Fussball

Sportökonom Daniel Weimar im Interview: "Der erste, der spart, wird voraussichtlich absteigen"

Insolvenzen im Profifußball: Viele Klubs sind gefährdet.

Sportökonom Daniel Weimar glaubt nicht, dass die Fußballklubs nach der Coronakrise freiwillig vernünftiger wirtschaften werden - der Reiz, zu viel auszugeben, liege im Sportsystem begründet. Auch Gehaltsobergrenzen sieht er nicht. Was dennoch Maßnahmen für ein gesünderes wirtschaftliches Handeln sein könnten - und wieso die Coronakrise eine Chance sein könnte, erklärt er im Interview mit SPOX und Goal.

Daniel Weimar ist Sport- und Medienökonom, arbeitet am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität Duisburg-Essen und forscht unter anderem über Insolvenzen im Fußballgeschäft. 2019 veröffentlichte er etwa zusammen mit Mike Szymanski von der University of Michigan die Studie "Insolvencies in Professional Football: A German Sonderweg?"

Dr. Weimar, wenige Wochen Lockdown haben gereicht, dass zahlreichen Fußballklubs das Wasser finanziell bis zum Hals steht. Nun rufen sogar hochrangige Funktionäre zur finanziellen Mäßigung auf, DFL-Chef Christian Seifert oder Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge haben eine Gehaltsobergrenze ins Spiel gebracht. Könnte da gerade wirklich ein Umdenken stattfinden?

Daniel Weimar: Dass jetzt alle ihr Verhalten ändern, und Überinvestitionen vermeiden würden oder dass Klubs in Notlagen den Abstieg in die vierte oder fünfte Liga akzeptieren: Das wird nicht passieren. Dafür ist der Anreiz des Sportwettkampfes zu groß.

Der Hang zur Überschuldung ist also im Sport systemimmanent?

Weimar: Der Sport ist ein hochemotionaler Markt. Das oberste Ziel für jeden Klub in einem Ligensystem ist zunächst, nicht abzusteigen. Darum werden alle Klubs alles dafür tun, um den Abstieg zu verhindern und somit nicht aus dem Markt ausgeschlossen zu werden. Solange man noch die Hoffnung hat, den Abstieg verhindern zu können, nimmt man jeden Euro, den man noch hat und vielleicht auch jeden Euro, den man schon nicht mehr hat, in die Hand und verschuldet sich. Weil die Konkurrenten ja genau dasselbe tun. Das ist der relative Wettbewerb, den es so nur im Sport gibt. Jeder versucht, den Abstieg zu verhindern. Doch strukturell gesehen steigt mindestens einer immer ab! Und da geht das Rattenrennen schon los.

Weimar: "Klubs müssten sich von diesem Fahrstuhldenken entfernen"

Die Klubs verschulden sich.

Weimar: Der Aufstieg ist immer teurer als der Klassenerhalt. Der erste, der spart, wird voraussichtlich absteigen. Also wird er nicht sparen. Und wer trotzdem abgestiegen ist, versucht in der Regel alles, um wieder hochzukommen und verschuldet sich oft nur noch mehr. Die Klubs müssten sich erst mal von diesem Fahrstuhldenken befreien, bräuchten eine gewisse Demut, den Abstieg zu akzeptieren und sich in der neuen Liga einzurichten. Doch dann dürfte ein Abstieg auch von Fanseite nicht so kritisch gesehen werden. Schon im untersten Amateurbereich werden in den zweiten Mannschaften in der Saisonschlussphase so viele Spieler wie möglich aus der ersten Mannschaft eingesetzt, nur, um den sportlichen Wettkampf nicht zu verlieren und nicht abzusteigen. Dieses Verhalten ist im Sport inhärent. Darum ist es utopisch, auf ein Umdenken oder eine finanzielle Mäßigung zu hoffen. Sobald der erste Klub ausscheren würde, wäre das wieder vorbei, würde das Rattenrennen wieder losgehen.

Was wäre mit Regulierungsinstrumenten wie Gehaltsobergenzen?

Weimar: Ein Salary Cap ist arbeitsrechtlich nicht möglich. Die Klubs sind selbstständige Unternehmen - das ist auch der Unterschied zum nordamerikanischen System mit den Franchises als eine Art Konzern. Deswegen kann in den nordamerikanischen Profiligen ein Spieler innerhalb kurzer Zeit vom Standort Chicago zum Standort New York transferiert werden.

Weimar: "... dann wird China noch mehr Spieler anziehen"

Könnte ein Tarifvertrag zwischen Klubs und Spielern nicht eine Gehaltsobergrenze regeln?

Weimar: Rechtlich schwierig. Und es bliebe immer das internationale Problem. Selbst wenn der DFB in Deutschland irgendwie ein Gentlemen's Agreement hinkriegen würde und sich die Klubs mit ihren Spielern auf eine Gehaltsobergrenze einigen, würde sich das Problem verlagern. Wenn Deutschland ein Salary Cap hätte und beispielsweise Spanien und Italien nicht, dann wären alle Spieler, die momentan in Deutschland mehr verdienen als die künftige Gehaltsobergrenze, schnell weg. Dann hätte die Bundesliga nur noch Drittliganiveau. Selbst wenn UEFA-weit eine Einigung besteht, wird China noch mehr Spieler anziehen.

Seifert will die EU ins Boot holen und glaubt, dass dann auch UEFA-Chef Alexander Ceferin zustimmen würde.
Weimar:
Dass alle Mitgliedsverbände der UEFA ein Agreement schaffen, das irgendwie, warum und wie auch immer kompatibel wäre mit EU-Recht und lokalen und nationalen arbeitsrechtlichen und kartellrechtlichen Bestimmungen? Letztlich würde ein Salary Cap ja auch eine Absprache bedeuten, was rechtlich schwierig ist. Ich sehe da ganz hohe Hürden. Rechtlich, aber auch aus Wettbewerbssicht.

Man kann also nichts machen?

Weimar: Ein Instrument, um das Rattenrennen einzudämpfen und in der Hand der Verbände liegen würde, wäre z.B. der Verzicht auf absolute Auf- und Abstiegsgrenzen.

Das heißt?

Weimar: Wenn nicht der Letzte, Vorletzte und Drittletzte automatisch absteigen würde, sondern beispielsweise die Klubs, die weniger als 30 Punkte haben. Das würde den Druck etwas herausnehmen und dazu führen, dass Klubs sich entsprechend positionieren und nicht überinvestieren würden. Weil sie frühzeitig absehen könnten, dass sie die Punktzahl erreichen - oder eben nicht. Dann würde der relative Wettbewerb wegfallen. Eine andere Möglichkeit wäre, das Transferfenster im Winter zu schließen. Auch die Abschaffung des Wintertransferfensters könnte eventuell das Rattenrennen verlangsamen.

Für Klubs aus unteren Ligen wäre der Aufstieg dann aber überhaupt nicht mehr planbar.

Weimar: Ich habe nicht gesagt, dass dies eine optimale Lösung wäre. Aber es wäre eine Reform, die der DFB durchführen und im Sportrecht durchgesetzt werden könnte. Solche Regelungen scheinen viel einfacher durchsetzbar als Gehaltsobergrenzen. Man könnte auch, um Klubs in den dritten und vierten Ligen zu helfen, die TV-Einnahmen deutlich mehr nach unten verteilen. Dann wäre der Reiz, den Abstieg unbedingt vermeiden zu wollen und die Bereitschaft zur Überschuldung etwas geringer.

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