"Elitär sein und Weltspitze angreifen"

Montag, 28.09.2015 | 14:03 Uhr
Heiko Vogel ist sportlicher Leiter im Nachwuchszentrum des FC Bayern
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Der FC Bayern baut im Norden Münchens ein neues Nachwuchszentrum. Der neue Komplex soll eine neue Ära im Jugendbereich der Münchener einleiten. Im SPOX-Interview erklärt U23-Trainer und Jugendleiter Heiko Vogel die Pläne des Rekordmeisters. Der 39-Jährige spricht auch über den nächsten David Alaba, Roger Federer als "Mentaltrainer" und die Trophäe Thomas Müller.

SPOX: Herr Vogel, wie fiel denn das erste Feedbackgespräch des sportlichen Leiters Heiko Vogel mit dem U23-Trainer Heiko Vogel aus? Ist er zufrieden mit dem Start?

Heiko Vogel: Die beiden haben sich noch gar nicht groß miteinander auseinandergesetzt. Sie haben sich relativ viel Freiraum gegeben. So eine Personalunion ist ja nie so ganz einfach: Ich spreche da lieber immer über das Ganze und daher nicht nur von der U23, sondern vom gesamten Junior Team und ich denke, dass uns der Start gut gelungen ist. Wir haben einige Stellschrauben, die sofort zu verstellen waren, angefasst. Wir haben Spieler hochgezogen, was sich jetzt schon bewährt hat. Aber da spricht der sportliche Leiter Heiko Vogel.

SPOX: Was sagt er zum Trainer, der in zehn Spielen sieben Siege und zwei Remis geholt hat?

Vogel: Das lässt er ihm durchgehen. (lacht) Nein, der Trainer hatte einen holprigen Start, weil Spiele verlegt worden sind. Wir sind mit zwei Unentschieden gestartet, haben aber dann in die Spur gefunden. Es ist aber noch in allen Bereichen Luft nach oben und vor allem viel Arbeit.

SPOX: Gerade im Juniorenbereich heißt es, nicht immer nur an Ergebnissen zu messen. Der FC Bayern will mit der U23 aber mit aller Macht in die 3. Liga. Wie kriegen Sie das unter einen Hut?

Vogel: Das ist gar nicht so schwierig. Häufig werden diese Ziele nebeneinander gestellt, ich sehe sie aber miteinander. Wir sollten definitiv in die 3. Liga aufsteigen, aber das geht nicht ohne Entwicklung der Spieler. Umgekehrt ist es aber vielleicht möglich, trotz einer guten Entwicklung, den Aufstieg zu verpassen. Denn selbst wenn man die Liga gegen ein immens starkes Jahn Regensburg gewinnt, gibt es immer noch die Relegation und was da passieren kann, hat man in der Vergangenheit erlebt.

SPOX: Im Juniorenbereich gibt es in der Regel für jede Altersgruppe eine Art Lehrplan, in der eine bestimmte Gewichtung in der Ausbildung grob definiert wird. Müssen Sie den U23-Spielern des FC Bayern vor allem das unbedingte Siegen beibringen?

Vogel: Siegen lernen muss hier niemand. Viele Jungs sind schon sehr lange im Verein. Wenn man den FC Bayern als Spieler oder Trainer über die Jahre erlebt, wird es einfach erwartet, dass man gewinnt. Die Mentalität des Klubs erlaubt keine Aussetzer und an der Mentalität kann man jeden Tag arbeiten. Was am Ende herauskommt, ist die viel zitierte Siegermentalität des FC Bayern.

SPOX: Welche Rolle nehmen Sie als Trainer bei der Entwicklung eines Youngsters zum "Mia san Mia"-Aspiranten ein?

Vogel: Wir können steuern, welche Mittel wir einsetzen, um zu gewinnen. Auch ob wir alles daran setzen, um zu gewinnen oder auch mal sagen: Nein, jetzt nicht. Da komme ich auf Ihre Eingangsfrage zurück: Vielleicht setzen wir an der einen oder anderen Stelle auch mal auf die Entwicklung und lassen einen Sieg passieren.

SPOX: Sie wurden vom U19-Trainer zum U23-Trainer befördert. Sie forderten mehr Kompetenzen ein und bekamen die Leiter-Rolle dazu. Wie viel mehr Arbeit ist es nun für Sie?

Vogel: Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht, weil mich der Fußball permanent begleitet. Ideen, Konzepte, Gedankenblitze - das kann ich nicht beeinflussen, die sind einfach da. Habe ich eine Idee, schreibe ich sie sofort auf, auch wenn ich da gerade beim Essen bin. Aber das hat damit nichts zu tun, ob ich eine Doppelfunktion habe oder nicht: Das war vorher genauso. Diesen positiven Fanatismus muss man einfach haben. Was anders als früher ist: Ich nehme mir jetzt bewusster Auszeiten, um Abstand zu gewinnen.

SPOX: Was machen Sie dann?

Vogel: Der Fußball wird ersetzt. Das ist die Auszeit. Mal durch Tischtennis oder Mountainbike-Fahren. Aber das Spiel an sich bleibt immer in zentraler Rolle: Ich spiele gern. Auch Brettspiele.

SPOX: Welche spielen Sie am liebsten?

Vogel: Spiele, bei denen der Glücksfaktor nicht ganz oben steht. Also von Schach bis Risiko alles. Siedler von Catan haben wir früher bis zum Umfallen gespielt und jetzt wieder belebt.

SPOX: Bei Siedler von Catan muss eine Strategie entwickelt werden. Da sind Sie ja schon wieder beim Job.

