Deutschland - Brasilien: Fünf Antworten und eine Idee

Wie wär's mit 4-2-4(-0)?

Von Für SPOX in Stuttgart: Stefan Rommel
Donnerstag, 11.08.2011 | 17:12 Uhr
Mario Götze (r.) brillierte gegen Brasilien als Spielmacher-Ersatz für Mesut Özil
© Getty
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Der Brasilien-Test gab Bundestrainer Joachim Löw viele nützliche Hinweise, offenbarte eine kleine Problemzone - und gibt vielleicht auch Anlass für eine kleine Revolution.

Der Auftakt ist geglückt und lässt für die kommende Saison viel hoffen. Deutschland hat sich beim 3:2-Sieg über Brasilien schon in beachtlicher Frühform präsentiert.

Löw wollte eigentlich noch mehr rotieren, stellte Ilkay Gündogan und Marco Reus deren Debüt im DFB-Dress in Aussicht - am Ende wollte der Bundestrainer aber nicht wie schon oft zuvor den Spielfluss und damit auch ein positives Ergebnis für die schlichten Testzwecke opfern.

Die Frage nach den nächsten beiden Neuen und deren Potenzial wurde also nicht beantwortet. Dafür gab der Test durchaus Antworten auf fünf der wichtigsten Fragen - und gibt Anlass für eine verwegene Idee.

Die Formation der Innenverteidigung

Mats Hummels und Holger Badstuber machen enormen Druck auf die etablierten Per Mertesacker und Arne Friedrich. Hummels zeigte gegen Brasilien ein bärenstarkes Spiel, hatte nur einen kleinen Wackler, als ihm Neymar Mitte der zweiten Halbzeit einmal entwischen konnte.

Der Dortmunder passt sein Spiel auf die Erfordernisse in der Nationalmannschaft immer mehr an, auch wenn er sich auf der Position des linken Innenverteidigers noch wohler fühlt, wie er SPOX nach dem Spiel erzählte. Bereits vor einigen Wochen hatte er angedeutet, dass er das etwas riskantere Spiel, das er beim BVB zeigen darf, bei Joachim Löw etwas zügeln muss.

Hummels ist dabei auf einem sehr guten Weg, findet immer mehr die richtige Mischung - ohne dabei seine Stärken im Spielaufbau ganz aufgeben zu müssen. Der Dortmunder wirkt schon wie eine feste Größe, Mertesacker, Friedrich oder auch Jerome Boateng haben da derzeit Aufholbedarf.

Badstuber musste gegen Pato nicht so oft in den Zweikampf wie sein Nebenmann, dem Münchener war fast immer die Rolle der Absicherung beschieden, vor allen Dingen bei langen, hohen Bällen.

In den Duellen Mann gegen Mann zeigte aber auch Badstuber seine Abgeklärtheit, spielte sein Pensum unaufgeregt und sachlich runter. Dass er im Verein jetzt wieder in der Innenverteidigung gesetzt ist, wird Badstubers Perspektiven noch erhöhen.

In der Defensivzentrale hat Löw mittlerweile die Qual der Wahl, kein anderer Mannschaftsteil ist mit so vielen Kandidaten so hart umkämpft.

Lahms Rückkehr nach links

Seit seinem Wechsel von der linken auf die rechte Abwehrseite hielt sich latent die Diskussion um eine Rückkehr Lahms auf jene Position, die ihn zu einem Weltklasse-Verteidiger gemacht hat.

Spätestens seit Jupp Heynckes durchblicken ließ, auf der linken Seite mit Lahm zu planen, hat sich Löw wieder für die Rückversetzung seines Kapitäns nach links entschlossen. Gegen Brasilien feierte er also sein Comeback.

Eine solide Leistung bleibt im Gedächtnis, allerdings auch zwei Fehler, die man so von ihm gar nicht kennt. Die Grätsche gegen Alves war übermotiviert. Lahm hatte den Weg zum Tor bereits zugestellt, eine unüberlegte Aktion wie diese wird Löw sicherlich bei Gelegenheit mit seinem Kapitän erörtern.

Deutschland - Brasilien: Ein erster Schritt

Vor Patos dicker Chance unmittelbar nach dem Wechsel stand Lahm einen Augenblick völlig falsch, machte weder den Passweg zu, noch griff er Robinho aggressiv an.

Aber er zeigte auch wieder mehr Offensivdrang als zuletzt über die rechte Seite. Wobei das Zusammenspiel mit seinem Vordermann Lukas Podolski noch stotterte. Angesichts der langen Abstinenz auf "seiner" Seite und weil die Mannschaft vorher nur eine echte Trainingseinheit absolvieren konnte, ist das aber nur verständlich.

Götze muss in die Mannschaft

Leicht und lässig sieht sein Spiel aus, er bringt Tempo ins Spiel, wenn es sein muss, hat eine tolle Übersicht und eine Selbstverständlichkeit in seinem Spiel, die für sein Alter außergewöhnlich ist.

Eine Zusammenfassung, die nach der Partie auf Mario Götze zutrifft - sie könnte allerdings genauso auch für Mesut Özil gelten. Beide ähneln sich in ihrem Spiel.

Wobei sich Götze nicht so viele Auszeiten zwischen seinen Highlights nimmt wie Özil, im Dribbling einen Tick überraschender und explosiver ist und sich selbst im eigenen Strafraum nach einem kräftezehrenden Sprint noch Bälle erkämpft.

"Es geht immer wieder um die Frage: richtig oder falsch? Die muss ständig neu entschieden werden", erklärte Götze am Mittwoch sein Spiel lapidar und einleuchtend.

