"Die Lücke wird uneinholbar groß"

Von Stefan Rommel
Freitag, 07.03.2014 | 11:08 Uhr
Für Dirk Dufner (l.) ist Tayfun Korkut der ideale Trainer für Hannover 96
© imago
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In einem knappen Jahr bei Hannover 96 hat Dirk Dufner als Sportdirektor schon einiges erlebt. Zuletzt sorgte er mit der überraschenden Verpflichtung von Tayfun Korkut für Aufsehen. Ein Gespräch über die Tücken des Transfergeschäfts, das finanzielle Ungleichgewicht in Deutschland und Hannovers wichtigstes Projekt der kommenden Jahre.

SPOX: Hannovers Start in die Rückrunde war sehr stark, zuletzt gab es aber aus vier Spielen nur noch einen Punkt. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage bei 96 ein?

Dirk Dufner: Es geht für uns darum, in den kommenden Spielen den Abstand nach unten zu vergrößern. Und damit wollen wir am Samstag gegen Leverkusen beginnen. Ich wäre ausgesprochen froh, wenn die Leverkusener ihren Trend bei uns fortsetzen würden. Wir laden sie dazu herzlich ein. (lächelt)

SPOX: Wie würden Sie Ihren Trainer Tayfun Korkut beschreiben?

Dirk Dufner: Fleißig, fokussiert, strukturiert, sehr kompetent und geradeaus. Tayfun arbeitet von morgens bis abends, hat ganz klare Vorstellungen von dem, was er erreichen will. Im persönlichen Umgang empfinde ich ihn als sehr angenehm und offen.

SPOX: Das müssen Sie jetzt sagen, Sie haben ihn schließlich verpflichtet.

Dufner: Das meine ich so, wie ich es sage. Heute ist es noch wichtiger als früher, dass ein Trainer klare Grenzen setzen kann: Zwischen einer gewissen Nähe zum Team, aber auch der nötigen Autorität. Dazu bedarf es einer gesunden Mischung und die hat er. Zudem kann er sehr gut vermitteln, was er von seinen Spielern erwartet und welchen Fußball er spielen lassen möchte.

SPOX: Der anvisierte Fußball muss aber auch der aktuellen Tabellensituation angepasst sein, oder?

Dufner: Das weiß er natürlich. Er lässt die Mannschaft wissen, was momentan in einer für uns gefährlichen Situation verlangt wird. Aber er zeigt ihr auch schon eine Perspektive für später auf. Im Klartext: Vielleicht will er dann dominanter spielen, mit mehr Ballbesitz und deutlich mehr agieren als jetzt. Aber momentan müssen wir eben noch auf andere Dinge setzen. Dieses Fingerspitzengefühl erwarte ich von einem Trainer und Tayfun bringt das mit.

SPOX: Die Wahl Tayfun Korkuts kam für viele etwas überraschend. Wie lief die Entscheidungsfindung bei Ihnen ab?

Dufner: Wir haben uns den Abnabelungsprozess von Mirko Slomka nicht einfach gemacht. Er war hier jahrelang erfolgreich und uns war klar, dass wir für die Trennung von ihm nicht nur Beifall bekommen. Solch ein Prozess, bis man sich für das Ende der Zusammenarbeit entscheidet, ist immer schwierig. Einerseits bin ich meinem Trainer zu Loyalität verpflichtet, stärke ihm auch bei schlechten Ergebnissen den Rücken. Andererseits muss ich mich auf eine Veränderung gedanklich vorbereiten. In der Praxis kann man aber nicht einfach so schon andere Trainer kontaktieren, wenn noch der aktuelle im Amt ist. Da hängen zu viele Personen mit drin, das kann man nicht geheim halten. Und dann könnte man schnell als charakterlos dastehen.

SPOX: Das erklärt nicht die Entscheidung für Korkut.

Dufner: Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich zugebe, dass Tayfun Korkut nicht reflexartig als erste Option galt. Wir wollten auf gar keinen Fall einen etablierten, aber dadurch in gewissem Maße auch verbrauchten Trainer. Wir müssen die Klasse halten, aber auch eine Perspektive für die kommenden Jahre sehen. Und im Unterbau, also unserem Nachwuchsleistungszentrum, deutliche Fortschritte machen. Also kam nur ein Trainer in Frage, der jung ist, der Dinge verändern und anschieben kann und der mit jungen Spielern arbeiten kann. Das war das klare Anforderungsprofil.

SPOX: Herr Korkut war bereits als Co-Trainer im Gespräch.

Dufner: Mirko Slomka wollte etwas an seinem Trainerteam verändern, da hatten wir Tayfun auf dem Zettel. Er war als Name bereits existent. Ich habe mir dann die notwendigen Informationen aus seinem Umfeld eingeholt, bei seinen ehemaligen Klubs nachgefragt und dann mit ihm selbst gesprochen. Unterm Strich war dann schnell klar: Er ist kein Co-Trainer. Das ist eher einer, der anführen will. Das hatte ich im Hinterkopf und bei der Suche nach einem neuen Cheftrainer war mir dieser Gedanke wieder sehr präsent. Und mit jedem weiteren Gespräch hat er sich dann von den anderen Kandidaten immer deutlicher abgesetzt.

SPOX: Ihre bis dato wichtigste Entscheidung in zehn Monaten Amtszeit bei Hannover 96?

Dufner: Selbstverständlich. 18 Punkte nach der Vorrunde, akute Abstiegsgefahr: Holst du einen Mittelfeldspieler, der nicht funktioniert, ist das bedauerlich. Aber es ist zu verkraften. Der Trainer ist die wichtigste Person im Klub. Und diese Entscheidung war ein Risiko. Gehen die ersten Spiele verloren, ist sofort harte Kritik da. Aber wir sind von der Lösung voll überzeugt - und dann müsste man so etwas auch in Kauf nehmen. Da muss man seiner Überzeugung auch treu bleiben. Insofern war es sehr gut, dass unser Präsident auch gleich voll dahinter stand, als ich ihm Tayfun Korkut als meine A-Lösung vorgeschlagen habe.

SPOX: Was haben Sie die ersten zehn Monate in Hannover gelehrt?

Dufner: Es war schnell zu sehen, dass da eine Mannschaft war, die zwar erfolgreichen Fußball gespielt hat, in ihrer Struktur aber über ihren Zenit hinaus war. Also mussten wir personell einen Umbruch einleiten, der aber einfach länger als eine Transferperiode dauert. Wir mussten Dinge verändern, auch wenn es bei einigen Entscheidungen sehr weh tat und wir durchaus auch unpopuläre Maßnahmen ergreifen mussten. Dadurch entstand natürlich ein Vakuum innerhalb der Mannschaft, zudem war das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft nach vier Jahren auch nicht mehr so, wie es noch zu den besten Zeiten war.

Seite 1: Dufner über Korkut und seine Anfangszeit

Seite 2: Das Ungleichgewicht im deutschen Fußball

Seite 3: Hannovers wichtigstes Projekt

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