Von der Realität überholt

Von Stefan Rommel
Freitag, 13.12.2013 | 12:49 Uhr
Wohin geht der Weg für Robin Dutt und Werder Bremen?
© getty
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Werder Bremen steckt vor dem Duell mit Hertha BSC (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) in der Schaffenskrise. Trainer und Manager haben sich vom Weg verirrt, die zarten Verbesserungen sind wieder in Gefahr. Es gibt aber Rückendeckung von ganz oben.

Als Robin Dutt im Mai sein Antrittsgespräch im Bauch des Bremer Weserstadions gab, wurde er natürlich auch nach den Lehren aus seiner Zeit bei Bayer Leverkusen gefragt.

Leverkusen ist so etwas wie der schwarze Fleck in Dutts Vita, in 18 Trainerjahren ging es für den 48-Jährigen davor immer nur steil bergauf. Bayer war dann der erste Klub, der ihn vorzeitig vor die Tür gesetzt hat.

Dutt fand klare und sehr selbstkritische Worte, als er sein Scheitern am Rhein noch einmal Revue passieren ließ. Mit ein paar sehr forschen Aussagen habe er sich schlicht verhoben und sich einige Male dabei ertappt, dass er nicht mehr er selbst war, sondern eine Rolle spielen wollte, die ihm gar nicht lag.

Er habe sich damals ein wenig selbst betrogen, sei seiner Linie und inneren Überzeugung untreu geworden. "Das war ein Fehler", sagte Dutt. Er habe daraus seine Lehren gezogen. Als er den Bremern sein Ja-Wort gab, war die Mär von der heilen Werder-Welt längst enttarnt.

Keine zu hohen Erwartungen

Es offenbarte sich ein Klub, der in den Jahren davor ziemlich viel ziemlich falsch gemacht hatte und der innerhalb von wenigen Monaten die beiden Protagonisten des historischen Höhenflugs verloren hatte - aber eben auch die Verwalter des schleichenden Niedergangs.

Ob die Situation deshalb nun besonders schwer oder besonders leicht war für Dutt und seinen Partner Thomas Eichin, ist schwer zu sagen. Man könnte sich darauf einigen, dass es zumindest eine spannende Ausgangslage war, in der Dutt im Sommer seine Arbeit aufnahm. Die Erwartungshaltung war einigermaßen tief angesiedelt.

Schlichter Stil, ordentliche Ausbeute

Die ersten Maßnahmen waren eine Art Soforthilfe: Dutt fand einen Kader vor, der schräg zusammengestellt war, ohne inneren Zusammenhalt und mit zu vielen Egozentrikern bestückt, als dass daraus eine funktionierende Einheit hätte wachsen können. Immerhin war Werders Mannschaft noch eine Attraktion der Liga. Wo Werder war, war Zirkus.

Dem Pragmatiker Dutt muss man damit nicht begegnen. Er traf sogar den Nerv einiger Anhänger, die sich tatsächlich nichts sehnlicher wünschten, als eine funktionierende Defensive. "Mir wird zugerufen: ‚Bitte nicht wieder so viele Gegentore!' Ich muss inzwischen fast aufpassen, dass ich nicht sage: ‚Wir wollen natürlich offensiv spielen' - weil die Fans dann denken: Oje, schon wieder Offensivfußball", sagte er im Herbst im Rückblick auf seine ersten Tage in Bremen.

Der Spielstil seiner Mannschaft war gemäß den Eindrücken der letzten Jahre und dem fehlenden Offensivpotenzial von eher schlichter Natur. Aber er wurde ordentlich honoriert: Mit neun Punkten nach sechs Spielen, darunter ein Derbysieg beim HSV.

Trendwende ins Nichts

Da erlebte Dutt aber auch schon das Spannungsfeld zwischen kühlem Ergebnisfußball und der Marke Werder Bremen. Die Fans waren Spiele mit Erlebnischarakter gewohnt, an ein freudlos erkämpftes 1:0 konnte man sich kaum noch erinnern.

Zum Murren von außen gesellten sich einige Bedenken aus dem Inneren des Klubs: Zum Selbstverständnis des etwas anderen Klubs gehört nun mal auch ein etwas anderer Fußball. Da passt eine verheerende Passquote von rund 60 Prozent nicht ins Bild, 75 erspielte Großchancen nach 15 Spielen sind der drittschwächste Wert der Liga. Nur Freiburg und Braunschweig sind in der Offensive berechenbarer.

Irgendwann im Herbst haben sich Dutt und Eichin für eine Trendwende entschieden. Die Mannschaft sollte wieder mehr Offensive wagen, Dutt begann zu basteln. Seit dem Heimspiel gegen Freiburg Mitte Oktober variieren die Spielsysteme, gegen Hannover zwei Wochen später - dem letzten Sieg aus den vergangenen neun Partien - hielt sogar die Raute wieder Einzug.

Bremen hat sich verirrt

Die vielen Rochaden und die Abkehr vom ursprünglich verordneten Defensivkonzept haben die Mannschaft offenbar eher verwirrt als einen Schritt nach vorne gebracht. Der Tiefpunkt war die Partie gegen die Bayern. Dutt lag mit der Spielausrichtung falsch, gewährte den Bayern in der zweiten Halbzeit mit seinen Einwechslungen im Mittelfeld noch mehr Raum und forcierte so den Untergang, statt ihn aufzuhalten. Seine optimistischen Worte vor der Partie, Werder würde "100-prozentig in der Liga bleiben" wurden geradezu pulverisiert an diesem Tag.

Auf der Suche nach Balance hat sich Bremen verirrt. "Die Marke Werder, die in Europa immer noch einen hohen Stellenwert besitzt, soll erhalten bleiben", hatte es Dutt in einem Interview mit der "Welt" selbst formuliert. "Wir dachten, wir wären schon weiter", sagte Eichin nach dem Bayern-Debakel. Eine fulminante Fehleinschätzung, wie jetzt klar wird. Auch innerhalb der Mannschaft ist der Ton kritischer geworden.

Fritz spricht die Probleme an

"Am Anfang standen wir stabil. Dann kam die Kritik auf, dass wir uns keine Chancen erarbeiten. Wir suchen noch das Gleichgewicht", sagt Kapitän Clemens Fritz, selbst ein Sinnbild des sportlichen Niedergangs in Bremen. Der letzte Verbliebene aus glorreichen Champions-League-Zeiten hat massive Probleme mit der Geschwindigkeit des Spiels.

Immerhin spricht er - anders als in den Jahren davor - die Probleme nun auch offen an. "Es geht nicht darum, den zweiten oder dritten Schritt zu machen. Wir müssen über ein gutes Defensivspiel zu unseren Stärken zurückfinden, das hat Priorität. Die Gefahr abzurutschen ist da, wir verschließen nicht die Augen vor der Tabellensituation. Jeder sieht, wie eng es ist. Wir sind nicht blauäugig und wissen, dass das passieren kann."

Mehr Punkte auf der Agenda Im Kern von Dutts Unternehmung in Bremen ruckelt es gerade gewaltig. Was daneben aber übersehen wird: Der Trainer hat neben dem nackten Erfolg mit den Profis auch noch andere Dinge mit auf die Agenda geschrieben bekommen, die er im Hintergrund anschieben muss. Unter Schaaf gab es kaum noch eine messbare Durchlässigkeit vom Jugend- in den Profibereich.

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