Die glorreichen Sieben jagen den Champion

Jan-Hendrik Böhmer
06. September 201207:32
Victor Cruz (l.) peilt mit seinen New York Giants die Titelverteidigung anGetty
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In der Nacht auf Donnerstag eröffnet der Champion aus New York die Saison gegen die Dallas Cowboys (2.30 Uhr im LIVESCORE und auf ESPN America) Wie stehen die Chancen der Giants auf ein Super-Bowl-Revival? Welches Team könnte für eine Überraschung sorgen? Und warum sollte man die gepeinigten Saints nicht abschreiben? SPOX liefert die Antworten im großen Favoritencheck.

Green Bay Packers: Die Pass-Offense der Packers? Sie ist einfach überragend. Aaron Rodgers ist einer der besten Quarterbacks der Liga und kann zudem auf eine nahezu unverändert gute Gruppe an Passempfängern zurückgreifen. Der Vorteil der Packers: Nicht nur die Top-Receiver Jordy Nelson, Greg Jennings sowie Tight End Jermichael Finley sind brandgefährlich, gleich zehn unterschiedliche Spieler fingen in der vergangenen Saison mindestens einen Touchdown-Pass. Kaum ein anderes Team kann die Last auf so viele Schultern verteilen. Zum Vergleich: Bei den Patriots waren es nur fünf unterschiedliche Pass-Empfänger in der Endzone. Kurz gesagt: Ein Albtraum für die gegnerische Defense. Und in diesem Jahr könnte es noch schlimmer werden. Denn während die Packers im vergangenen Jahr wegen des oft nicht existenten Laufspiels quasi nur auf Rodgers Arm vertrauten, muss der in diesem Jahr vermutlich nicht mehr alles selbst erledigen.

Mit der Verpflichtung von Running Back Cedric Benson (zuletzt drei 1000-Yard-Seasons hintereinander) hat man nun eine echte Alternative. Benson? Benson? Hatte der nicht auch mal Dreck am Stecken und wurde wegen mangelnder Motivation in Cincinnati nicht weiter unter Vertrag genommen? Stimmt. Doch der 29-Jährige soll sich in Green Bay extrem gewandelt haben und könnte den Packers das ausgeglichene Angriffsspiel bescheren, das man bisher vermisste. Größtes Fragezeichen bleibt daher die Defense. Im Vorjahr verteidigte kein Team so schlecht gegen den Pass wie die Packers. Doch auch dieses Problem glaubt man (vor allem durch den Draft von sechs Verteidigern) in den Griff bekommen zu haben. Insgesamt sind die Packers also wieder einer der Top-Favoriten auf den Super Bowl.

New England Patriots: Was soll man zu den Patriots noch sagen? So lange Tom Brady und Bill Belichick zusammenarbeiten, zählt New England eigentlich immer zu den heißesten Super-Bowl-Kandidaten. Die ohnehin starke Offense bekam mit Receiver Brandon Lloyd (St. Louis) nochmal ein ordentliches Upgrade verpasst. Und das ist längst nicht alles. Denn das, was bei den Patriots in Sachen Tight Ends abgeht, ist nur als "unfassbar" zu beschreiben. Mit Rob Gronkowski und Aaron Hernandez hatte man in Foxborough ohnehin bereits das vermutlich beste TE-Duo der NFL, nun kamen mit Visanthe Shiancoe (Vikings) und Jake Ballard (Giants) noch einmal zwei Spieler hinzu, die bei fast jedem anderen NFL-Team sofort in der Startformation stünden.

Selbst der Verlust von Top-Rusher BenJarvus Green-Ellis sollte zu verkraften sein. Schließlich hat man sich mit Stevan Ridley und Danny Woodhead noch immer ein überdurchschnittlich gutes Duo beisammen. Wie gut? So gut, dass man den zwischenzeitlich verpflichteten Joseph Addai (zuletzt Colts) gleich wieder nach Hause schickte. Zudem ist Left Guard Logan Mankins wieder einsatzbereit und auch die Defense (zuletzt besonders gegen den Pass anfällig) wurde mit sechs Spielern im Draft noch einmal verstärkt. Alles andere als ein Run auf den Super Bowl wäre für Brady und Co. eine herbe Enttäuschung.

San Francisco 49ers: Die 49ers waren das Überraschungsteam der vergangenen Saison. Mit einer extrem starken Defense und einer - nennen wir es: soliden - Offense, die eigentlich hauptsächlich durch die Vermeidung von Turnovern und ein gutes Laufspiel auffiel, war erst im NFC Championship Game gegen den späteren Champion aus New York Schluss. Doch was geht 2012? Fakt ist: In diesem Jahr steht das Team von Coach Jim Harbaugh noch besser da. Alle elf Starter der besten Defense der Liga kehren zurück und im Angriff hat man noch einmal kräftig nachgerüstet. Mit Randy Moss (zuletzt Tennessee Titans, 2010) und Mario Manningham (Giants) bekommt Quarterback Alex Smith zwei erfahrene Top-Receiver an die Seite gestellt, die zusammen mit Draft-Pick A. J. Jenkins und Michael Crabtree für zahlreiche Big-Plays sorgen sollen.

