Bruno Labbadia im Interview

"Ich war wie ein Groundhopper"

Dienstag, 24.02.2015 | 11:15 Uhr
Bruno Labbadia trainierte in der Bundesliga Leverkusen, den HSV und Stuttgart
© imago
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Seit eineinhalb Jahren ist Bruno Labbadia ohne Trainerjob. Der ehemalige Coach des VfB Stuttgart spricht im Interview ausführlich über seine Art von Groundhopping, den permanenten Stress als Trainer, das Schwarz-Weiß-Denken im Fußball und seine Wünsche für die Zukunft.

SPOX: Herr Labbadia, am 26. August 2013 hat sich der VfB Stuttgart von Ihnen getrennt. Sie waren gerade zuletzt viel unterwegs und haben sich wieder Spiele angeschaut. Haben Sie die Zeit auch zu einer Hospitanz genutzt?

Bruno Labbadia: Nein. So etwas macht in meinen Augen am meisten Sinn während den beiden Vorbereitungsphasen, da man dann viele Trainingseinheiten auf einmal sehen kann. Ich habe das aber nach meiner 19 Jahre langen Zeit als Profi gemacht, bevor ich in den Trainerjob eingestiegen bin. Das war 2006, ich bin eine Woche lang beim FC Barcelona sowie zwei Wochen beim FC Basel unter Christian Gross zu Besuch gewesen. Jetzt habe ich mich dazu entschieden, mehrere Standorte anzuschauen, ohne dort aber zu hospitieren.

SPOX: Wo waren Sie überall?

Labbadia: Vor allem in England. Dort habe ich mir 16 von 20 Erstligisten sowie Spiele von Zweit- und Drittligisten angesehen. Ich war auch in Italien, um mir das taktische Niveau anzuschauen, das nach wie vor herausragend ist. In Spanien war ich ebenfalls und zum Schluss auch bei LA Galaxy in den USA, weil sich im amerikanischen Fußball einfach viel bewegt. Mir ging es einfach darum, die genauen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern durch längere Vor-Ort-Beobachtungen herauszuarbeiten.

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SPOX: Beim FC Liverpool haben Sie auch das Trainingszentrum angeschaut. Wie kam es dazu?

Labbadia: Ich habe dort einen guten Kontakt, der mir das zum Glück ermöglichen konnte. Es gibt zwar in Deutschland sicherlich noch modernere Trainingszentren, aber es war dennoch sehr beeindruckend. Unglaublich auch, wie man überall den Fußball und seine Tradition atmen kann, wenn man durch das Trainingszentrum läuft. Dort passt vieles einfach wunderbar zusammen.

SPOX: Haben Sie die einzelnen Spiele als regulärer Zuschauer gesehen und wie hoch war die Schlagzahl Ihrer Besuche?

Labbadia: Ich habe mir ein paar Mal ein reguläres Ticket gekauft, meistens konnten mir aber die Vereine weiterhelfen. Ich war da teilweise wie ein Groundhopper und habe auch mal zwei Spiele an einem Tag gesehen. Da haben wir uns mittags Sampdoria gegen Lazio angesehen, mussten fünf Minuten vor Schlusspfiff aber regelrecht aus dem Stadien rennen und ins Taxi steigen, damit wir den Zug nach Bologna noch kriegen, die abends gegen Inter antraten (lacht). In England war ich mit meiner Frau und meinem Sohn, in Italien zusammen mit einem Freund. Mir ging es auch darum, im Vorfeld bereits die Atmosphäre zu schnuppern und mich ein bisschen im Stadionumfeld zu bewegen.

SPOX: Welches Erlebnis ist Ihnen am ehesten im Kopf geblieben?

Labbadia: Die Stadionbesuche in England. Dort sitzt man teilweise noch auf Holzbänken oder hat eine Säule im Blick, aber ist dafür total nah dran am Geschehen. Als ich bei Aston Villa war, bekam ich die Aufstellung von deren ältesten noch lebenden Spieler in die Hand gedrückt. Dieser Charme und die Leidenschaft der Zuschauer für den Sport gefallen mir unheimlich gut. Solange ich mich nicht selbst im Innenraum bewege, bin ich eben auch Fußball-Fan.

SPOX: Was waren die fachlich größten Erkenntnisse, die Sie mitgenommen haben?

Labbadia: Es geht nicht darum, etwas Unbekanntes zu entdecken. Wichtiger war mir, die Begebenheiten in den Ländern einfach mal live und in Ruhe zu sehen. Da wurde dann beispielsweise in Italien augenscheinlich, wie sehr die Mannschaften defensivtaktisch orientiert sind. Selbst der Tabellenletzte ist dort auf ein Zeichen des Trainers hin in der Lage, innerhalb kürzester Zeit von Dreier- auf Viererkette umzustellen und dennoch keinen Bruch im Spiel zu haben. Oder das Thema Raumaufteilung: In Europa ist völlig ersichtlich, dass eine Mannschaft Probleme bekommt, sobald die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen auch nur minimal nicht passen. In den USA stehen Offensive und Defensive dagegen deutlich weiter auseinander, so dass die Individualität viel mehr zum Tragen kommt.

