Auf dem Trip ihrer Persönlichkeit

Von Interview: Oliver Wittenburg
In den Clasicos ließen die Spieler von Real und Barca ihre Masken fallen, sagt Peter Boltersdorf
© Getty
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SPOX: Andere Spieler kommen mit Stress besser zurecht.

Boltersdorf: Ich spreche gerne von Crunchtime, wobei der Begriff sich im Fußball nicht auf die Schlussphase eines Spiels beschränkt. Es geht darum, wer die Crunchtime besser im Griff hat und das sind in erster Linie Spieler, die psychisch besonders belastbar sind. Auch das wäre für mich ein Grund, bestimmte Spieler in einem Finale nicht einzusetzen, weil sie in wichtigen Situationen die Steuerungsfähigkeit verlieren. Ein Spieler sagt mir: 'Ich spüre beim Elfmeter mein Bein nicht mehr.' Den kann ich dann schlecht schießen lassen, auch wenn er theoretisch ein exzellenter Schütze ist. Aber wenn er sein Bein nicht mehr spürt...

SPOX: Würde es Sie reizen, mal einen Xavi oder Messi zu testen? Beide scheinen ja keine Probleme mit der Crunchtime zu haben...

Boltersdorf: Es gibt auch Spieler, die ihre Höchstleistung erst dann bringen, wenn's Stress gibt. Aber zu Ihrer Frage: Eigentlich nein, weil es zu eindeutig ist, was speziell diese Spieler ausmacht. Interessanter sind für mich Spieler, die eindeutig über ein überragendes Talent verfügen, dieses aber nicht nutzen können. Da interessieren mich die Gründe für die Blockade. Oft liegt es am Trainer. Man kennt das ja: Ein Spieler bekommt einen neuen Trainer und blüht plötzlich auf.

Wie funktioniert das Reiss Profile? SPOX hat den Selbstversuch gemacht

SPOX: An wen denken Sie da zum Beispiel?

Boltersdorf: Da möchte ich keinen Namen nennen, aber vergleichbar ist das Abschneiden der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft. Die Spielerinnen hatten während der WM eine permanente Crunchtime und die Unterschiede in der Leistung zwischen Vorbereitung und dem Turnier selbst waren extrem groß. Das war sehr verblüffend.

SPOX: Inwiefern?

Boltersdorf: Die Mannschaft war allen Gegnern in der Vorbereitung physisch extrem überlegen, in der Robustheit, in der Schnelligkeit, in der Ausdauer. Es war faszinierend. Durch gewisse psychische Konstellationen war das bei der WM dann alles weg. Bei einzelnen Spielerinnen hätte mich das nicht überrascht, aber in dieser Gesamtheit sehr. Die Ursachen dafür würden mich sehr interessieren.

SPOX: Haben Sie einen Erklärungsansatz, der über die permanente Crunchtime hinausgeht?

Boltersdorf: Ich kann mir vorstellen, dass es für diese psychische Belastung keine Vorbereitung gegeben hat und diese Mannschaft eben zufällig sehr viele Spielerinnen hat, die nicht sehr stressstabil sind. Wenn man das dann nicht gewusst hat oder nichts dagegen gemacht hat, dann musste es so kommen.

SPOX: Sportjournalisten betätigen sich sehr gerne als Psychologen. Jetzt sage ich im Hinblick auf das Abschneiden der deutschen Frauen: Wo war denn da die Führungsspielerin? Warum hat da denn niemand mal dazwischengehauen? Was sagen Sie dazu?

Boltersdorf: Das ist großer Blödsinn. Es ist im Fußball doch so, dass es nur sehr geringe Einwirkungsmöglichkeiten gibt, wenn das Spiel einmal läuft. Da hat man im Handball oder Basketball ganz andere Möglichkeiten. Im Fußball müssen im Vorfeld Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet werden, da müssen Gesten, Symbole oder Signale verabredet werden, sonst läuft das nicht. Es ist allerdings im Fußball offenbar auch nicht üblich. Es gibt manchmal Verletzungsunterbrechungen, die Minuten dauern und es finden dennoch keine Gespräche statt.

