Jan Kirchhoff: Mit Beharrlichkeit zum Traumjob

Von Thomas Gaber
Montag, 07.01.2013 | 11:34 Uhr
Jan Kirchhoff wartet noch auf sein erstes Tor in der Bundesliga: 51 Spiele, 0 Treffer
© Getty
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Er kennt Verletzungen, er kennt Stagnation. Seine Karriere ist von Rückschlägen gekennzeichnet. Dennoch bekommt Jan Kirchhoff mit 22 Jahren schon die Chance beim FC Bayern. Ein Spieler, der gerade dabei ist, sich neu zu erfinden.
 

Jan Kirchhoff hatte sich das Beste für den Schluss aufgehoben. Das letzte Spiel des Jahres, der letzte große Auftritt 2012, die vielleicht letzte gewinnbringende Offensivaktion.

Mainz 05 spielte auf Schalke DFB-Pokal; knapp acht Minuten waren beim Stand von 1:1 regulär noch zu absolvieren, als Kirchhoff, kurz zuvor eingewechselt, einen chirurgisch genauen 65-Meter-Pass in den Lauf von Nicolai Müller spielte. Müller nahm den Ball mit rechts an und schoss ihn mit links ins Schalker Tor. 2:1 Mainz, Einzug ins DFB-Pokalviertelfinale.

Als ein eifriger Fieldreporter anschließend von Thomas Tuchel eine Hommage an Müller ob dessen feiner Ballverarbeitung hören wollte, verwies der Mainzer Trainer auf den Passgeber: "Ich würde auch gerne über den langen Ball von Jan Kirchhoff sprechen, denn so einen Pass können nicht viele Innenverteidiger in der Bundesliga spielen."

Für Sammer ein "Rohdiamant"

Diese Aktion wird nicht ausschlaggebend dafür gewesen sein, dass sich der FC Bayern München die Dienste des 22-Jährigen ab Juli 2013 gesichert und sich damit gegen die Konkurrenz aus Leverkusen, Dortmund, Schalke und der halben Serie A durchgesetzt hat.

Doch sie spiegelt das wieder, was Matthias Sammer mit Kirchhoff asoziiert: Der Neue aus Mainz sei ein "Rohdiamant", sagte der Sportvorstand des FC Bayern.

Als DFB-Sportdirektor, dem der Nachwuchs sehr am Herzen lag, hat Sammer die Karriere von vielen deutschen Talenten genau beobachtet. Kirchhoff spielt seit Jahren regelmäßig für die U-Mannschaften des DFB und war zuletzt Vize-Kapitän der U 21.

Jetzt hat er sich für den nächsten Schritt seiner Karriere entschieden.

"Jeder weiß, dass Bayern der größte Verein in Deutschland und einer der größten in Europa ist. Mich reizt einfach die Möglichkeit, mich auf höchstem Niveau messen zu können", sagte Kirchhoff nach der Ankunft des 1. FSV Mainz 05 im Trainingslager in Belek.

Keine Angst vor der Ersatzbank

Die Bayern hätten ihn "in breiter Front" von einem Wechsel überzeugt.

"Ich hatte da ein sehr gutes Gefühl. Und das gute Gefühl, mich bei den Bayern weiterentwickeln zu können, ist auf jeden Fall größer als die Angst, dass ich mich dort nicht durchsetzen kann. Man ist in keinem Verein der Welt, ob München oder Mainz, davor gefeit, auch mal auf der Bank zu landen."

Das Gefühl, nicht zur ersten Elf zu gehören, kennt Kirchhoff nur zu gut. Seine Karriere hing aufgrund von Verletzungen sehr früh am seidenen Faden.

"In einigen Phasen habe ich mich gefragt: 'Warum quäle ich mich durch, wenn nichts mehr Spaß macht?'", sagte Kirchhoff in einem Interview mit SPOX Anfang 2012.