Einzelkritik: Götze macht den Özil

Löw hat ein schönes Problem, wenn er sich überlegen muss, wo er den Dortmunder in Zukunft unterbringen soll - sofern der seine unglaubliche Frühform im Laufe der Saison bestätigt. Oder vielleicht löst es der Bundestrainer auch ganz anders.

"Ich kann mir auch vorstellen, beide gemeinsam spielen zu lassen. Das ist ja nun einmal das Schöne an den vielen jungen Talenten, dass ich jetzt so viele Optionen habe."

Eine kleine Problemzone

Die letzten Partien im DFB-Dress verliefen für Lukas Podolski nicht optimal. Der Kölner fiel im Vergleich zu seinen Mitspielern erneut etwas ab, spätestens mit der Entdeckung Götzes, der sich selbst gerne im linken offensiven Mittelfeld aufgehoben sieht, wächst der Druck weiter.

Sein anderer Kontrahent, Andre Schürrle, spielte gegen Brasilien nach seiner Einwechslung für Poldi auf dessen Position jetzt nicht berauschend, hatte aber bei gleicher Spielzeit mehr Aktionen und erzielte natürlich das vorentscheidende Tor.

Podolski wackelt jetzt nicht bedenklich, dafür ist er für Löw und die Chemie innerhalb der Mannschaft ein zu wichtiger Faktor. Aber er muss dem Bundestrainer in den nächsten Spielen zeigen, warum er der richtige Mann für die linke Offensivseite im Mittelfeld ist.

Löw jedenfalls übte nach der Partie schon sanften Druck auf Podolski aus. "Für mich ist das eine ideale Ausgangslage, auf diesen Positionen (wie im linken offensiven Mittelfeld, d. Red.) mehrere Topleute zu haben, die auch auf die WM-Fahrer von 2010 Druck ausüben."

Klose passt besser zum System

Die Erkenntnis ist nicht wirklich neu, wurde aber gegen Brasilien deutlich sichtbar. Beide hatten keinen Torschuss, aber selbst wenn Klose nicht selbst zum Torabschluss kommt, bringt er der Mannschaft mehr Ertrag als Gomez. Dazu zeigte sich Klose topfit und bestens austrainiert, spritzig und mit viel Einsatzbereitschaft.

Als Paradebeispiel darf das 2:0 gelten: Klose hat das richtige Timing dafür, sich vom Gegenspieler zu lösen - und zwar Richtung eigener Mitspieler, der den Ball führt. Klose lässt den Ball sauber tropfen, Götze läuft hinter ihm in die entstandene Lücke, der Pass von Kroos kommt perfekt.

Götze-Gala in der Stuttgarter Festnacht

So hat Deutschland bei der WM England entzaubert - weil Klose die Lücken für die nachrückenden Spieler aus dem Mittelfeld besser schaffen kann als Gomez, dessen Ballverarbeitung nicht so akkurat ist und der oft noch auf den ersten schnellen Ball in die Tiefe lauert.

Das deutsche Spiel ist aber auch dank exzellenter Passspieler wie Kroos, Götze oder Özil aus dem Mittelfeld heraus eher darauf angelegt, den Gegner im Rücken zu erwischen. Gomez' Torquote in der Liga und zuletzt bei der Nationalmannschaft war erstaunlich. Ein Stürmer wird aber eben nicht mehr nur an seinen Toren gemessen.

Gomez hat sich in den letzten beiden Jahren in der Beziehung schon deutlich verbessert, gegen einen Gegner von Weltklasseformat dürfte aber Klose bei Löw die Nase knapp vorne haben.

Eine verwegene These

Gegen Brasilien teilten sich Götze und Kroos die Arbeit in der Kreativzentrale, Schweinsteiger war oft die einzige Absicherung nach hinten. Die Mannschaft spielte in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-1-4-1.

Das brachte die erwünschte Dominanz nach vorne, machte Deutschland aber - auch weil sich die Brasilianer Robinho, Neymar und Pato immer im Dunstkreis der Mittellinie aufhielten und kaum Defensivarbeit verrichteten - oft auch anfällig für schnelle Konter.

Alle Testspiele im Überblick

Das Umschaltverhalten war da in einigen Situationen kritisch, als sich die deutsche Innenverteidigung samt Schweinsteiger plötzlich drei mit Tempo anpreschenden Gegenspieler konfrontiert sah.

So ganz ausgewogen war die Variante also nicht. Löws Plan war es wohl, so viele seiner offensiv starken Spieler wie möglich ins Angriffsspiel einzubeziehen, der Testlauf endete mit vielen positiven Ansätzen, aber auch den erwähnten Kritikpunkten.

Interessant wäre jetzt eine Variante, wie sie Chefscout Urs Siegenthaler bereits vor zwei Jahren im Interview mit SPOX angedeutet hatte - eine Variante, die vier offensiv denkende Spieler vorsieht, bei der selbst der "falsche Mittelstürmer" aus dem 4-2-3-1 wegfällt, trotzdem aber die Absicherung von zwei Sechsern erhalten bleibt: Das 4-2-4(-0).

Im aktuellen Fall würden dann Kroos, Götze, Müller und Özil die Offensivformation bilden, Schweinsteiger und Khedira die Doppel-Sechs. Leidtragender wäre hier allerdings Klose, für den schlicht kein Platz mehr wäre.

Der Plan käme einer kleinen Revolution gleich, ein Spiel ganz ohne echten Stürmer erscheint fast undenkbar. Ganz abwegig ist die Idee aber angesichts der deutschen Kapazitäten im Mittelfeld aber wohl nicht mehr.

Deutschland - Brasilien: Fakten zum Spiel

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