Fussball

Roman Neustädter im Interview: "Auf Schalke wird alles vergessen, was man für den Verein geleistet hat"

Von Michael Reis
Roman Neustädter hat von 2012 bis 2016 auf Schalke gespielt.

Roman Neustädter (32) war deutscher Nationalspieler und absolvierte für Schalke und Gladbach 181 Spiele in der Bundesliga. Nach drei Jahren im Trikot von Fenerbahce in Istanbul sucht er jetzt sein Glück bei Dynamo Moskau in Russland, für das er auch in Länderspielen aufläuft.

Mit SPOX und Goal spricht er über das Fußballgeschäft vor und nach Corona, die Magie von Jürgen Klopp und wieso ein anderer Trainer ihn noch mehr geprägt hat.

Herr Neustädter, auch in Russland ist wegen der Corona-Pandemie an Spiele gerade nicht zu denken. Stimmt es, dass Sie aktuell der Mitbewohner von Maximilian Philipp sind?

Roman Neustädter; Ja, das stimmt. Aber Milli ist seit ein paar Tagen wieder in Deutschland und ich wohne jetzt gerade als Single bei ihm.

Als Single? Wo sind Ihre Frau und Ihr Sohn?

Neustädter: Die sind in Istanbul und ich vermisse Sie sehr. Sie dürfen aktuell leider nicht einreisen und ich kann auch nicht in die Türkei fliegen. Bei uns läuft deshalb fast den ganzen Tag Face-Time, damit wir uns sehen können. Wenn mein Sohn nach mir ruft, kommen mir fast immer die Tränen.

Warum ist Ihre Familie nicht gleich mit nach Russland gekommen?

Neustädter: Ich bin erst spät im August nach Moskau gewechselt und habe auch nur einen Einjahresvertrag. Da in Russland die Winterpause früh im Dezember anfängt und fast vier Monate geht, wollten wir unseren Kleinen nicht aus seiner gewohnten Umgebung ziehen. Deshalb bin ich alleine auf das Trainingsgelände gezogen, weil ich erst einmal nichts eigenes mieten wollte. Und ich habe mich da wirklich wohl gefühlt, da bekommt man richtig leckeres Essen und die großen Zimmer bieten auch alles, was ich brauche.

Und warum sind Sie dann in die Wohngemeinschaft gezogen?

Neustädter: Mit dem Lock-Down wurde auch das Trainingsgelände geschlossen. Und da habe ich Milli gefragt, ob ich für eine gewisse Zeit bei ihm einziehen darf. Er hat keine Sekunde gezögert, weil er sich auch gefreut hat, dass jemand bei ihm ist, der die Sprache kann.

Wie klappte es mit der Aufgabenverteilung?

Neustädter: Ich bin mehr der Hausmann. (lacht) Aber ich habe auch schon mehr Lebenserfahrung durch meine Familie. Ich habe mich in der Küche ums Essen gekümmert, wir haben zusammen trainiert und dann auch gern Playstation zusammen gespielt.

Wie haben Sie die Verpflichtung von Maximilian Philipp aufgenommen?

Neustädter: Zuerst dachte ich, dass so ein super Spieler doch zu einem Verein in eine der ausländischen Top-Ligen wechseln müsste. Aber ich kenne das Konzept von Dynamo, das mich auch überzeugt hat. Der Verein will wieder nach oben, aber das mit einem klaren Plan und intelligenten Investitionen. Da war dieser Transfer für mich eine Bestätigung, dass der Klub es ernst meint.

Roman Neustädter: "Maxi Philipp war am Boden zerstört"

Der Start in Moskau war für Ihren WG-Kollegen war aber eher holprig.

Neustädter: Ja, Milli war wirklich richtig am Boden zerstört, weil er zu Beginn stark kritisiert und schon als Fehleinkauf abgestempelt wurde. Die Erwartungshaltung war extrem, was bei 20 Millionen Euro Ablösesumme normal ist. Aber zusammen mit Koka (Konstantin Rausch, Anm. d. Red.) habe ich ihn in vielen Gesprächen aufgemuntert und ihm gesagt, dass er in einem neuen Land Geduld haben müsste, es sich aber alles zum Guten wenden würde. Und gucken Sie sich seine Statistik nun an: er ist einer unserer besten Spieler (Philipp erzielte sieben Tore in 14 Spielen der Premier Liga, die Red.). Bevor die Sperre losging, saßen wir nach dem Training zu Dritt beim Essen zusammen und haben einfach darüber gelacht, dass alles so gelaufen ist, wie ich es für ihn prophezeit hatte.

Welche Auswirkungen wird die Coronakrise insgesamt auf den Fußball haben?

