Fussball

"Cantona ist unter aller Sau"

Von Interview: Haruka Gruber
Jörg Stiel bei der EM 2004 im Einsatz für die Schweiz gegen Frankreich und Zinedine Zidane
© Imago

Ein Leben voller Romantik, Irrungen und "Arschlöcher": Mönchengladbachs Kultkeeper Jörg Stiel über den Durchbruch als 32-jähriger Fußball-Rentner und seine Bewunderung für Marc-Andre ter Stegen, dem zukünftigen "weltbesten Keeper".

SPOX: Herr Stiel, Sie hatten für die Zeit nach der Profi-Karriere einen Traum: "Ich will nicht mehr mit Menschen zusammenarbeiten müssen, die ich nicht ausstehen kann, egal für wie viel Geld." Blieb es ein Traum?

Jörg Stiel: Im Prinzip verfolge ich immer noch den Traum, dennoch muss ich die Aussage von damals differenzieren: Wenn ich weiß, dass ich Montagfrüh einen Termin - Entschuldigung für die Ausdrucksweise - mit einem Arschloch habe, kann ich den Sonntagnachmittag schon komplett vergessen. Von daher würde ich gerne nur noch Menschen um mich haben, mit denen ich mich super verstehe. Aber: In der realen Welt muss man sich arrangieren. Deswegen sehe ich es nicht mehr ganz so eng wie früher. Solange mir der Gesprächspartner Respekt und Achtung entgegenbringt, ist es für mich okay.

SPOX: Was heißt okay?

Stiel: Ich ziehe klare Grenzen. Ich sage alle Prosecco-Empfänge ab, weil bei solchen Anlässen - noch einmal Entschuldigung für die Ausdrucksweise - viele Arschlöcher anzutreffen sind. Ausnahmen mache ich nur, wenn ich einem Freund einen Gefallen tun kann oder wenn ich für den Auftritt bezahlt werde. Den ganzen Rest brauche ich nicht mehr. Für was auch? Ich verdiene so, dass ich ein zufriedenstellendes Leben führen kann, und habe zusätzlich einen Schuhsponsor, einen Klamottensponsor, einen Uhrensponsor und einen Unterwäschesponsor. Das ist nicht schlecht.

SPOX: Sie haben einen Unterwäschesponsor?

Stiel: Das sind die lustigen Storys, die entstehen, wenn sich nette Leute unterhalten. Einem Freund von mir gehört die Unterwäschefirma "Gia Dee", die nicht nur mich, sondern meine beiden Ex-Klubs Mönchengladbach und St. Gallen ausstattet. Das ist Nehmen und Geben auf Augenhöhe - und ich muss in meinem Leben wohl nie wieder Unterhosen kaufen. Das ist der wahre Luxus des ehrlichen Mannes. (lacht)

SPOX: Sie scheinen mit sich im Reinen. Ist das Leben nach der Fußballer-Laufbahn doch nicht so beschwerlich, wie es immer heißt?

Stiel: Ganz im Gegenteil: Für mich war es richtig, richtig hart. Die Umstellung bereitete mir große Probleme. Vor allem emotional. Ich wusste plötzlich nicht mehr, was meine Prioritäten sind, als der Fußball wegfiel. Ich musste meine gesamte Vergangenheit aufarbeiten, um mir klar zu werden, wie ich mein restliches Leben angehen möchte.

SPOX: Geht das konkret?

Stiel: Ich hatte eine Psychologin, ich bezeichne sie einfach mal als Psychotante, die mich die ersten eineinhalb Jahre begleitete und mittlerweile mein persönlicher Coach ist. Wir redeten darüber, dass mein Selbstverständnis nicht alleine dadurch definiert werden darf, was ich als Sportler geleistet habe. Als Profi-Fußballer lebt man unter einer Glocke und sieht die reale Welt nur verschwommen. Wenn die Glocke plötzlich verschwindet, steht man da und ist überfordert von all dem neuen Input. Um damit klarzukommen, benötigte ich Hilfe.