Auch das Laufspiel wurde mit der Verpflichtung von Brandon Jacobs (Giants) und dem Draft von LaMichael James noch einmal verstärkt. Das entlastet Frank Gore, der ohnehin zu den besten Running Backs der Liga gehört. Zusammen ergibt das eines der talentiertesten Teams der Liga, das jetzt auch noch über einen der tiefsten Kader verfügt. Kurz: Die 49ers sind einer der Favoriten auf die Krone in der NFC - und den Super Bowl. Einziges Fragezeichen: Kann Alex Smith auch dann überzeugen, wenn es auf seinen Wurfarm ankommt? Das war bisher nicht immer der Fall. Erster Prüfstein ist gleich der Saisonauftakt. Da geht es nämlich gegen die Packers - in Green Bay.

New York Giants: Der amtierende Champion darf in einem Favoritencheck natürlich nicht fehlen. Besonders dann nicht, wenn sich das Team im Vergleich zum Vorjahr sogar noch einmal verbessert hat. Moment? Haben die Giants nicht Mario Manningham verloren? Brandon Jacobs? Und Jake Ballard? Stimmt. Aber seien wir mal ehrlich: die hat man bei den Giants ohnehin nicht wirklich gebraucht. Mit Hakeem Nicks und Victor Cruz verfügt man über zwei absolute Spitzen-Receiver und im Draft kam mit Rueben Randle noch ein Rookie hinzu, der sofort starten kann. Auch wenn es für Cruz vermutlich schwierig wird, an seine unfassbaren Zahlen aus dem Vorjahr anzuknüpfen, da sich die Verteidiger nun auf ihn einstellen können, hat Quarterback Eli Manning mehr als genug erstklassige Ziele.

Er selbst hat sich mit seinem zweiten Super-Bowl-Erfolg endgültig als einer der Spitzen-Quarterbacks der Liga etabliert und wird dadurch gestärkt in die Saison gehen. Die Defense um Jason Pierre-Paul, Mathias Kiwanuka und Justin Tuck sorgt bei gegnerischen Quarterbacks ohnehin für schlaflose Nächte. Ob es für einen erneuten Run auf den Super-Bowl reicht, muss sich dennoch erst zeigen. Nicht immer hat das Team in der Vergangenheit nach einem Erfolg gleich wieder in die Spur gefunden.

Baltimore Ravens: Die Ravens-Defense ist eine der besten der NFL. Ja, noch immer. Auch ohne Linebacker Terrell Suggs, der mit einer gerissenen Achillessehne mindestens die erste Saisonhälfte verpasst. Und ja, auch wir wissen, dass Ray Lewis mittlerweile 37 Jahre alt ist. Nur Lewis selbst scheint das niemandem erzählt zu haben. Der Linebacker stellte sein Offseason workout noch einmal um und ist in der Form seines Lebens. Es bleibt also dabei: Die Ravens sind defensiv eine Macht. Angeführt von Tackle Haloti Ngata und verstärkt durch den noch etwas rohen aber extrem talentierten Draft-Pick Courtney Upshaw sollten sie auch in diesem Jahr wieder zu den unangenehmsten Gegnern der Liga zählen.

Und offensiv? Auch hier sind die Ravens gut aufgestellt. Quarterback Joe Flacco hat sich zuletzt ständig verbessert und verfügt nun über die Erfahrung, auch in schwierigen Spielen zu bestehen. Ihm zur Seite stehen mit Anquan Boldin und Torrey Smith zwei Big-Play-Receiver, die für seinen starken Arm wie gemacht sind. Mit Ray Rice hat Baltimore zudem einen der besten Running Backs der Liga in den eigenen Reihen. Nach Jahren des "irgendwie-nahe-dran-Seins" sind die Ravens reif für den großen Wurf. Einziges Fragezeichen ist die Tiefe des Kaders. Hier könnte es bei Verletzungen eng werden.

Houston Texans: Die Texans haben Andre Johnson und Arian Foster. Das alleine würde bereits genügen, um sie für einen Playoff-Run ins Gespräch zu bringen. Johnson fing in den vergangenen vier Jahren Pässe für fast 5000 Yards - und das, obwohl er in 2011 wegen einer Verletzung nur sieben Spiele bestritt. Foster (der ebenfalls wegen einer Verletzung mehrere Spiele pausierte) ist hinter Maurice Jones-Drew (Jaguars) der zweitbeste Running Back der vergangenen zwei Jahre (2840 YDS in 2010 & 2011). Doch das ist längst nicht alles. Mit Matt Schaub hat Houston einen mehr als soliden Quarterback, der in diesem Jahr neben Johnson und Kevin Walther mit Draft-Pick Keshawn Martin einen explosiven (wenn auch aktuell noch Fumble-anfälligen) Passempfänger hinzubekommen hat.