Neustädter: Ich glaube, dass es diese hohen Ablösesummen und diese Mega-Verträge nicht mehr geben wird. Das war total aus dem Ruder gelaufen. Solche Verträge haben wenn überhaupt nur ganz wenige Spieler verdient. Cristiano Ronaldo zum Beispiel. Der spielt das aber auch wieder ein. Der Börsenkurs und die Marketingeinnahmen von Juventus Turin sind in die Höhe geschossen. Das zeigt uns auch, dass im Fußball so viele andere Sachen viel wichtiger geworden sind und wir den Fokus auf das Wesentliche ein Stück weit verloren haben.

Haben die Spieler wie Jadon Sancho von Borussia Dortmund, die sich in jungen Jahren auf Instagram und Co. mit goldenen Steaks oder Privatjet zeigen, eine Mitschuld daran?

Neustädter: Das kann sehr gut sein. Es ist für solche jungen Spieler aber schwierig. Wer aus dem Freundeskreis soll einem denn Einhalt gebieten? Man wird darauf auch nicht vorbereitet, dass man von jetzt auf gleich einen Millionenvertrag unterschreibt und so viel Geld zur Verfügung hat. Sancho muss man zugute halten, dass er immer seine Leistung bringt. Seine Scorerpunkte sind beeindruckend. Und solange jemand permanent seine Leistung abruft, soll er mit seinem Geld auch machen, was er möchte. Das ist zumindest meine Meinung.

Dennoch: Hat sich die junge Spielergeneration verändert?

Neustädter: Ja, weil die Verträge schon früh sehr hoch dotiert sind. Viele junge Spieler sind aktuell nicht gut beraten, weil einfach zu viel Geld verdient werden kann. Deshalb habe ich nicht verstanden, warum ein Spieler eines Kalibers wie Max Meyer zu Crystal Palace wechselt. Klar, das ist die Premier League. Aber es war doch abzusehen, dass dieser Verein so schnell nicht europäisch spielen würde. Wir müssen einfach erkennen, dass höher, schneller, weiter, mit immer mehr Produktivität und Ertrag, einfach irgendwann nicht mehr geht. Wieso führt man keinen Salary Cap wie in den USA ein?

Roman Neustädter: "Steve Nash hat uns total sympathisch begrüßt"

Joshua Kimmich und Ihr Ex-Mitspieler Leon Goretzka haben die Aktion "WeKickCorona" ins Leben gerufen. Was halten Sie davon?

Neustädter: Davor ziehe ich meine Hut, das ist eine super Aktion und sie kommt sicherlich vom Herzen. Ich hoffe sehr, dass dieses Engagement auch nach der Pandemie gewürdigt wird und die Menschen dann nicht wieder nur den Fußballer sehen und sie als "Scheiß-Millionär" bepöbeln, wenn die Leistung mal nicht stimmt.

Sollten Ihre Teamkollegen und Sie schon auf Gehalt verzichten?

Neustädter: Wir sollen auf 40 Prozent unseres Gehalts verzichten, bis das Training wieder aufgenommen wird. Ich kann das verstehen, obwohl ich 40 Prozent sehr hoch finde. Aber wir müssen in dieser Zeit alle zurückstecken und es hilft ja unserem Verein. Wir wissen alle noch nicht, welche Vereine durch diese Krise in die Insolvenz gehen.

Sie selbst helfen Kindern in Indien. Wie kam es zu diesem Engagement?

Neustädter: Ich war bei Manuel Friedrich in Mumbai, als er in der indischen Liga aktiv war. Meine Frau und mich hat die Armut der Kinder in den Slums sehr betroffen gemacht. Aber gleichzeitig hat uns die Herzlichkeit dieser Menschen auch gezeigt, dass sich Glück nicht an Reichtum bemessen lässt. Über Manuel haben wir die Macher vom Verein Anstrengung United kennengelernt. Und seitdem planen wir jeden Sommer eine Woche in unserem Urlaub für einen Besuch in Indien ein und unterstützen das Projekt auch finanziell.

Sie reisen generell sehr gern. Welche kuriosen Situationen haben Sie erlebt?

Neustädter: 2014 waren wir in New York unterwegs, als mich mein Freund anrief und fragte, ob ich nicht Zeit hätte, an einem Benefizspiel vom NBA-Profi Steve Nash mitzumachen. Die bräuchten noch genau einen Spieler. Meine Frau und ich glaubten erst an einen Witz. Am Treffpunkt angekommen war es dann der Wahnsinn. Da hat uns Nash total sympathisch begrüßt. Italiens Legende Alessandro del Piero war unter anderem auch dabei. Ich habe sogar ein Tor geschossen. Bei der Party danach habe ich Tony Jantschke (Borussia Mönchengladbach, Anm.d.Red.) mitgenommen. Er ist absoluter Nash-Fan und konnte sein Glück kaum fassen. Erst recht nicht, als wir auch noch mit Del Piero am Tisch saßen. Das war echt der Hammer.

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