwanderer aus Zonguldak, knapp drei Autostunden von Ankara entfernt, in der Jugend des VfL.

Unter Trainer Klaus Toppmöller feierte Gülünoglu im März 1997 gegen den Karlsruher SC mit 18 Jahren sein Bundesligadebüt. Der offensive Mittelfeldspieler schien in den elf Minuten Spielzeit überzeugt zu haben, denn nur fünf Tage später stand er gegen Werder Bremen direkt in der Startelf. Gülünoglu spielte stark auf, traf beim 3:2-Sieg zum zwischenzeitlichen 2:1 und wurde in der 60. Minute unter Standing Ovations ausgewechselt. Bochum hatte ein neues Juwel in seinen Reihen.

Doch bereits in seiner zweiten Profispielzeit begannen für Gülünoglu die ersten Schwierigkeiten. Die Einsatzzeiten schwankten, die Verpflichtung seines ebenfalls in Herne geborenen Landsmannes Yildiray Bastürk erschwerte es ihm, in den Kader zu kommen.

Aber zu diesem Zeitpunkt hatte Gülünoglu bereits über die Landesgrenzen hinaus Eindruck hinterlassen.

Der damalige Roma-Präsident Franco Sensi wurde auf Gülünoglu aufmerksam. Zu einer Zeit, in der an Datenbanken und Scoutingsysteme, wie es sie heute gibt, noch gar nicht zu denken war, überzeugte sich Sensi von Gülünoglus Fähigkeiten ganz klassisch anhand von Videoaufnahmen.

Und so ging es für Gülünoglu im Sommer 1999 mit der Empfehlung von 42 Pflichtspielen (vier Tore, drei Assists) nach Rom. Dort unterschrieb er einen Vierjahresvertrag und wurde gemeinsam mit Alessandro Rinaldi auf der berühmten Piazza Colonna vor zahlreichen Anhängern als Neuverpflichtung vorgestellt.

Gülünoglu und die Roma: Eine vorbelastete Beziehung

Gülünoglu und die Roma, es war eine Beziehung, die nur rund ein halbes Jahr andauerte und die von Anfang an etwas vorbelastet war. Präsidenten hatten anno dazumal das letzte Wort in Sachen Transfers, ob das Trainerteam und alle anderen Beteiligten nun damit zufrieden waren oder nicht.

Die Causa Gülünoglu sorgte beim italienischen Erstligisten folglich für Zündstoff, genauer gesagt mit Trainer Zdenek Zeman. Dieser musste im Sommer 1999 ohnehin seinen Posten räumen und wurde durch Fabio Capello ersetzt. Für Gülünoglu eine entscheidende Personalie. Unter Capello fand der junge Deutsch-Türke keine Berücksichtigung. Lediglich in zwei Testspielen im Rahmen der Sommervorbereitung durfte er ran.

Gülünoglus Zeit in Rom war vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte, und auch ein Ausweg ließ sich nicht finden. Ein Leihgeschäft zu Lugano scheiterte, Gülünoglu blieb letztlich gegen seinen Willen bei der AS, verpasste in der Folge bewusst Trainingseinheiten, worunter vor allem sein Fitnesszustand litt.

Gülünoglus Aus in Rom und die lange Wanderung: "Habe zu viel von mir selbst verlangt"

Im Dezember 1999 beendte Rom das Missverständnis und löste Gülünoglus Vertrag auf - ohne dass er eine einzige Pflichtspielminute für die Giallorossi absolviert hatte. Dennoch hielt er 15 Jahre lang einen Vereinsrekord: Bis zum Wechsel von Salih Ucan nach Rom im Sommer 2014 war Gülünoglu der erste und einzige türkische Spieler in der Geschichte des Klubs.

"Leider hat alles nicht so geklappt, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich hatte damals einfach zu hohe Ambitionen und von mir selbst zu viel verlangt. Ob ich lieber in Bochum geblieben wäre, statt nach Rom zu gehen, weiß ich nicht. Nachher ist man immer schlauer", sagte Gülünoglu später bei Fussball.de.

Ein richtiges Bewerbungsschreiben für andere Klubs hatte der Ex-Bochumer aufgrund fehlender Trainings- und Spielpraxis der vergangenen Monate nicht vorzuweisen. So waren in der Folge nur Mannschaften aus den unteren Ligen Deutschlands eine Option.

Gülünoglu mutierte zu einer Art Wandervogel. Erst zog es ihn zu den Sportfreunden Siegen, später zu Waldhof Mannheim, ehe er nach den jeweils halbjährigen Aufenthalten im Januar 2001 in den Ruhrpott zurückkehrte, zu Westfalia Herne. Gülünoglu spielte später in der Türkei bei Kocaelispor, dann wieder in Deutschland bei Yurdumspor Köln, dem SSV Hagen und schließlich bei TSK Herne in der Oberliga.

"Hatte richtige Depressionen"

2005, mit nur 26 Jahren, folgte dann das Karriereende. Gülünoglu verschwand von der Fußball-Bildfläche. "Ich hatte keine Lust mehr auf Fußball und richtige Depressionen. Deswegen bin schon mit 26 Jahren Rentner geworden", erklärte er rückblickend.

Heute ist Gülünoglu 42 Jahre alt, lebt in Herne und ist Frührentner.

 

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