Fussball

"Nur Sportschau gucken reicht ja nicht"

Bastian Oczipka spielt seit Sommer 2012 für Eintracht Frankfurt
© imago

Linksverteidiger Bastian Oczipka ist unumstrittener Stammspieler bei Eintracht Frankfurt - und hat eine nicht übliche Angewohnheit: In der Freizeit analysiert der 26-Jährige gemeinsam mit seinem ehemaligen Nachwuchstrainer Dirk Kunert seine Partien per Videotelefonat. Oczipka spricht im Interview über seinen lange gehegten Traum von Bayer Leverkusen, wundert sich über Marcell Jansens Karriereende und erklärt, weshalb ein Berater kein Freund eines Spielers sein sollte.

SPOX: Herr Oczipka, Sie arbeiten seit einiger Zeit mit Dirk Kunert, Ihrem ehemaligen Nachwuchstrainer aus Leverkusen zusammen. Kunert fungiert als sportlicher Leiter in der Agentur Ihres Beraters, mit ihm stehen Sie in engem Kontakt und analysieren Ihre Partien. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Bastian Oczipka: Das war im Prinzip Zufall. Wir haben den Kontakt nie verloren und sind dann während mehrerer Gespräche beiläufig zu dieser Entscheidung gekommen. Seit fast einem dreiviertel Jahr geht das jetzt.

SPOX: Eine Art Videoanalyse zu Ihren persönlichen Spielszenen?

Oczipka: Genau. Er bereitet individuell auf mich und meine Position zugeschnittene Einzelszenen per Videobild vor. Wir können das dann per Bildtelefon gemeinsam anschauen. Jeder hat Zugriff auf das Material und kann vor- und zurückspulen.

SPOX: Wie groß ist der Lerneffekt?

Oczipka: Ich kann das Spiel dadurch auf jeden Fall anders und besser reflektieren, als wenn ich es gar nicht machen würde. Die Veranschaulichung ist einfach besser, nur Sportschau gucken reicht ja nicht. (lacht) Als Außenstehender hat man eine völlig andere Wahrnehmung, als wenn man selbst aktiv in der Hektik des Spielgeschehens mitmischt. Kommt dann eine Spielsituation, über die man gesprochen hat, noch einmal vor, fällt einem das auf dem Feld dann auch gleich intensiver auf. Ein Lerneffekt ist meiner Ansicht nach in jedem Fall da.

SPOX: Wann finden diese Analysen in der Regel statt?

Oczipka: Wir machen das nicht zwingend nach jedem Spiel. Das wäre wohl zu viel des Guten. Man kann beispielsweise drei Partien vergehen lassen und dann über Auffälligkeiten in diesen Begegnungen sprechen. So kommt natürlich auch mehr Anschauungsmaterial zusammen. Insgesamt sind wir jeweils rund eine Viertelstunde damit beschäftigt.

SPOX: Weiß Ihr Coach Armin Veh darüber Bescheid, dass Sie private Einzelsitzungen machen?

Oczipka: Ich habe es ihm nicht explizit gesagt. Es gehört ja mittlerweile zur Funktion eines Beraters, über die Spiele des Klienten zu sprechen. Ich gebe aber natürlich vor, was der Trainer von mir innerhalb seiner Spielidee erwartet - also beispielsweise meine Grundposition oder das Verhalten bei Ballbesitz. Letzte Saison unter Thomas Schaaf sollte ich mich bei der Spielauslösung sehr tief in der eigenen Hälfte hinter den Innenverteidigern zeigen, unter Armin Veh soll ich nun sehr hoch im Feld stehen. Das ist der Ausgangspunkt. Wir sprechen dann aber weniger über taktische Dinge, sondern mehr um Themen wie das Timing beim Kopfballspiel oder die Verbesserung von Flanken.

SPOX: Wie eng ist denn grundsätzlich Ihr Kontakt zu Kunert oder auch Ihrem Berater Sven Kraft?

