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Bekanntschaft mit der Urgewalt

Mittwoch, 09.07.2014 | 13:37 Uhr
Das DFB-Team ließ Brasilien nicht den Hauch einer Chance
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Für das deutsche Trainerteam war Brasilien aufgrund verschiedener Faktoren der große Turnierfavorit. Im Halbfinale schlug die DFB-Auswahl die Selecao auch mit ihren eigenen Waffen.

Das Stadion brummte noch einmal. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, den die Brasilianer schon vor Anpfiff im Estadio Mineirao verbreiteten und auch nach dem ersten Gegentor war von Verzweiflung noch keine Spur unter den Zuschauern, die das Stadion in ein gelbes Mosaik verwandelt hatten.

Schließlich waren noch 80 Minuten zu spielen und damit genügend Zeit, um den Rückstand mindestens auszugleichen. Es war im Vorfeld schon darüber spekuliert worden, ob beim Duell dieser beiden Mannschaften ein ruhender Ball für die Entscheidung sorgen würde.

Dass die einfache Ecke-Volley-Tor-Variante die Partie auf diese Art und Weise beeinflussen würde, war allerdings nicht zu erwarten.

Die deutsche Mannschaft in der Einzelkritik

Was ist denn hier los?

Denn Brasilien erholte sich nicht mehr vom frühen Schock und Deutschland gewann mit diesem Treffer endgültig die Gewissheit, dass an diesem Tag nicht zum dritten Mal in Folge im Halbfinale Schluss sein muss.

Brasilien rannte von seinen Emotionen und purem Übermut getrieben schon in der Anfangsphase in Konter der DFB-Elf und erlebte in den ersten 30 Minuten eine Demütigung historischen Ausmaßes, die das Publikum nicht nur zum Schweigen, sondern auch zum Weinen brachte.

Auf den Rängen herrschte blankes Entsetzen und Panik ob der chaotischen Zustände, in die die Männer in Gelb ständig gestürzt wurden. Selbst die Deutschen konnten nicht fassen, was sie zu sehen bekamen.

Die DFB-Reservespieler seien sich vorgekommen wie in einem Film, verriet Christoph Kramer hinterher. Beim Jubeln fragten sie sich: "Was ist denn hier los?"

Deutsche Präzisionsarbeit

Es war ein guter und historischer Streifen, den sie auf der tiefergelegten Bank verfolgen durften. Noch nie wurde eine brasilianische Nationalmannschaft vor eigenem Publikum in einem Spiel dieser Dimension so auseinandergeschraubt wie in diesen Momenten deutscher Präzisionsarbeit.

Joachim Löw und sein Trainerteam waren im Vorfeld der Weltmeisterschaft nicht müde geworden, auf die besonderen Bedingungen in Brasilien hinzuweisen. Das Turnier der Extreme wurde bald zum geflügelten Wort. Man habe beim Confederations Cup erlebt, welche "Urkraft und Energie" bei Spielen der Selecao herrschten.

In Belo Horizonte war es nun so, dass Brasilien zwar vor Energie nur so strotzte, auf den Straßen vorm Stadion und später auch auf den Rängen war diese Wucht der Emotionen zu spüren, die Urkraft aber stand auf der anderen Seite und spielte in schwarz und rot.

Wie Hornissen und Dampfwalzen

Schnell wie ein Hornissenschwarm und erdrückend wie eine Dampfwalze rauschten die Angriffe der deutschen Mannschaft über Brasilien hinweg. "Es war wichtig, dieser Leidenschaft und den Emotionen geduldig und abgeklärt zu begegnen", sagte Löw. "Wir haben einfach gut geordnet gespielt, sehr schnell gekontert, dann ist die Abwehr einfach ungeordnet."

Das Durcheinander und die Hilflosigkeit der Brasilianer wirkten im Vergleich zur deutschen Gelassenheit und Strukturiertheit noch extremer. Die befürchteten taktischen Fouls der Brasilianer, um den Rhythmus und das Tempo des deutschen Spiels zu unterbinden, gab es nicht. Deutschland konnte sich in den Räumen frei bewegen, spielte schnelle, punktgenaue Pässe und zeigte im Abschluss eine vorher nicht dagewesene Effizienz.

Das alles waren die Zutaten für einen der glorreichsten Abende der deutschen Fußballgeschichte. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach schwärmte vom "Fußball vom anderen Stern" und forderte am Sonntag im Maracana in Rio de Janeiro den vierten Titel.

Ein fast perfekter Abend

Es war ein Abend, an dem alles fast perfekt funktionierte. Die Standards halfen erneut, Miroslav Klose holte sich den WM-Torrekord von Ronaldo, das Mittelfeld strahlte Torgefahr aus, die Einwechselspieler brachten neue Frische und die Defensive stand über weite Strecken sehr sicher - und wenn nicht, zeigte Manuel Neuer einmal mehr fantastische Paraden.

Die Überlegenheit und der Unterschied zwischen beiden Teams war so frappierend, dass es am Ende schon etwas Versöhnliches hatte, als die Deutschen nach dem Abpfiff nicht in wilden Jubelstürmen ausbrachen, sondern ihre brasilianischen Kollegen trösteten, während diese fair gratulierten.

Toni Kroos im Interview: "Brasiliens Spiel kam uns entgegen"

Mitgefühl mit Brasilien

Kein Mitleid, aber Mitgefühl habe man, sagte Mats Hummels, dessen Einsatz im Finale wegen einer Sehnenreizung im Knie noch auf der Kippe steht.

"So ein Spiel wünscht man keiner Mannschaft. Deshalb war es für uns wichtig, dass wir das seriös zu Ende spielen, keine Faxen oder Zaubertricks vorführen", erklärte Hummels. "Wir wissen ganz genau, dass man selbst mal so unter die Räder kommt und dann wünscht man sich auch den Respekt des Gegners."

Diese Haltung wussten auch die brasilianischen Zuschauer zu würdigen, die sich nach dem 7:0 kollektiv erhoben und der deutschen Mannschaft applaudierten. Das ist natürlich bitter für die Heimmannschaft, aber auch eine Form größter Anerkennung für den Gegner.

"Noch nichts erreicht"

Trotzdem wollte keiner der Spieler in den Dimensionen des Präsidenten denken, als sie vorm Verlassen des Stadions noch mit den Journalisten sprachen.

"Wir haben noch nichts erreicht", das war die zentrale Botschaft, die alle noch am Ort des historischen Sieges aussendeten, ehe sie in den Bus stiegen, zum Flughafen fuhren und nach Porto Seguro ins Campo Bahia zurückkehrten.

Vier Tage, und damit einen Tag mehr als der Gegner aus Argentinien oder Holland, hat das DFB-Team Zeit, um sich auf das Endspiel in Rio de Janeiro vorzubereiten. Dann geht es darum, ob dem historischen Halbfinale auch ein historischer Titelgewinn folgt.

Brasilien - Deutschland: Die Statistik zum Spiel

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