"Nur Sportschau gucken reicht ja nicht"

Bastian Oczipka spielt seit Sommer 2012 für Eintracht Frankfurt
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SPOX: Ist es deshalb so schwierig, sich während der Karriere auf die Zeit danach vorzubereiten, weil die glänzende Fußball-Welt eben so verlockend ist und die Sicht auf das wahre Leben verfälscht?

Oczipka: Ja, das glaube ich schon. Deshalb ist es in meinen Augen wichtig, einen Ratgeber an seiner Seite zu wissen, der einem durchaus in vielen Dingen hilft, sie erklärt und abwiegt - aber dir die Gedanken über die finale Entscheidung nicht abnimmt. Ein Berater soll Optionen schaffen, aus denen der Spieler dann selbständig auswählt. Da muss man auch einmal eine Lanze für die Beraterbranche brechen, denn die allermeisten tun genau dies und verhalten sich damit vollkommen kompetent.

SPOX: Inwiefern können Sie denn einen Spieler wie Marcell Jansen verstehen, der mit 29 seine Karriere beendet hat und zugab, dass ihm die ganze Fußball-Maschinerie schon immer sehr suspekt war?

Oczipka: Wenn das seine Sicht ist und er hinter der Entscheidung steht, ist das natürlich legitim. Für mich wäre es jedoch absolut gar nichts. Ich würde in drei Jahren niemals meine Karriere beenden wollen. Marcell Jansen war zudem auch noch topfit, er hätte sicherlich problemlos noch ein paar Jahre spielen können. Ich glaube, dass er sich in sechs bis zwölf Monaten bestimmt selbst noch einmal darüber wundert, weshalb er nicht weiter gespielt hat. Fußballprofi zu sein ist schließlich für viele immer noch der Traumjob schlechthin.

SPOX: Was denken Sie über Spieler, die in der Blüte ihres Schaffens sogar bis in die 2. englische Liga zu wenig ambitionierten Vereinen wechseln, weil sie dort unverhältnismäßig viel verdienen können?

Oczipka: Verständnis habe ich dafür, aber auch das kann ich mir für mich überhaupt nicht vorstellen. Was soll ich beispielsweise in Russland oder China spielen, nur um dort das große Geld einzusacken? Es gibt ja auch genügend Beispiele an Spielern, die aus Deutschland gewechselt sind und jetzt besser verdienen, sportlich aber kaum mehr ein Bein auf den Boden bekommen. Bei uns dagegen kommen europaweit die meisten Zuschauer in die Stadien, die Fankultur lebt, das fußballerische Niveau ist sehr hoch. Frankfurt ist für mich die beste Lösung.

SPOX: Sie sind als Linksverteidiger und Stammspieler in der Bundesliga per se eine begehrte Personalie. Wieso sind Sie aber der Typ, der dort weitermacht, wo er sich etwas aufgebaut hat, anstatt den Verlockungen des Geschäfts zu verfallen?

Oczipka: Viele Spieler werden einmal in ihrer Karriere wohl die Chance haben, an einem bestimmten Ort viel Geld verdienen zu können. Natürlich würde es auch sicherlich viel Spaß machen, beispielsweise einmal in England zu spielen. Mir ist es in dieser Phase meiner Karriere aber am wichtigsten, mich als Spieler weiter zu entwickeln und einfach besser zu werden. Das ist in meinen Augen in einem Umfeld, das ich nun schon gut kenne und in dem ich mir auch etwas aufgebaut habe, am ehesten möglich. Man will ja auch als Mensch glücklich sein - und Geld allein macht nicht glücklich.

SPOX: Sie haben neun Jahre in der Nachwuchsabteilung von Bayer Leverkusen gespielt und sind dann nach Rostock und zu St. Pauli ausgeliehen worden. In Frankfurt sind Sie nun zum gestandenen Bundesligaspieler gereift und gehen dort in Ihre vierte Saison. Haben Sie bei der Eintracht zum ersten Mal in Ihre Karriere das Gefühl, eine echte sportliche Heimat gefunden zu haben?

Oczipka: Eindeutig. Ich bin mit 19 Jahren hunderte Kilometer entfernt von Familie und Freunden nach Rostock gegangen. Das hat mir zwar enorm geholfen, um als Person selbständig und reifer zu werden. Dennoch kam damals und später bei St. Pauli nicht dieses Gefühl auf, das mich jetzt bei der Eintracht begleitet. Frankfurt ist Heimat, ich habe viele Freunde abseits des Fußballs hier gewonnen und zudem einen kurzen Weg nach Hause ins Rheinland.

SPOX: Wie sehr haben Sie gerade während Ihrer Leihen nach Leverkusen geschielt, um dort den Sprung in die erste Mannschaft zu schaffen?

Oczipka: Leverkusen war lange Zeit mein großer Traum. Das halte ich aber auch für vollkommen normal, schließlich war das als 10-Jähriger mein erster richtiger Verein und ich war jahrelang dort. Die Hoffnung, bei Bayer den Durchbruch zu schaffen, hatte ich währenddessen immer. Mir sind damals nach meiner Rückkehr ein Knöchelbruch und das schwierige Jahr unter Robin Dutt dazwischen gekommen, um mich wirklich etablieren zu können. Im Nachhinein sehe ich das jetzt natürlich entspannter, da ich ohne diese Begebenheiten wohl nicht in Frankfurt gelandet wäre.

SPOX: Dort waren Sie auch schon einmal als Kandidat für die deutsche Nationalmannschaft im Gespräch. Auf der Linksverteidigerposition herrscht ja ohnehin ein struktureller Mangel. Was macht denn ein Jonas Hector besser als Sie?

Oczipka: Fiese Frage. (lacht) Will ich nicht beantworten. Aber: Dass er nominiert wurde, ist jetzt auch keine riesige Überraschung. Er ist ein guter und junger Spieler, der eine ordentliche erste Bundesligasaison gespielt hat.

SPOX: Glauben Sie noch an eine Einladung oder ist der Zug abgefahren?

Oczipka: Der Zug ist generell niemals abgefahren. Es ist nicht so, dass ich der Einladung zur Nationalmannschaft verbissen hinterher renne. Man will als Spieler ja konstant gute Partien abliefern, damit ist man schon enorm beschäftigt. Das war vor einem Jahr auch mein Manko, das gebe ich gerne zu. Wenn einem das über einen längeren Zeitraum aber gelingen sollte, kommt der Rest von alleine - unter anderem und möglicherweise auch die Nationalelf.

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