Am Ende der Nahrungskette

Von Andreas Lehner
Donnerstag, 25.04.2013 | 17:14 Uhr
Der FC Bayern ist weiter auf dem Weg zum Triple
© getty
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Der Transfer von Mario Götze demonstriert die Ausnahmestellung des FC Bayern in Deutschland. Die Liga kann dem nichts Gutes abgewinnen. Wenn der erste Ärger verraucht ist, besteht zumindest für Borussia Dortmund in dieser Situation aber auch eine Chance.

Jürgen Klopp traf den Nagel auf den Kopf. Ohne großes Pathos erklärte der Trainer von Borussia Dortmund auf der Pressekonferenz vor dem Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid, dass es sich beim Transfer von Mario Götze zum FC Bayern um einen handelsüblichen Wechsel handle.

Alle Reaktionen zum Transfer-Hammer im Götze-Ticker

Keine außergewöhnliche Feststellung, dennoch konnte die einfache Bestandsaufnahme nicht schaden in einem Moment, in dem Borussia Dortmund Polizeikräfte zum Training bestellen musste und sich die Familie Götze einen Sicherheitsdienst zu ihrem Haus bestellte, weil die Sicherheit des Spielers und seiner Familie fraglich war und Übergriffe nicht ausgeschlossen werden konnten.

Klopp hatte auch Recht, als er auf den Transfer von Marco Reus zum BVB verwies und die Parallelen aufzeigte. Es ging ihm zwar vornehmlich darum, die Fans vor dem Spiel gegen Real zu besänftigen, er lieferte aber gleichzeitig eine allgemein gültige Einordnung des von vielen Seiten als moralisch zweifelhaften Akt gewerteten Transfers.

Bayerns Wandel seit 2009

Wer den Bayern vorwirft, sie würden ihren größten Konkurrenten immer die besten Spieler wegkaufen, um diese zu schwächen und selbst gleichzeitig noch stärker zu werden, vergisst einerseits, dass Transfers auf allen Ebenen nach diesem Muster verlaufen und dass die Bayern auf dem internationalen Transfermarkt selbst als Lieferant gesehen wurden.

Der Wandel in München begann erst mit der Weigerung, Franck Ribery 2009 zu Real Madrid ziehen zu lassen. Die Bayern machten deutlich ein "Einkaufsverein - und kein Verkaufsverein" zu sein, wie es Karl-Heinz Rummenigge ausdrückte. Nur wenige Klubs können sich diese Position im Betrieb Profifußball leisten.

Aussicht auf glorreiche Zukunft

Die Bayern sind mittlerweile am Ende der Nahrungskette angekommen. Während vor einigen Jahren ein Spieler wie Michael Ballack noch bessere Perspektiven beim FC Chelsea sah, taugen junge aufstrebende Stars wie Thomas Müller, Toni Kroos oder Holger Badstuber nicht mal mehr Spekulationsobjekt anderer Vereine.

Zu homogen präsentiert sich der Klub in dieser Saison auf allen Ebenen im sportlichen Bereich und zu verlockend ist die Aussicht auf eine glorreiche Zukunft unter den jungen Führungsfiguren Matthias Sammer und Pep Guardiola.

Kommentar: Der Götze-Transfer aus Bayern-Sicht

Die Liga fürchtet zwei Big Player

In dieser Hinsicht nehmen die Bayern eine Ausnahmestellung in Deutschland ein. So gesehen hält auch Heribert Bruchhagen die Verpflichtung von Götze für eine "geniale Idee". Der Vorstandsvorsitzende ist aber so etwas wie das inoffizielle Gewissen der Bundesliga und somit auch um den dauerhaften Wettbewerb bedacht.

Das kürzlich geäußerte und schon wieder zurückgezogene Angebot von UIi Hoeneß hat Bruchhagen von Beginn an skeptisch begleitet. Den Götze-Transfer sieht er deshalb aus Sicht der Wettbewerbsfähigkeit der Liga deshalb auch "nicht ganz konform" mit Hoeneß' Gedanken. Das Interesse an Frankfurts Sebastian Rode oder an Schalkes Julian Draxler ebenfalls nicht.

Die Überlegungen von Hoeneß dürften aber ohnehin nie in Bezug auf Transfers zu verstehen gewesen sein. Die Angst der Liga vor spanischen Verhältnissen, oder je nach Blickwinkel auch vor schottischen Verhältnissen, ist durch den Wechsel von Götze jedenfalls gewachsen. Zumal mit Dortmund anders als in den letzten Jahren ein zweiter Big Player auf dem Markt ist und nach Spielern fischt.

Ein europäisches Problem

Das Phänomen betrifft aber nicht nur Deutschland. Es scheint ein Problem des europäischen Fußballs an sich zu sein, dass einige wenige Teams die Ligen in ihrer Heimat dominieren und ihre Meriten vor allem im internationalen Wettbewerb suchen. So unverfroren wie die Macher von Paris St.-Germain hat dies nur sonst noch keiner ausgesprochen.

Borussia Dortmund wird auch in der Post-Götze-Ära zu dieser Kategorie von Klubs gehören. Der BVB hat in den vergangenen Jahren viele richtige Entscheidungen getroffen und Abgänge einzelner Schlüsselspieler (Sahin, Kagawa) kompensieren können.

Problematisch würde es für die Borussia erst, wenn in diesem Sommer ein Exodus starten würde und der Klub neben Götze auch noch Spieler wie Robert Lewandowski und Mats Hummels ersetzen müsste.

BVB vor dem nächsten Schritt

Anders als bei Götze hat der BVB alle Karten selbst in der Hand, beide Spieler haben keine Ausstiegsklausel. Die Dortmunder stehen vor einer ähnlichen Entscheidung wie die Bayern damals bei Ribery: Einkaufsverein oder Verkaufsverein? Interessenten gibt es genug - und das nicht nur für Hummels und Lewandowski.

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat schon vor Götzes Abschied mehrfach erklärt, dass der BVB im Sommer "deutlich investieren" werde und dabei sogar vor "Denkverboten" gewarnt. "Wir wollen die Spitze und die Breite voluminöser machen", sagte Watzke. Das Investitionsvolumen dürfte durch die Transfermillionen nochmal gestiegen sein.

Spieler wie Isco, Christian Eriksen, Heung-Min Son und Patrick Herrmann sind potenzielle Kandidaten, die Götze zwar nicht eins zu eins ersetzen können, aber ins System Klopp passen könnten. Der BVB wird seinen Weg weiter gehen. An der Spitze der Liga, vermutlich auf Augenhöhe mit den Bayern. Die Dortmunder müssen nur den nächsten Schritt machen, erzwungenermaßen früher als geplant.

Mario Götze im Steckbrief

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