SPOX: Wie sieht Ihr heutiges Leben aus?

Stiel: Ich arbeite für das Unternehmen "Reusch" und vertreibe Torwart- und Ski-Handschuhe. Außerdem helfe ich sozialen Projekten wie das Kinderhilfswerk Kuba oder der Schweizer Tafel. Und wenn es die Zeit zulässt, organisiere ich Events wie die Schneefußball-WM in Arosa mit.

SPOX: Sie waren zudem Mitglied der Schweizer Beachsoccer-Nationalmannschaft.

Stiel: Dafür fehlt mir mittlerweile leider die Zeit.

SPOX: Ihr Zusammenstoß mit Eric Cantona bei der Beachsoccer-WM 2009 ist nicht der Grund? Er unterstellte Ihnen, ein Rassist zu sein, und ohrfeigte Sie.

Stiel: Von so einem lasse ich mir nicht vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe! Der kann sich nicht einmal artikulieren! Der Typ ist so unter aller Sau, der hat sie nicht alle! Über den Typen ein Wort zu verlieren ist ein Wort zu viel. Mich als Rassisten zu beschimpfen ist das Absurdeste, was ich je gehört habe. Ich weiß ganz genau, was es heißt, als Ausländer in einem fremden Land zu leben.

SPOX: Sie wechselten 1993 für ein Jahr nach Mexiko zu Toros Neza - dabei sprachen Sie kein Wort Spanisch. Wie erging es Ihnen dort?

Stiel: Ich war der krasse Exot. Ein Schweizer Torwart in Mexiko - einfach nur verrückt. Ich zog mit meiner damaligen Freundin und jetzigen Ex-Frau ans andere Ende des Planeten und wir saßen auf einmal da: ohne Spanischkenntnisse, ohne Freunde, nichts. Aber ich habe mich durchgebissen und die Sprache gelernt, weil mir ohnehin nichts anderes übrig blieb. Irgendwann war ich voll integriert und saß mit den Mexikanern, Argentiniern und Uruguayern an einem Tisch und wurde wie einer von ihnen behandelt.

SPOX: Warum sind Sie als 25-Jähriger überhaupt von Ihrem Heimatverein St. Gallen nach Mexiko gewechselt?

Stiel: Ich war ein beleidigtes Kind. Ich erfüllte jedes Klischee eines Fußball-Profis: verzogen, verwöhnt, eingebildet. Aus einem früher netten Jungen wurde ein Großmaul, ein Schaumschläger, eine Hackfresse. Alles, was du willst, ich war es. Als dann plötzlich St. Gallen mir mitteilte, dass sie mich nicht mehr wollen, schlug ich um mich und ging aus Trotz nach Mexiko.

SPOX: Und durch die Zeit in Mexiko wurden Sie geläutert?

Stiel: Nein, das dauerte noch. Ich kehrte damals aus privaten Gründen schon nach einem Jahr wieder in die Schweiz zurück. Im Nachhinein betrachtet vielleicht ein Fehler. Beim FC Zürich wurde ich ähnlich wie zuvor in St. Gallen nach zwei Jahren rausgeschmissen. Das war 1996 - und ich steckte mit 28 Jahren in der fußballerischen Midlife-Crises. Statt mich selbst kritisch zu hinterfragen, dachte ich mir: Warum gibt es überall Arschlöcher?

SPOX: Die Antwort?

Stiel: Während der Midlife-Crisis kam ich irgendwann zur Erkenntnis, dass ich mich nicht mehr so wichtig nehmen sollte. Wenn alle anderen Arschlöcher sind - bin ich nicht selbst ein Arschloch? Wenn man andauernd nur Arschlöcher sieht - muss man nicht selbst ein Arschloch sein? Ich traf damals zum Glück Leute, die mir den Spiegel vorhielten und später zu Freunden wurden.

Teil II: "Ter Stegen steckt Tim Wiese in die Tasche"

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