"Wir haben doch Tradition"

Von Daniel Reimann
Wolfsburgs Geschäftsführer Klaus Allofs (r.) mit VW-Vorstandsboss Martin Winterkorn
© getty
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SPOX: Eine Hürde für Nachwuchsspieler war oft die übermäßige Konkurrenz im 35-Mann-Kader. War die Kaderverkleinerung ihr größtes Projekt?

Allofs: Es war auf jeden Fall elementar. Diese Problematik hat auch die Rahmenbedingungen stark beeinflusst. Wenn man so eine große Truppe hat, haben viele nur sehr geringe Chancen zu spielen. Damit wächst auch die Unzufriedenheit, die sich auch im ganzen Klub bemerkbar macht. Mittlerweile haben wir nach zwei Transferperioden eine normale Kadergröße erreicht. Aber deshalb werden wir nicht aufhören, auch wieder Spieler zu verpflichten. Wir wollen den Kader ganz gezielt qualitativ verbessern.

SPOX: Auf welchen Positionen muss denn nachgebessert werden?

Allofs: Wir achten auf die Gesamtentwicklung der Mannschaft. Zuletzt wurde es im Sturm wegen der Verletzungen von Bas Dost und Vieirinha ein wenig eng, deshalb schauen wir auch auf diesen Mannschaftsteil. Andererseits spielt Ivica Olic sehr erfolgreich und dahinter lauert auch noch Stefan Kutschke. Es besteht also keine dringende Notwendigkeit, im Offensivbereich tätig zu werden.

SPOX: Ist damit eine potenzielle Verpflichtung des vieldiskutierten Kevin de Bruyne abgehakt?

Allofs: Nein, nicht prinzipiell. Wir sind immer auf der Suche nach mehr Qualität. Auch wenn wir jetzt nicht der nächsten Transferperiode entgegenfiebern, schließlich gibt es keine Notsituation. Aber es ist meine Pflicht, weiterhin nach Verstärkungen Ausschau zu halten.

SPOX: De Bruyne steht bei zahlreichen Champions-League-Teilnehmern auf dem Zettel, unter anderem bei Schalke 04. Wäre ein Transfer dieses Kalibers für Wolfsburg überhaupt realistisch?

Allofs: Dass Transfers dieser Größenordnung für uns realistisch sind, haben wir im Fall Gustavo schon bewiesen. Ein Transfer von de Bruyne wäre für uns keineswegs zu ambitioniert. Wenn wir die Spieler von unseren Zielen überzeugen, ist vieles möglich.

SPOX: Sie haben gesagt, es käme nur ein Kauf oder eine Leihe mit Kaufoption infrage. Gab es schon Signale vom FC Chelsea, dass dies überhaupt möglich wäre?

Allofs: Nein. Dennoch muss ich mich diesen Fragen erwehren und immer drei Züge vorausdenken. Aber de Bruyne ist bei Chelsea unter Vertrag und es gab bisher keinerlei Signale, dass er abgegeben werden soll. Doch ich kann seinen Wunsch, dass er vor dem WM Spielpraxis benötigt, verstehen. Deshalb ist es höchstwahrscheinlich, dass sich im Winter etwas im Fall de Bruyne tut.

SPOX: Bekäme er denn beim VfL überhaupt genug Spielpraxis? Diego und Arnold haben ihre Sache in der Mittelfeldzentrale bisher gut gemacht.

Allofs: In einer guten Mannschaft gibt es nun einmal auch für Neuverpflichtungen immer Konkurrenz. Oft holt man auch gute Spieler im Wissen, dass man auf deren Position bereits ordentlich besetzt ist.

SPOX: Gleichzeitig sind auch die Wolfsburger Spieler begehrt. Angeblich ist Chelsea an Rodriguez und Barcelona an Gustavo interessiert. Wäre das überhaupt ein Thema?

Allofs: Solche Themen muss man nicht ernster nehmen als nötig. Bei vielen Spielen sind Hundertschaften von Scouts unterwegs, manchmal eben auch im Auftrag von Chelsea oder Barcelona. Beide Spieler sollen für die Zukunft des VfL stehen, deshalb regen mich solche Meldungen gar nicht erst auf. Zumal diese Geschichten keinerlei konkreten Hintergrund haben.

SPOX: Wenn Wolfsburg nächstes Jahr im Europacup spielt, käme man immerhin finanziell solchen Klubs einen Schritt näher...

Allofs: Wir planen noch nicht für den Europacup, in dieser Phase sind wir noch nicht. Diese Saison wollen wir ein besseres Ergebnis erzielen als letztes Jahr, da lagen wir auf Platz elf. Mittelfristig ist das Ziel natürlich die Rückkehr ins internationale Geschäft. Aber diese Aufgabe muss auf wirtschaftlich soliden Füßen stehen. Da muss man sich in ähnlicher Größenordnung bewegen wie Leverkusen oder Schalke. Dortmund und Bayern sind da auf einem anderen Level.

SPOX: Auch sportlich waren Bayern und Dortmund in den letzten Jahren außen vor. Ihr Vorgänger Felix Magath hat vorgeschlagen, beide Klubs in eine Europa-Liga auszuschließen, um die Bundesliga ausgeglichener zu gestalten. Was halten Sie von seiner Idee?

Allofs: Die Idee einer Europa-Liga ist ja nicht neu. Aber dann wäre auch die Champions League gestorben, so wie sie jetzt stattfindet. Auch die Bundesliga würde an Bedeutung verlieren. Bei solchen Debatten ist man bisher immer schnell wieder zur Überzeugung gekommen, dass das aktuelle System schon Sinn macht. So bleiben die internationalen Spiele auch etwas Besonderes.

SPOX: Die Dominanz von Bayern und Dortmund tangiert Sie also nicht?

Allofs: Man muss auch mal ein wenig länger zurückschauen: Es hat oft genug andere Meister gegeben als Bayern und Dortmund. Es wird solch dominante Phasen auch in Zukunft geben, aber die Liga ist so stark, dass es immer wieder neue Herausforderer geben wird.

SPOX: Magath hat auch kritisiert, zu viele Klubs gäben sich mit dem Mittelmaß zufrieden. Sind die anderen Teams einfach nur zu wenig ambitioniert?

Allofs: Man muss das nur realistisch einschätzen. Wenn beispielsweise Freiburg die Meisterschaft als Ziel ausgibt, ist das zwar lobenswert, aber sehr unwahrscheinlich. Kein Klub schränkt sich in seinen Entwicklungsmöglichkeiten freiwillig ein. Die anderen Vereine haben nun einmal dank der wirtschaftlichen Voraussetzungen Jahr für Jahr eine bessere Ausgangsposition. Aber gibt es viele Wege, trotzdem erfolgreich zu werden.

SPOX: Beim VfL gab man sich zuletzt ambitioniert. Trainer Dieter Hecking sprach kürzlich sogar von der Champions League...

Allofs: Meine Pläne und Ambitionen decken sich mit denen von Dieter Hecking. Natürlich wollen wir mittelfristig zurück in den internationalen Wettbewerb. Auch mit Blick auf den Aufwand, den wir betreiben, wollen wir irgendwann wieder ein Kandidat für die Champions League sein.

Der VfL Wolfsburg in der Zusammenfassung

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