SPOX: Trainieren Sie diese Kommunikation während des Spiels auch?

Boltersdorf: Ja, natürlich und normalerweise haben alle Trainer die Aufgabe, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit um bestimmte Spieler zu kümmern, weil diese von so einer Ansprache tatsächlich profitieren können. Es gibt Spieler, die permanent zur Trainerbank gucken und dann muss jemand da sein, der darauf achtet, dass dieser Spieler eine Reaktion bekommt. Kommt keine, wird dieser Spieler das immer negativ interpretieren. Also sorge ich dafür, dass jemand da ist, der reagiert, damit dieser Spieler nicht während des Spiels darüber nachdenken muss, ob ihn der Trainer noch mag.

SPOX: Der Begriff Motivation selbst wird auch gerne vielseitig und nicht immer richtig eingesetzt. Was heißt Motivation in Ihrem Verständnis?

Boltersdorf: Motivation heißt: Es lohnt sich für uns. Das Wichtigste ist die innere Belohnung, die aus uns selber kommt.

SPOX: Und da jedes Individuum anders tickt, gibt es unzählige Formen von Motivation.

Boltersdorf: Wenn ich als Belohnung brauche, dass ich herausgefordert werde, dass ich an Grenzen gehen muss, dann ist das bei einem Spiel gegen den Tabellenletzten zum Beispiel nicht gegeben. Dann muss ich versuchen, diesen Spielern den Sinn des Spiels auf einem anderen Weg zu vermitteln und dass sich das Arbeiten für den Sieg lohnt.

SPOX: Vor solche Probleme sind etwa Mannschaften wie der FC Bayern oder der FC Barcelona permanent gestellt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind Siege Pflicht und eine Selbstverständlichkeit. Wie motivieren die sich?

Boltersdorf: Bei einer Reihe von Spielen wird es reichen, wenn diese Mannschaften nur 80 Prozent ihrer Leistung abrufen, weil sie einfach so weit weg sind vom Rest der Konkurrenz. Bei den Spielen, in denen das nicht reicht, muss es andere Dinge geben, die die Spieler als lohnend betrachten. Die gilt es aber, zu identifizieren und zu kommunizieren. Das könnte etwa so aussehen: ' Leute, denkt dran: Unsere Kinder sehen auch zu. Wenn wir nicht gut spielen, kriegen die das in der Schule zu hören.' Das könnte ein Punkt sein. Mein meiner Meinung nach effektivster Vorschlag ist übrigens noch nie angenommen worden, nämlich die zweite Mannschaft in bestimmten Spielen aufzustellen. Die ist auf jeden Fall heiß.

SPOX: Sie arbeiten seit zehn Jahren ausschließlich auf Basis des Reiss Profile und haben über 6000 Tests durchgeführt. Gibt es Ergebnisse, die Sie besonders verblüfft haben?

Boltersdorf: Unter all den Fußballern, die ich getestet habe, sind zehn Spieler, die zur Weltklasse gerechnet werden. Von diesen haben sechs beim Lebensmotiv Anerkennung einen hohen Wert. Das heißt: Sie sind unsicher und mit sich selbst im Grunde immer unzufrieden.

SPOX: Wie haben die es dann geschafft, sich durchzusetzen?

Boltersdorf: Wegen dieser Unzufriedenheit und Unsicherheit trainieren sie viel mehr und haben ein sehr großes Interesse an der eigenen Leistung. Und: Sie hatten in der entscheidenden Phase ihrer Karriere das Glück, einen Trainer zu haben, der sie positiv gefördert und nicht kritisiert hat. Es ist ein Klischee, dass ein selbstunsicherer Mensch in der Männerwelt Fußball nichts verloren hat. Ein reines Klischee.

Zurück auf Seite 1: Egoismus im Teamsport und der entscheidende Faktor

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