Themenwoche Trainingsmethodik: Mentaltrainer Peter Boltersdorf im Interview

Auf dem Trip ihrer Persönlichkeit

Von Interview: Oliver Wittenburg
In den Clasicos ließen die Spieler von Real und Barca ihre Masken fallen, sagt Peter Boltersdorf
© Getty
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Die Bundesliga ist mitten in der heißen Phase der Saisonvorbereitung. In den Trainingslagern wurden die Grundlagen für eine lange Saison gelegt. Auch im Amateurfußball bereiten sich die Klubs bis hinunter zur Kreisklasse auf die neue Spielzeit vor. Die spannende Frage: Wie trainiert man richtig? Wie hat sich die Methodik in den letzten Jahren entwickelt? SPOX geht der Frage der Trainingsmethodik theoretisch und in Selbstversuchen auf den Grund. Teil 3: Motivation.

Mentalcoach Peter Boltersdorf hat anhand des Reiss Profile die Persönlichkeit von über 500 Fußball-Profis analysiert. Er arbeitete unter anderem mit Jürgen Klopp und Dieter Hecking zusammen und betreute die deutschen Handballer bei ihrem Wintermärchen 2007 und Gewichtheber Matthias Steiner auf dem Weg zum olympischen Gold 2008 in Peking.

Wie funktioniert das Reiss Profile? SPOX hat den Selbstversuch gemacht

Im Interview mit SPOX spricht Boltersdorf über seine Arbeit mit Trainern und Spielern, Bedingungen für Erfolg, den Mythos Teamgeist und Extremsituationen wie den spanischen Clasico oder eine Fußball-WM im eigenen Land.

SPOX: Herr Boltersdorf, Sie haben vor ein paar Jahren mal gesagt, die Bundesliga schöpfe nur 15 Prozent des Potenzials im Bereich Mentaltraining aus. Hat sich daran etwas geändert?

Peter Boltersdorf: Nein, überhaupt nicht. (lacht)

SPOX: Warum nicht?

Boltersdorf: Das Thema wird immer noch argwöhnisch betrachtet. Man könnte als gestandener Profi und Trainer dabei Schwächen zeigen und das wird als nicht angenehm empfunden. Psychologie ist für viele etwas, womit man Krankheiten entdeckt. Dieses Image herrscht immer noch vor.

SPOX: Aber den einen oder anderen Teampsychologen gibt es ja durchaus in der Fußball-Bundesliga.

Boltersdorf: In der Mehrzahl der praktischen Anwendungen in der Psychologie werden nach wie vor viele Aspekte der Hirnforschung oder der Neurobiologie nicht berücksichtigt - und auch nicht die Erkenntnisse zur Persönlichkeit, die wir mit dem Reiss Profile gewinnen. Zur Zeit beginnt darüber aber eine sehr interessante Diskussion.

SPOX: Wie grenzen Sie sich von den Teampsychologen eigentlich ab?

Boltersdorf: Ich frage mich, wie man so eine Arbeit machen kann, ohne eine intensive Kenntnis der einzelnen Persönlichkeiten einer Mannschaft zu haben. Aus meiner Arbeit weiß ich, wie unterschiedlich Mannschaften sein können. Das ist schon verblüffend. Aber am Ende ist für den einzelnen Profi seine Beziehung zum Cheftrainer entscheidend. Wie gut versteht der Trainer seinen Spieler und wie gut versteht der Trainer das psychische Zusammenspiel der Spieler im Team?

Weitere Infos zum Reiss Profile

SPOX: Inwiefern?

Boltersdorf: Allein wie viel Selbstvertrauen und Stressfestigkeit in einer Mannschaft stecken können. Das kann sehr viel sein, aber auch sehr wenig und hat massive Konsequenzen für den Umgang mit der Mannschaft. Das ändert aber nichts daran, dass die wichtigste Bedingung für Leistung und Motivation die Eins-zu-Eins-Situation zwischen Spieler und Trainer ist. Die ist absolut entscheidend. Darüber entwickelt sich der größte Einfluss, den der Trainer überhaupt haben kann. Und ich weiß, dass das bei einigen Betreuern aus der Psychologie, aber auch bei vielen Trainern überhaupt keine so wichtige Rolle spielt.

SPOX: Was machen Sie aus dieser grundlegenden Bedingung?

Boltersdorf: Mein Ziel ist es, eine Konstanz in der Leistungsfähigkeit zu erzeugen, die unabhängig vom Zeitpunkt der Saison und vom Tabellenstand ist. Es geht um eine Stabilität, auf die man sich verlassen kann. Und meine wichtigste Aufgabe ist es, den Trainer zu beraten und ihm im Umgang mit jedem einzelnen Spieler Hilfestellung zu geben. Der zweite Aspekt ist die Teamentwicklung, was aber nichts mit irgendwelchen Outdoor-Aktivitäten zu tun oder damit, über glühende Kohlen zu laufen.