Vogel: Ja, da probiere ich, ob es funktionieren würde. (lacht)

SPOX: Strategisches Denken ist ein wichtiger Bestandteil Ihrer neuen Rolle, zumal Sie auch mehr Kompetenzen beim FC Bayern eingefordert haben. Wie sieht denn Ihr Einfluss nun aus?

Vogel: Dieser konzentriert sich vorwiegend auf sportliche Inhalte. Dabei geht es nicht um Vorgaben von Trainingsinhalten. Der sportliche Leiter Heiko Vogel wird einem U15-, U16-, U17-Trainer niemals vorschreiben, was er zu machen hat: weder bei der Aufstellung, noch im Training. Aber ich möchte meinen Einfluss dahingehend geltend machen, dass ich moderieren kann. Ich glaube, dass ich durch Überzeugung alle mit ins Boot hole. Daraus resultiert ein Wir. Wenn wir nicht gleich, aber einheitlich denken, dann haben wir viel gewonnen. Das ist der eine Bereich...

SPOX: ...und der andere?

Vogel: Es geht auch darum, Bindeglied zu den Profis zu sein, zumal sie speziell trainieren. Hier geht es darum, dieses Spezielle auf unsere Jugendarbeit zu transformieren. Es geht auch darum, Einfluss auf die Spieler zu haben, die gefördert werden. Schon bei der Frage, wer gefördert wird.

SPOX: Wer die U23 spielen sieht, erkennt die taktische Variationen beziehungsweise Muster der Profis: Mal spielt sie in der Dreierkette, mal Viererkette, aber diese dann auch sehr flexibel. Sehen Sie sich gefordert, die Spielidee der Profis früh zu injizieren?

Vogel: Es ist wichtig zu wissen, wie eine Mannschaft, die das Trikot des FC Bayern trägt, zum Erfolg kommen will. Natürlich hängt das auch immer von der Qualität der Gegner ab: Betrachtet man die U19- oder U17-Bundesligen, aber auch die Regionalliga, hat man da Schwergewichte zu schlagen. Die Spielidee sollte dennoch immer klar ersichtlich sein. Es geht dabei aber nicht primär um Dinge wie Gegenpressing: Das ist für mich die Basis, das muss nach Ballverlust einfach passieren. Es geht darum, wie man es organisiert. Der Erfolg des Gegenpressings hängt davon ab, wie ich meinen Ballbesitz organisiere. Da gibt es wichtige Nuancen, die definieren: Das ist Bayern München, das sieht mehr nach Borussia Dortmund aus, das könnte Hoffenheim oder Leipzig sein.

SPOX: Was machen Sie konkret, um beim "Bayern-Weg" zu bleiben und nicht zum Beispiel in den Leipziger Stil abzudriften?

Vogel: Wir haben eine klare Vorstellung, die wir unserer Mannschaft vermitteln wollen. Auch im Hinblick auf den Pool der Spieler, die für die Profis in Frage kommen, gleiche ich inhaltlich Trainingspläne an, damit der Sprung nach oben von den Inhalten ein relativer kleiner ist. Von der Qualität ist er ohnehin groß genug.

SPOX: Matthias Sammer ist der Sportvorstand, Wolfgang Dremmler ist der Abteilungsleiter, Sebastian Dremmler leitet den Spielbetrieb. Sie sind von der U23 bis zur U17 in der Verantwortung, Michael Tarnat und Timon Pauls bei den Altersstufen darunter. Es gibt den Cheftrainer, Hermann Gerland und natürlich Uli Hoeneß, der sich den Nachwuchsbereich auf die Fahne geschrieben hat. Provokant gefragt: Blicken Sie da durch?

Vogel: Das Organigramm spielt bei uns keine Rolle. Damit kann ich etwas wunderbar formulieren, aber entscheidend ist, wie die Personen in einem Organigramm miteinander können und das ist bei uns top. Wir haben einen fließenden Austausch, die Kommunikation steht. Es gibt natürlich im Zusammenleben mit Menschen immer Eitelkeiten, es darf bei uns auch kontrovers diskutiert werden, aber wichtig ist, dass es immer offen und straight bleibt. Wo ich bei diesem Konstrukt stehe, ist nicht das Allerwichtigste.

SPOX: Sie sind mit der Beförderung zur U23 näher an die Profis gerückt. Wie sind die Drähte zu Pep Guardiola?

Vogel: Da ich auch mal in seiner Position war und weiß, wie viel Stress man da hat und wie wenig Zeit zur Verfügung steht, tue ich mein Bestes, um ihn zu unterstützen. Der Austausch ist da, aber der funktioniert federführend über Hermann Gerland. Er ist für mich das wichtigste Bindeglied zwischen Jugendabteilung und Profis. Man muss da aber auch Domenec Torrent herausstellen. Er ist sensationell. Pep hat hervorragendes Personal nach München mitgebracht.

SPOX: Pep war selbst lange Zeit Jugendtrainer. Hören Sie diesen bei ihm manchmal noch raus oder ist er komplett auf die Profis fokussiert?

Vogel: Ich glaube, dass das gar nicht so relevant ist. Er denkt 24 Stunden am Tag über Fußball nach, er ist unfassbar akribisch und immer auf Suche nach Lösungen. Das ist faszinierend.

SPOX: Macht das nicht den FC Bayern aus? Immer nach Lösungen zu suchen? Idealerweise nach schnellen Lösungen...

Vogel: Wenn man das Rad immer in Bewegung hält, kommt man nie zum Stillstand. Und Stillstand wird immer bestraft. Losgelöst vom Fußball und vom FC Bayern: Das ist die Triebfeder jeden Erfolgs.

Seite 1: "Siegen lernen muss hier niemand"

Seite 2: Wer wird der nächste Alaba, Herr Vogel?

Seite 3: "Warum ist Roger Federer so erfolgreich?"

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