SPOX: Waren diese Besuche für Sie reine Arbeit oder haben Sie dort auch Ihre Freizeit genossen?

Labbadia: Fußball ist keine Arbeit für mich in diesem Sinne. Das ist vor allem Leidenschaft. Ich habe zwar viel Zeit in diese Art von Weiterbildung investiert, es aber auch mit dem Privatem verbunden. Wir waren manchmal touristisch unterwegs, in Liverpool haben wir uns auf die Spuren der Beatles gegeben oder auch einfach mal ein schönes Abendessen zusammen genossen. Ich konnte so einige Städte, in denen ich bereits war, freier genießen und besser kennen lernen.

SPOX: Mit der Freiheit wäre es aber prompt vorbei, wenn Sie wieder einen neuen Job antreten würden. Dann prasselt sofort ungebremst die enorme Intensität dieses Berufs auf Sie ein. Ist dies grundsätzlich das größte Zugeständnis, das man machen muss?

Labbadia: Natürlich, die Zeit geht einem dann einfach flöten. Es ist die Kunst für einen arbeitenden Trainer, sich auch mal aus der sportlichen Situation herausnehmen zu können. Das gelang mir zu Beginn meiner Trainerkarriere nicht besonders gut.

SPOX: Inwiefern?

Labbadia: Ich lief mit Scheuklappen herum und atmete kaum durch, weil man eben so sehr in seinem Element ist. Die aktuelle Phase ist jetzt erst meine zweite Auszeit in diesem Geschäft nach über 30 Jahren. Es dauerte bei mir 27 Jahre - 19 als Profi und acht als Trainer - bevor ich mir mal länger als zwei Wochen Urlaub nahm. Ich wollte und konnte das damals nicht anders. Im Prinzip kann man nämlich immer arbeiten. Es ist mir aber nach den einzelnen Erfahrungen klar geworden, dass es genauso wichtig ist, auch mal ganz bewusst eine Ruhepause für einen halben Tag einzulegen. Mit der Zeit habe ich für mich funktionierende Mechanismen gefunden.

SPOX: Welche sind das?

Labbadia: Einerseits körperliche Betätigung: Ich gehe beispielsweise regelmäßig ohne Musik laufen, um einfach den Kopf frei zu bekommen. Mir hilft es aber auch sehr, mich im Kreise meiner Familie und Freunde zu bewegen. Ich bin ein Film-Freak, schaue mir gerne Thriller an oder gehe ins Kino. Mit der Serie "Shameless" habe ich meine ganze Familie angesteckt (lacht). Das sind Dinge, die sich eingespielt haben und mir die nötige Ruhe zurückbringen.

SPOX: Welche Einflüsse waren Ihnen zu Beginn Ihrer Zeit als Trainer neu?

Labbadia: Ich bin als Spieler eigentlich nie auf der Couch eingeschlafen. In meinen ersten beiden Jahren als Trainer bin ich allerdings regelmäßig um halb 11 abends eingepennt, obwohl ich ein Nacht-Mensch bin. Dieses permanente Sprechen, Zuhören, plötzlich nicht nur für dich selbst, sondern für alle möglichen Belange zuständig zu sein - das machte mich wahnsinnig müde. Ich dachte am Schluss meiner Spielerkarriere immer, ich könnte wie ein Trainer denken. Das war aber nicht annähernd der Fall. Wenn man zum Trainingsgelände fährt, warten dort jeden Tag neue Herausforderung auf einen, die nicht nur die Arbeit mit der Mannschaft betreffen. Das war anfangs schon eine enorme Umstellung, die ich in dieser Dimension nicht unbedingt erwartet hätte. Da bin ich ehrlich.

SPOX: Als Sie Ihren letzten Job beim VfB annahmen, waren Sie sofort im Abstiegskampf gefragt - das hatten Sie zuvor noch nicht. Wie sind Sie damit umgegangen?

Labbadia: Es war nicht einfach. Ich stand auch als Spieler häufiger auf der Sonnenseite und habe nicht oft gegen den Abstieg gespielt. Den VfB dann mit zwölf Punkten in der Winterpause zu übernehmen, war eine unglaublich wichtige Erfahrung und hat mich als Trainer kompletter gemacht. Man geht mit einem Heidenrespekt an eine solche Herausforderung heran, gerade bei einem Traditionsverein müssen dann sehr viele Faktoren gut laufen. Wenn ich das rückblickend betrachte, bin ich froh sagen zu können, dass ich in diesem halben Jahr zum Glück so gut wie keinen Fehler gemacht habe.

Seite 1: Labbadia über seine Art von Groundhopping und den Stress als Trainer

Seite 2: Labbadia über Schwarz-Weiß-Denken, seine Wutrede und Zukunftswünsche

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