SPOX: Womit dann?

Boltersdorf: Teamentwicklung in meiner Arbeit bedeutet herauszufinden, welche gemeinsamen Interessen die Mannschaft hat und diese so zu kommunizieren, dass sie jeder nachvollziehen kann und darüber dann einen stärkeren Teamgeist entwickelt. Es ist kennzeichnend für den Profi-Fußball, dass wir bei den Mannschaften keine hohe Teamorientierung vorfinden. Die Teamorientierung ist maximal neutral.

SPOX: Das klingt verblüffend.

Boltersdorf: In der Tat. Theoretisch müsste die Teamorientierung in Mannschaftssportarten gegen hoch tendieren. Sie tut es aber faktisch nicht. Ich habe inzwischen Daten von über 500 Fußball-Profis aus Deutschland und Holland. Das ist eine so große Zahl, dass dieses Ergebnis absolut valide ist.

SPOX: Wie gehen Sie mit dieser Erkenntnis um? Daran rütteln kann man vermutlich nicht.

Boltersdorf: Nein, das ist ein Fakt, den wir nicht verändern können. Wir müssen aktiv daran arbeiten, das Team belastbar zu machen. Für negative Erlebnisse, für Niederlagen, Rückschläge. Daran hängt es. Jeder der sich mit Fußball beschäftigt, stellt fest, dass immer dann, wenn eine Mannschaft gewinnt, von einem super Team gesprochen wird. Das liegt daran, dass der Erfolg alle Lebensmotive bedient und folglich haben sich - ganz platt ausgedrückt - alle lieb. Misserfolg jedoch legt die individuellen Unterschiede offen und dann gibt es Vorwürfe untereinander und auf einmal ist aus der ganz starken Teamsituation eine ganz schwache geworden. Und das passiert, obwohl das Verhalten des einzelnen Spielers im Erfolg und in der Niederlage exakt gleich ist. Erfolg verbindet Menschen, Misserfolg trennt. Aufgabe der Teamentwicklung ist es, diese Abhängigkeit zu verringern.

SPOX: Wie geht das konkret? Was sind geeignete Maßnahmen?

Boltersdorf: Gemeinsame Interessen zeigen sich anhand gemeinsamer Lebensmotivausprägungen. Es ist kein Geheimnis, dass das Lebensmotiv Familie bei vielen Fußballern eine große Rolle spielt. Zum Beispiel sind 16 von 18 Profis in einem Kader emotional berührt, wenn es um die eigenen Kinder geht, dann ist das ein Thema, etwas Gemeinsames, mit dem ich arbeiten kann.

SPOX: Wie arbeiten Sie damit?

Boltersdorf: Indem ich das anspreche. Indem ich sage: 'Leute, lasst uns heute so spielen, dass unsere Kinder stolz auf uns sind.' Das packt jeden Menschen, für den die Kinder und die Familie eine Bedeutung haben. Das ist ein echter Grund für Leistung. Und es betont die Gemeinsamkeit, denn es sitzt ja wohl kaum einer in der Runde, der sich denkt: 'Wovon redet der Trainer da eigentlich?'

SPOX: Dazu muss der Trainer aber eben wissen, was das Team anspricht.

Boltersdorf: Nehmen Sie die Wertorientierung. Die finden wir bei Fußball-Profis ganz selten. Wenn der Trainer dieses Thema anspricht, dann sitzen womöglich alle da und fragen sich: 'Wovon redet der? Ich spiele heute gar nicht für Kaiserslautern oder für die Region. Ich spiele für mich.' Dann würde der Trainer an der Mannschaft vorbei reden.

SPOX: Haben Sie andere Beispiele aus der Praxis?

Boltersdorf: Bei den Handballern bei der WM 2007 haben wir im Vorfeld stark damit gearbeitet, den Spielern zu vermitteln, was alles passiert und wie positiv das ist, wenn man Weltmeister ist.

SPOX: Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Boltersdorf: Wir haben eine Imaginationsreise gemacht. Wir haben das Finale mehrfach in der Phantasie vorweg gespielt. Immer gegen Frankreich, weil wir noch nicht wussten, wer es dann am Ende wird. Die Spieler erlebten die Emotionen im Voraus und bekamen eine Vorstellung davon, was ihnen der Erfolg alles liefern würde. Das erzeugte wiederum eine Gemeinsamkeit, die auch notwendig war, weil auch bei dieser Mannschaft keine starke Teamorientierung vorlag.

SPOX: Tatsächlich? Die Wahrnehmung war aber eine ganz andere.

Boltersdorf: Der Teamgeist ist erst durch unsere Maßnahmen entstanden und natürlich durch den Erfolg. Als der später ausblieb, ist die Mannschaft zerbrochen, weil die emotionale Basis fehlte.

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