Kritik am IOC-Gigantismus wächst

Ein Motto und seine Folgen

Von Tim Noller
Dienstag, 04.02.2014 | 22:05 Uhr
Das IOC sieht sich zunehmender internationaler Kritik an den Olympischen Spielen ausgesetzt
© getty
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Höher, schneller, weiter - das Olympische Motto entwickelt sich für das IOC allmählich zum Fluch. Die Werte des Sports geraten in den Hintergrund und Menschen weltweit entfernen sich von der Olympischen Idee. Gelingt es Präsident Thomas Bach nicht, dem Gigantismus Einhalt zu gebieten, droht der traditionsreichen Bewegung der Verfall.

"In freiheitlichen Gesellschaften hat die Olympische Idee offensichtlich ein Problem, noch Anklang zu finden. Es zeigt: Kommerz und Korruption, Intransparenz, Prunksucht und die Nähe zu fragwürdigen Mächten haben der Organisation eine Krise beschert, die tief reicht."

Die Enttäuschung über den verlorenen Bürgerentscheid saß bei den Befürwortern der Olympischen Spiele 2022 in München tief. Christian Neureuthers vernichtendes Urteil über das Internationale Olympische Komitee (IOC) reihte sich in zahlreiche kritische Stimmen ehemaliger und aktiver Sportler ein, die den Grund für das deutliche Scheitern im zweifelhaften Image der weltweit höchsten Sportorganisation suchten.

Vier bayrische Landkreise wurden befragt, vier votierten gegen eine erneute Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele. Dieses deutliche Zeichen der Menschen sollte auch den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach zum Nachdenken bewegen. Denn München ist kein Einzelfall.

Skepsis am Mega-Event wächst

Der Missmut ob der gigantischen Auswüchse des IOC wächst rund um den Globus. Unruhen in Brasilien, Russland und auch das Nein des Schweizer Kantons Graubünden gegen die Bewerbung von St. Moritz verdeutlichen die zunehmende Skepsis am Mega-Event, die erstmals im Zuge der Bewerbung Torontos für die Sommerspiele 1996 mit der Kampagne "bread not circuses" öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck gebracht wurde.

Im Mittelpunkt des Zorns: nicht nur die gigantischen Steuerausgaben für die Ausrichtung der Olympischen Spiele, sondern auch die immensen Kosten einer Bewerbung, die sich im Fall München 2018 auf rund 33 Millionen Euro beliefen. Ergänzt wird die Kritik neuerdings von Umweltbedenken, die in den Infrastrukturmaßnahmen für das Sportspektakel schädliche Eingriffe in das Ökosystem der Region sehen.

Nicht unbegründet verweisen viele Kritiker auf die Olympische Charta, eine Art Verfassung des IOC, in der die Prinzipien des Olympismus, aber auch konkret die Rolle und Ziele der Sportorganisation beschrieben sind. Dort heißt es, die Rolle des IOC bestehe darin, "gegen jeden politischen oder kommerziellen Missbrauch des Sports und der Athleten vorzugehen" sowie "einen verantwortungsvollen Umgang mit Umweltbelangen zu stärken und zu unterstützen [...] und sicherzustellen, dass die Olympischen Spiele diesen Grundsätzen entsprechend veranstaltet werden."

Pierre de Coubertin als Wegbereiter

Die Grundgedanken dieser Charta bauen auf den Überlegungen und Überzeugungen Pierre de Coubertins auf, der als Wegbereiter der Olympischen Bewegung der Neuzeit gilt. Der französische Pädagoge erkannte im Sport eine erzieherische Funktion, die den Menschen "in der Einheit von Körper, Geist und Wille" formen sollte.

Durch die Einführung der Olympischen Spiele der Neuzeit, die 1896 erstmals in Athen ausgetragen wurden, verfolgte er das Ziel, auf individueller Ebene den Charakter, die Fairness und die Moral zu stärken, aber auch durch das Kennenlernen anderer Nationen den Frieden in der Welt zu fördern.

Aus der heutigen Perspektive scheinen diese Ideale des Olympismus überholt, angesichts der gigantischen Auswüchse der Olympischen Spiele werden sie an den Rand gedrängt und spielen allenfalls noch eine untergeordnete Rolle im großen Zirkus Olympia.