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Auch beim Laufspiel hat man mit der Verpflichtung von Justin Forsett (Seattle) noch einmal mehr Tiefe geschaffen. Und in der Defense? Hier trennte sich Defensive-Coordinator Wade Phillips zwar von Mario Williams und DeMeco Ryans - sollte aber dennoch hervorragend aufgestellt sein. Brian Cushing (114 Tackles) und Connor Barwin (11,5 Sacks) gehören zu den Besten ihres Fachs. Mit den Colts im Umbruch sind die Texans klarer Favorit auf den Titel in der AFC South. Ob es für mehr reicht, wird unter anderem an der Gesundheit der Spieler liegen. Neben Johnson und Foster verletzte sich im Vorjahr nämlich auch Schaub, sodass Houston ausgerechnet in der entscheidenden Phase auf Rookie T.J. Yates setzen musste.

Philadelphia Eagles: Die Eagles. Sie sind mal wieder in der Riege der Super-Bowl-Hoffnungen mit dabei. Wie eigentlich so oft. Ob sie diesmal tatsächlich einen tiefen Playoff-Run schaffen, hängt allerdings von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel davon, ob Quarterback Michael Vick gesund bleibt. Der 32-Jährige hat seit seiner Rückkehr in die NFL 2009 keine komplette Saison mehr durchgespielt und musste auch in der Preseason bereits viel einstecken. Fällt Vick erneut aus, wird es bitter. Zwar hat man mit Nick Foles bereits einen potenziellen Nachfolger gedraftet, doch den Rookie ins kalte Wasser werfen zu müssen, wäre definitiv ein Rückschlag.

Weiteres Fragezeichen: die Defense. Während die Offense mit Running Back LeSean McCoy und den Passempfängern DeSean Jackson, Jeremy Maclin und Brent Celek ohne Frage über das nötige Talent verfügt, ist die Defense trotz der Verpflichtung von DeMeco Ryans (Texans) sowie eines guten Drafts (Fletcher Cox) noch ein Fragezeichen. Besonders die Safety-Position macht den Experten derzeit noch Sorgen. Fazit: Erst einmal müssen die Eagles die harte NFC East überstehen. Doch gelingt ihnen das und bleibt Vick gesund, könnte es ihr Jahr werden.

New Orleans Saints: Was soll man von den Saints halten? Muss New Orleans nach dem Bounty-Skandal und den damit verbundenen Sperren gegen Coach Sean Payton (komplette Saison), dessen Assistant Joe Vitt (sechs Spiele), Manager Mickey Loomis (acht Spiele), Linebacker Jonathan Vilma (komplette Saison) und Defensive End Will Smith (vier Spiele) die Saison bereits vor dem ersten Spiel abschreiben? Viele Experten sagen: ja. Wir sagen: nein, das müssen sie nicht! Zwar schmerzen die Sperren, doch auf dem Feld sollten sie kaum auffallen. Natürlich tut der Verlust von Coach Peyton weh, doch mit Drew Brees hat man einen erfahrenen Quarterback, der auf dem Feld viele Coaching-Aufgaben übernehmen wird. Dass er werfen kann, steht ja ohnehin außer Frage. Besonders, da Brees auf Tight End Jimmy Graham und Receiver Marques Colston, seine liebsten Anspielstationen vertrauen kann.

Absolute Stärke der Saints ist dennoch das Laufspiel. Neben dem flexibel einsetzbaren Darren Sproles verfügen die Saints mit Pierre Thomas, Mark Ingram und Chris Ivory gleich über drei erstklassige Running Backs. Auch die Defense sollte sogar eher noch besser geworden sein. Mit Curtis Lofton (147 Tackles für die Falcons in 2011) haben sich die Saints gezielt verstärkt, dazu kommen einige Talente aus dem Draft - und Coordinator Steve Spagnuolo. Die Saints könnten das erste Team werden, das im eigenen Stadion den Super Bowl gewinnt.

Honorable Mentions: Die Pittsburgh Steelers haben ihre O-Line aufgestockt und damit das Leben von Quarterback Ben Roethlisberger erheblich erleichtert. Solange er gesund bleibt, sind die Steelers ein sicherer Playoff-Kandidat - auch wenn das Running-Game nicht mehr so überragend ist wie in der Vergangenheit und die Defense ihren Schrecken ein wenig verloren hat. Mit der Verpflichtung von Brandon Marshall haben die Chicago Bears das, was ihnen zuletzt gefehlt hat: einen absoluten Top-Receiver für Quarterback Jay Cutler.

Packt man ein starkes Laufspiel und eine sichere Defense hinzu, sieht es gut aus für die Bears. Die Frage ist nur: Bleibt die in die Jahre gekommene Defense gesund - und kann Cutler endlich auch in einem großen Spiel überzeugen? Die Atlanta Falcons warten jetzt bereits seit einigen Jahren auf den großen Wurf. Immer wieder zählen in der Regular Season zu den Mitfavoriten, immer wieder scheitern sie in den Playoffs. Die Pass-Defense ist und bleibt die Schwachstelle der Falcons.

Der Spielplan der neuen NFL-Saison