Öffentliche Kritik von Tuchel

Am Ende habe sich aber stets sein Optimismus durchgesetzt, so auch in der abgelaufenen Hinrunde. Nach vier Startelfeinsätzen war Kirchhoff erstmal draußen, in der Bundesliga kamen nur zwei weitere dazu. Kirchhoff war oft nur zweite Wahl in der Innenverteidigung, auch dann, als sich Niko Bungert Anfang Oktober das Kreuzband riss.

Thomas Tuchel, der Kirchhoff schon in der Jugend trainierte und mit ihm 2009 A-Jugend-Meister wurde, nahm seinen Ziehsohn öffentlich in die Mangel.

"Jan spielt nicht so, wie er es kann. Ich wünsche mir, dass er bei den Basis-Aufgaben Konstanz und Zuverlässigkeit höchstes, individuelles Niveau bringt. Er setzt im Spiel nicht das um, was er im Training zeigt", sagte Tuchel im Oktober.

Erfolg dank Beharrlichkeit

Es gehört zu Kirchhoffs angenehmen Eigenschaften, dass er seine eigenen Leistungen realistisch einschätzt und vor allem kritisch beäugt.

"Ich hatte Spiele, in denen ich nicht gut war. Mal war ich zu verkrampft, mal hätte ich mehr Siegeswillen ausstrahlen müssen, mal hatte ich nicht die Ruhe und Sicherheit", sagte er.

Mit Rückschlägen kennt sich Kirchhoff aus; sie haben ihn in seiner noch jungen Karriere oft begleitet. Er hat gelernt, damit umzugehen - durch viel Arbeit.

"Nicht jeder Spieler kann sich ohne ein gewisses Wohlgefühl und ohne ständige Bestätigung extrem pushen. Wer seine Zweifel besiegen kann in Zeiten der Stagnation, der hat Vorteile. Du musst dich überwinden und quälen können, du musst dich auch in einem Auf-und-ab-Prozess zusammenreißen", sagte er der "Rhein-Zeitung" in einem Interview 2012.

Lieber Innenverteidiger als Mittelfeldspieler

Seine Beharrlichkeit hat ihm einen bis 2016 datierten Vertrag beim FC Bayern eingebracht. Die Münchner planen mit Kirchhoff in erster Linie als Innenverteidiger, obwohl er sich mittlerweile auch im defensiven Mittelfeld wohlfühlt und von Tuchel auch immer öfter vor der Abwehr eingesetzt wird.

"Grundsätzlich ist Jan aber ein Innenverteidiger", sagt Tuchel, "das ist die Position, auf der er seinen Weg machen wird."

Kirchhoff hat nach eigener Einschätzung noch viel zu entwickeln in seinem Spiel, um im Mittelfeld bleibende Eindrücke zu hinterlassen.

"Ich verfüge über ein sauberes Passspiel und eine gute Ballannahme. Es gibt dennoch unzählige Zehner und Sechser, die eine viel bessere Technik haben als ich", sagte er zu SPOX.

Ins Mainzer 4-3-1-2 passt Kirchhoff, ins vom FC Bayern praktizierte 4-2-3-1 dagegen weniger. "Die defensive Position im 4-2-3-1-System fällt für mich praktisch weg, weil ich mich nur alleine auf der Sechs wohlfühle. Dort bin ich dann auch eher ein Verteidiger."

Tuchel: "Wir freuen uns alle"

Sein Entwicklungsprozess vom reinen Verteidiger zu einem vielseitigen Defensivspezialisten soll ab Juli 2013 beim FC Bayern fortgeführt werden. In Mainz lässt er laut Tuchel nur zufriedene Gesichter zurück.

"Wir freuen uns alle für Jan, dass er diese Möglichkeit erhält. Es ist eine Auszeichnung für Mainz 05 und das Nachwuchsleistungszentrum, dass wir einen Spieler aus der B-Jugend so weit bringen und bis zum höchsten Niveau ausbilden können", sagte der Coach.

Um auch bei den Mainzer Fans immer in bester Erinnerung zu bleiben, sollte Kirchhoff in der Rückrunde den einen oder anderen genialen 65-Meter-Pass an den Mann bringen.

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