Eine Entwicklung, die Coubertin wohl zwiespältig gesehen hätte. "Er wäre sicherlich stolz darauf, welchen Einfluss die Spiele haben und wie weit die Olympische Idee mittlerweile verbreitet ist. 204 nationale Olympische Komitees hätten seiner Grundidee des Internationalismus durchaus entsprochen. Auf der anderen Seite wären die Größe und die Kosten überhaupt nicht in seinem Sinne", meint Jörg Krieger, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Sportgeschichte in Köln.

Coubertin habe sich schon nach den Olympischen Spielen 1908 in London dafür eingesetzt, auf temporäre Sportstätten zurückzugreifen, anstatt neue Wettkampfstätten mit hohem finanziellem Aufwand aus dem Boden zu stampfen.

Samaranch "rettet" die Spiele

Einen erzieherischen Gedanken hinter den Spielen erkennen angesichts der Korruptions- und Dopingproblematik wohl nur noch die wenigsten Beobachter. Es muss also die Frage gestellt werden: Wie kam es zu dieser Entwicklung? Wodurch gerieten die Prinzipien und Werte des Olympismus immer mehr in den Hintergrund, während die kommerzielle Verwertung des Events unaufhaltsam weiterzugehen scheint?

Bei der Beantwortung dieser Frage kommt man an Juan Antonio Samaranch nicht vorbei, der zwischen 1980 und 2001 dem IOC als Präsident vorstand und dessen Rolle vom "Spiegel" einst passend mit der Schlagzeile "Olympias Retter, Olympias Verräter?" beschrieben wurde.

Die Olympische Bewegung befand sich bei seinem Amtsantritt in einer tiefen Krise, politische Boykotte und finanzielle Probleme überschatteten die Spiele und den Sport. Diskussionen über die Zukunftsfähigkeit des IOC prägten die öffentliche Debatte.

Montreal als Alarmsignal

Der Spanier forcierte die Kommerzialisierung der Olympischen Spiele. Eine Hinwendung zum Professionalismus schien unausweichlich, um die größte Sportveranstaltung der Welt zu retten und zukunftsfähig zu machen. Schon die Kosten für die Spiele 1984 in Los Angeles wurden größtenteils von privaten Unternehmen gedeckt, die durch Gewinnbeteiligungen angelockt wurden.

Dies verhinderte ein erneutes finanzielles Desaster, wie es die Stadt Montreal rund um die Spiele 1976 erlebt hatte. 30 Jahre benötigte die kanadische Stadt, um die Schulden durch die überbordenden Kosten abzuzahlen.

Dieses Schreckensszenario sollte unter Samaranch ein Ende haben. Die TV-Rechtevermarktung wurde vorangetrieben und ein TOP-Sponsoren-Programm etabliert, das bis heute existiert. Exklusiv-Verträge großer Konzerne und Medienunternehmen spülen dem IOC seitdem große Geldmassen in die Kassen, sodass es mittlerweile als finanzstarke Organisation bezeichnet werden muss, die sich über die Jahre knapp eine Milliarde an Rücklagen aufbauen konnte.

Die Olympischen Spiele wachsen

Gleichzeitig mit den Einnahmen durch die Vermarktung der Spiele wächst auch die Größe des Events, was kurz nach der Jahrtausendwende zu Kritik aus den eigenen Reihen führte. "Die Spiele haben eine kritische Größe erreicht", stellte die Olympic Games Study Commission des IOC 2003 fest.

Es wurde gewarnt: Der Erfolg der Spiele gerate in Gefahr, sollte das schnelle Wachstum weiter voranschreiten, was mit eindrucksvollen Zahlen belegt wurde. Von 1948 bis zu den Spielen in Sydney 2000 stieg die Anzahl der Sportarten von 17 auf 28 und der teilnehmenden Sportler von 4092 auf 10.651, zusätzliche 164 Wettbewerbe wurden eingeführt.

Seite 1: Proteste gegen Gigantismus und Kommerzialisierung

Seite 2: Sotschis Probleme und Mammutaufgabe für das IOC

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