Oczipka: Wir tauschen uns nicht täglich, aber mehrmals die Woche aus. Es gibt immer Themen, die einen beschäftigen, über die man reden oder eine zweite Meinung einholen möchte.

SPOX: Inwiefern muss der Berater denn auch so etwas wie ein guter Freund sein?

Oczipka: Man hat als Spieler mit einem Berater ja wegen des Berufs zu tun, er soll also von sich aus auch kritische Dinge aus einer gewisser Neutralität heraus ansprechen können. Ein guter Kumpel würde einem womöglich immer nur Mut zusprechen und Sachverhalte schönfärben. Ein Berater dagegen soll kein Freund sein und auch den Finger in die Wunde legen können - auch wenn ich mit Sven gerne einmal Essen gehe und über Themen außerhalb des Fußballs quatsche.

SPOX: Wie sehr tauscht man sich denn im Kollegenkreis über das Thema Berater aus?

Oczipka: Das wird eher verschwiegen. Natürlich kann es vorkommen, dass man mit Mitspielern, zu denen man einen besonders engen Draht hat, auch einmal darüber spricht. Ansonsten ist das aber unüblich, vielleicht ist das ein zu ernstes Thema für die Kabine. (lacht)

SPOX: Ein Berater ist heutzutage auch verantwortlich für Themen wie Vermögensverwaltung oder PR und Vermarktung. Wie kompliziert ist es gerade für junge Spieler, in all diesen Fragen eine ausgewogene Entscheidung zu treffen?

Oczipka: Es wird sicherlich immer schwieriger, das Richtige für einen herauszufiltern - zumal der Markt an Beratern sehr groß ist. Man wird häufig angesprochen und muss dann in jungen Jahren entscheiden, wer das gesamte Paket am besten abdeckt. Das kann auch gefährlich sein, da man sich in diesem Alter noch nicht wirklich viele Gedanken darüber macht oder ein Gefühl dafür entwickeln kann. Es ist es ja mit dem Aushandeln von Verträgen nicht getan. Pressearbeit, Sponsorentermine, Social Media - da hängen unheimlich viele Sachen mit dran, die vor zehn Jahren noch gar nicht existent waren.

SPOX: Ganz wenige Spieler haben gar keinen Berater, ein gewisser Prozentsatz wird von Familienmitgliedern beraten - doch in beiden Fällen fehlt oftmals das betriebswirtschaftliche Knowhow, wenn es zu Verhandlungen kommt. Warum können Sie sich Ihre Eltern nicht als Ihre Berater vorstellen?

Oczipka: Um Gottes Willen! (lacht) Über meine ersten Verträge haben tatsächlich noch meine Eltern geschaut. So ein Profivertragswerk mit mehrseitigen Paragraphen und Klauseln ist aber dermaßen komplex, dass man sich da eigentlich zwingend professionelle Hilfe holen muss. Und wie gesagt, ein Berater hat im Alltag eines Profis noch so viele andere Themen zu bearbeiten, dass man das durchaus aus der Familie auslagern sollte. Sonst ist es nicht zu schaffen, den vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden.

SPOX: Ein großes Problem für viele Fußballprofis ist die Zeit nach der Karriere. Einige gehen pleite, andere sind auf diesen Lebensabschnitt kaum vorbereitet. Was tun Sie, um sich für diese Zeit vernünftig aufzustellen?

Oczipka: Es sollte einem schon während der Karriere bewusst sein, dass alles ein Ende hat und man sich für die Zeit danach ordnen sollte. Der fatale Denkfehler ist häufig, dass alles einfach so weitergehen werde und man sich über die Jahre daran gewöhnt hat, im finanziellen Bereich einen steten Zufluss zu haben. Ich werde bald anfangen, in aller Ruhe nebenbei Fußball- oder Sportmanagement zu studieren. Mal sehen, ob das als aktiver Profi auch hinhaut, die Schulzeit liegt ja schon einige Jahre zurück.

Seite 1: Oczipka über private Videoanalysen und die umfassende Rolle von Beratern

Seite 2: Oczipka über Marcell Jansen, Wechselgedanken und Traum Leverkusen

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